Zerbrechlich und filigran
Agnes Obel „Citizens of glass“

Sabine VierusVon

Der gläserne Mensch in der heutigen Zeit – dies ist ein Thema, mit dem sich jeder einmal auseinandersetzen sollte. Die Sängerin Agnes Obel hat dies getan und auf ihre Art musikalisch umgesetzt.

Die gebürtige Dänin kam am 28.10.1980 in Kopenhagen zur Welt, befasste sich früh mit der Musik und lernte das Klavierspielen am heimischen Piano. Agnes Obel war Mitglied einer Schulband und einer Mädchenband, bevor sie die Solopfade ihrer Karriere beging. Das dänische Publikum begeisterte sie sofort, was sichtbar mit Platz eins für die ersten beiden Alben Philharmonics und Aventine in den dänischen Charts honoriert wurde. Ganz so erfolgreich war sie hierzulande bisher nicht. Sie wurde aber durch einen Werbespot im Jahr 2009 mit ihrem Song Just so auch einem breiten Publikum in Deutschland bekannt. Seit 2006 hat die Künstlerin Berlin als Heimat auserkoren und produziert seitdem auch dort ihre Musik. Nach drei Jahren erscheint nun das dritte Werk Citizens of glass und es ist einfach wunderbar, wie es die dänische Schönheit mit ihrer glasklaren Stimme und den dezent im Hintergrund agierenden Instrumenten, wie Klavier, Cello oder Vibrafon, schafft, eine wundervolle eigene Klangwelt aufzubauen.

Agnes Obel erhält sich die musikalische Leichtigkeit der beiden Vorgängeralben und versteht es, diese noch zu verfeinern, eben entsprechend des Albumtitels zerbrechlicher zu gestalten. Leise und mit meist mit wenig, ganz zartem Rhythmus unterlegt, verbreitet sich eine mystische, in manchen Momenten beklemmende Atmosphäre, die aber nie in Düsterkeit abgleitet. Agnes Obels Stimme präsentiert sich mal allein, mal überlagert wie im Chor oder auch verzerrt. Sie transportiert auf den Punkt eine Stimmung von Zartheit und Zerbrechlichkeit in den Raum, die unglaublich angenehm erscheint, gleichwohl das Thema sicher eher bedrückend ist. Für mich ist es schwierig, einen Favoriten zu benennen, daher möchte ich es einfach nicht. Jeder einzelne der zehn Songs ist es wert, von Anfang bis Ende gehört zu werden. Die Virtuosin setzt sich mit der gesamten Bandbreite der Gläsernheit aus. Wie weit soll sich ein Mensch heutzutage der Öffentlichkeit preisgeben? Oder wie weit möchte er dies? Es gibt hierzu sicher weitaus mehr Fragen, die sich jeder stellen könnte. Stellt mir jedoch jemand die Frage, ob ich Citizens of glass empfehlen würde, beantworte ich dies mit einem glasklaren „Ja“. Agnes Obel bereichert mit diesem Album die Musikwelt und lässt den Hörer getragen und erwärmt die letzten, kalten Tage des Jahres musikalisch wunderbar genussvoll ausklingen.

Agnes Obel: Citizens of glass, Play It Again Sam (rough trade), 21. Oktober 2016

Sabine Vierus
Sabine Vierus
Gebürtige Lübeckerin (1971), seit 2016 die Landeshauptstadt Kiel als neue Heimat gewählt. Ausgeprägte Leidenschaft für Musik seit sie laufen kann. Das umfangreiche Musikwissen hat sie als Kauffrau über zwanzig Jahre im CD-Vertrieb an ihre Kunden weitergegeben. In der Freizeit oft mit der Kamera unterwegs; schreibt einen eigenen Blog. Schwerpunktthemen für "unser Lübeck": Musik- und Konzertrezensionen.
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