Daniela Krien "Muldental"

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Muldental, das klingt nach Vertrautem. Ich schnappte mir das Buch vom Auslagentisch und blätterte im Rausch von Heimatgefühlen durch die einzelnen Kapitel, erst viel später bemerkte ich, dass ich ein Buch von Daniela Krien in den Händen hielt und erfreute mich an meinem Fundstück nun um so mehr. Toll, ein neues Buch der Leipziger Autorin! Schon ihren ersten Roman Irgendwann werden wir uns alles erzählen habe ich regelrecht verschlungen.

Allein schon der Titel ihres neuen Buches suggeriert bei mir ambivalente Assoziationen, denn als gebürtige Leipzigerin ist mir die liebliche Landschaft des Muldentals mit ihren sanften Hügeln und Wäldern sehr vertraut. Gleichzeitig ziehen an meinem geistigen Auge aber auch verlassene und manchmal ein wenig trostlos wirkende Ortschaften vorbei. Meine Neugier ist geweckt und noch ehe ich die erste Zeile gelesen habe, spüre ich einen dumpfen, aber dennoch mutigen Aufschrei, der von diesen Seiten ausgeht. Ich bin gespannt.

Daniela Krien beschreibt in zehn kurzen Geschichten die unterschiedlichsten Charaktere und Lebensumstände von Menschen, die nach außen hin oder auf den ersten Blick so unscheinbar „normal“ wirken, dass man meinen könnte, sie tagtäglich von der Bushaltestelle oder vom Bäcker oder von der Arbeit zu kennen. Beim weiteren Lesen wird aber zunehmend deutlich, dass es Lebensgeschichten sind, die brüchig, verletzt, brutal oder aber auch mutig sind. Ihre literarischen Bilder gehen ans Innere ohne mit dem Skalpel vorzugehen. Zum Skalpel wird man als Leser selbst und gerät damit in eine Mündigkeit, die manchmal schwer auszuhalten ist. Alle Erzählungen behandeln die Zeit der 90er Jahre, der sogenannten „Nachwendezeit“ und schildern die damit einhergehenden Veränderungen von Biografien, Lebensträumen und vermeintlich unverrückbaren „Normalitäten“. Alle ihre Figuren zeugen von dieser Mischung aus Orientierungssuche, Haltlosigkeit, Verrat, Verwirrung und Entzauberung und gipfeln fast immer in einem vom Alltag verschluckten Drama. 

Als Leser wird man hineingenommen in die verschiedensten Lebensgeschichten. Sei es die Geschichte von Maria Novacek, die von der Stasi unter Druck gesetzt wird, um für sie als Spitzel zu arbeiten, oder von Almut, die 1961 voller Träume in den Westen flieht. Ebenso begegnet man Anne, die 1991 nach Franken zur Ausbildung geht und einen Zettel auf ihrem Auto findet, mit den Worten: „...KEINER HAT EUCH GEWOLLT. ICH PERSÖNLICH  KENNE KEINEN EINZIGEN, DER SICH GEFRÄUT HAT. NICHT EINEN. UND AUCH EURE STINKENDEN TRABIS HAT KEINER GEWOLLT...“

Die Sätze der einzelnen Geschichten formieren sich zum Stakkato, so unverschnörkelt, als gäbe es nichts wirklich Wichtiges zu sagen. Ein stilistischer Wurf, der von Daniela Krien gekonnt eingesetzt wird, um eine Brücke zu schlagen zwischen der oberflächlichen oder besser gesagt äußerlich alltäglichen Banalität und dem sich nicht selten dahinter verborgenen seelischen Konglomerat von Abgründen, morastigem Sumpf und Scheinidentität. Eine Art prosaische Zauberkunst, die es auf ganz nüchterne Art und Weise schafft, das Unausgegorene und Abstoßende in die lesende Seele zu katapultieren. So brutal und unspektakulär, wie das Leben der scheinbar fiktiven Geschichten selbst. Da steh ich nun als Leser und muss durch harte seelische Arbeit die Fiktion in der Realität auflösen und die Scherben zu einer ganz persönlichen Wahrheit zusammenlegen. Ein Akt, der mit den lieblichen Hügeln des banal Alltäglichen nun wirklich nichts mehr zu tun hat. Wunderbar, wenn ich als Leser so gefordert werde und die Wahrheit der Fiktion zur Orientierung eigener Vergangenheitsbearbeitung für mich nutzbar machen kann - auf welcher Ebene auch immer. 

Muldental ist ein Buch für Menschen, die sich für seelisch-menschliche Zustände und Empfindungen interessieren und die gerne hinter die Fassaden schauen, nicht nur von Menschen, sondern auch von kollektiven Zuständen. Neben dem tiefen Blick ins Innere menschlicher Existenz ist es auch in gewisser Weise ein Buch, das auf künstlerische Art und Weise Erinnerungsarbeit bzw. Vergangenheitsbearbeitung anbietet. Es ist natürlich nicht im klassisch historischen Sinne zu verstehen, aber ein Angebot von Seiten der Literatur, sich sowohl mit dem Thema der DDR, als auch mit dem der „Nachwendezeit“ auseinanderzusetzen. Daniela Krien gelingt dies in ihrem neuen Buch auf grandiose Weise.

Daniela Krien: Muldental, Graf Verlag, 224 Seiten, März 2014

Das Buch ist in den Lübecker Buchhandlungen Arno AdlerLangenkampmaKULaTURCatarina RexAntiquariat Tautenhahn und Rathaus-Buchhandlung erhältlich.

Christiana König
Jahrgang 1978, in Leipzig geboren, Studienabschluss in Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte.

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