Links Zeichnung von Karl Gatermann mit Blick auf die Fassade des ehemaligen Hauses Balauerfohr 25, rechts eine Entwurfszeichnung des Büros Konermann und Siegmund

Wettbewerb Kolk 14-22
Wieder höchste Qualität?

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Für Architektenwettbewerbe und Jury-Verfahren gelten klare Regeln. Es gehört sich dann auch nicht – unter Kollegen, dass am gefällten Urteil herumgemäkelt wird.

Da ich aber kein Kollege bin und auch keinen Vorteil aus Lob und keinen Nachteil aus Tadel ziehe, traue ich mir zu sagen: Der hier für Kolk 14/22 gekürte Sieger-Entwurf ist mir ziemlich peinlich – will sagen: Er tut weh wegen seines aufdringlichen Hinweises „Vorsicht, Kultur“, der uns hier von zwei „Kulturträgern“ verabreicht wird, den Fachschaften Architektur und Theater nämlich. Zum Figuren-Theater nebst Museum sei nichts gesagt – nur gefragt, bis wohin so eine Einrichtung (die sich ja, wie man hört, eines weltweiten Rufes erfreut) sich in umliegende Gebäulichkeiten hineinfressen darf. Natürlich ist das ein anderes Thema.

Die Architektur, zumindest die äußere Erscheinung des geplanten neuen Eckhauses zur Kleinen Petersgrube, tut so, als sei sie Teil einer Reihe historisch überkommener Häuser. Dabei ist die neue Fassade zum Kolk ziemlich übel, ja unerträglicher Quark: Einerseits wegen der demonstrativen Behauptung, die halbkreisförmig gewölbte Decke (sprich: „Tonne“) des geplanten Innenraums müsse an der Fassade ablesbar sein (darin wird „modernità“ deutlich“! Diesen Bezug zum „Funktionalismus“ in der Nachfolge des Dessauer Bauhauses sollen wir unbedingt bemerken!), zweitens wegen des vorsätzlichen Missbrauchs einer Fassaden-Lösung des Klassizismus aus dem frühen 19. Jahrhundert. Tatsächlich hat hier am Kolk nie ein Klassizist gestanden (warum soll da jetzt einer hin??).

Der Verfasser und mit ihm wohl auch die Kollegen in der Jury möchten, dass wir ihnen den Sieger-Entwurf als Beispiel für „kreativen Umgang“ mit dem altstädtischen Formen-Repertoire abkaufen. Dabei beschränkt das Kreative sich hier auf die Freiheit, die seit der römischen Antike (Vitruv) geltenden und von Andrea Palladio bis Karl Friedrich Schinkel respektierten Regeln des „Klassischen“ in die Tonne zu treten: Erstens wird das den Bogen optisch stützende Gesims (in der Klassik ist das der obere Rand des „Architravs“) sinnwidrig ins Bogenfeld hinaufgeschoben, das jetzt so aussieht, als ob das jemand mit dem breitesten Edding durchgestrichen hat. Zweitens wird dem Erdgeschoss, das im Klassizismus grundsätzlich als Sockel der Fassade aufgefasst wird, ein zusätzlicher Sockel verpasst, dieser sogar mit Fugenrillung, und drittens wird die Hierarchie der Wandöffnungen verkehrt, weil das zentrierende Portal fehlt. Dafür werden unten drei niedlich-kleine „Stubenfenster“ geboten, im Obergeschoss drei vermauerte Nischen. Dies ist damit überhaupt keine Fassade.

Dass der Verfasser sich unbedingt mit dem klassizistischen Repertoire schmücken will, beweist seine Art der mit „laviertem“ Schattenrelief versehenen Zeichnung, die damit an die Schärfe der Entwürfe von Joseph Christian Lillie* erinnert. Das seines zugehörigen Gesimses entledigte flache Giebeldreieck, nackt und „radikal“, soll wohl als Zitat der französischen „Revolutions-Architektur“ verstanden werden, die ihrerseits die strenge Geometrie flach begiebelter antik-römischer Sarkophage und altägyptischer Monumente aufgreift. Diese Sprache brachte 1797 der junge Friedrich Gilly** von Paris nach Berlin und führte sie in seine „Privatgesellschaft junger Architekten“ ein, zu denen auch K. F. Schinkel gehörte. – Vermutlich war solch kenntnisreicher „Umgang“ mit der Architekturgeschichte der Jury des Puppenmuseum-Wettbewerbs der erste Preis wert (Alle Achtung – der Kollege kennt sich aus!). Nehmen wir mal an, dass es so ist – muss man so eine Zitat-Fledderei überflüssigerweise auch noch bauen?

Blick auf eine Fassadenreihe im Balauerfohr, vor 1942, Foto: (c) Jan ZimmermannBlick auf eine Fassadenreihe im Balauerfohr, vor 1942, Foto: (c) Jan ZimmermannOb der Jury auch das peinlich genaue Vorbild mit-präsentiert wurde, ist nicht bekannt: Diese Fassade stand nämlich am Balauerfohr 25 und wurde dort 1942 zerstört (sofern das Haus nicht schon in den späten 1920ern der verkehrsgerechten Ausrundung der Ecke zur Krähenstraße geopfert wurde). Sie war zwar kein Meisterwerk des Klassizismus, der Baumeister, vielleicht der Maurermeister Joachim Christian Lundt, der auch für Lillie gearbeitet hatte, benutzte das Repertoire aber korrekt. Direkte Vergleiche lassen einige mit hohen Rundbogenblenden auftretende Hausfronten im Gutsdorf des kronprinzlich-preußischen Schlosses Paretz*** zu. Wenn ein Lübecker Architekt heute, 200 Jahre später, die verschwundene Putzfront Balauerfohr 25 als „Vorbild“ für eine ganz andere Stelle in der Altstadt benutzt und sich dabei fröhlich aller baumeisterlichen Regeln entledigt, wird wieder ein Beispiel dafür geliefert, was Lübecks tonangebende Architekten unter „Qualität“ verstehen.

Ein Nachsatz: Damit diese Zeilen nicht das lübsche „Gemeinsinns-Fahrwasser“ trüben und bitte nicht als Kritik an der von der Possehl-Stiftung gesponserten und von hoher Politik beförderten Neu-Strukturierung des Figurentheaters verstanden werden: Ich habe mich allein und ausschließlich zur Fassade des geplanten Saalbaus an der Ecke zur Kleinen Petersgrube geäußert, also nur über das, was von dem ganzen Unternehmen im öffentlichen Raum sichtbar ist. Wer ein Urteil darüber als „Geschmacksfrage“ abtut, macht es sich zu bequem: Zum „verstehenden“ Umgang mit Architektur gehört auch Sachkunde, Fachwissen zur Architekturgeschichte. Etwas Bemühung darf man auch vom Betrachter verlangen.

* J. C. Lillie, geb. 1760 in Kopenhagen. Als Architekt in Lübeck von 1802 bis zu seinem Tode 1827 tätig.

** Der jung verstorbene Friedrich Gilly (1772-1800), nicht zu verwechseln mit seinem Vater David, ist damit der eigentliche Begründer des strengen, frühen Berliner Klassizismus.

*** bei Ketzin an der Havel, nordwestlich von Potsdam. Am Entstehen von Schloss und Dorf waren beide Gillys, Vater und Sohn, direkt beteiligt.

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