John Grisham
Der Polizist

Michael SterzikVon

„Die Jury“ von John Grisham gehört zu den absolut stärksten Romanen von John Grisham. Der amerikanische Anwalt, der im belletristischen Genre Thriller dem Thema „Justiz“ eine völlig neue Gewichtung gegeben hat, geht in seinem neuesten Roman „Der Polizist“ zurück in die Zukunft seiner schriftstellerischen Karriere.

John Grisham verwendet gerne Themen, die sich polarisierend auf einem schmalen Grat bewegen. Im vorliegenden Roman geht es wieder vors Gericht und auch hier liegt das Schicksal des Angeklagten bei der unparteiischen Jury. Jake Brigance, der idealistische Jurist, der schon in „Die Jury“ und „Die Erbin“ nicht nur die Jury überzeugen konnte, träumt noch immer davon, ein berühmter Prozessanwalt zu werden, der sich überregional einen Namen macht, um der kleinen Provinz zu entkommen.

John Grisham hat das Talent, eine Straftat hoch spannend aus vielen Perspektiven nachhaltig auszumalen, das ist sprichwörtlich großes Kino. Die Palette von Werkzeugen, die er verwendet, ist vielfältig und wirkungsvoll. Dabei verwendet er auch immer einige Klischees, so auch in „Der Polizist“.

"Jake Brigance, Held der Bestseller „Die Jury“ und „Die Erbin“, ist zurück. Diesmal steht er als Pflichtverteidiger im Zentrum eines aufsehenerregenden Mordprozesses in Clanton, Mississippi. Sein Mandant Drew Gamble hat einen örtlichen Deputy umgebracht – doch war es Notwehr oder Mord? Die Mehrheit von Clanton fordert lautstark einen kurzen Prozess und die Todesstrafe. Dabei ist Drew Gamble gerade einmal 16 Jahre alt. Jake Brigance arbeitet sich in den Fall ein und versteht schnell, dass er alles tun muss, um den Jungen zu retten. Auch wenn er in seinem Kampf für die Wahrheit nicht nur seine Karriere, sondern auch das Leben seiner Familie riskiert." (Verlagsinfo)

Notwehr aus Todesangst oder ein gezielter Mord, um sich und seine Familie zu schützen. Ist das entschuldbar, ist es legitim, das Gesetz in Selbstjustiz zu verwandeln? „Ich wurde von der Polizei vergewaltigt“, eine Aussage einer Zeugin, die so dramatisch ist, so unter die Haut geht, dass diese Wellen sich wie ein emotionaler Tsunami durch den Gerichtssaal fortbewegen.

In „Der Polizist“ sind die Auftritte der Rechts- und Staatsanwälte immer theatralisch, sie sind strategisch aufgestellt, sie tricksen mit einer rhetorischen Bewaffnung, die hoch spannend und manipulativ ist.

Die Figurenzeichnung ist ausgesprochen brillant – und das betrifft alle Personen in diesem Roman. Einige sind ja „Wiederholungstäter“ und uns bestens bekannt. Die Nebenfiguren und Nebengeschichten sind teilweise überflüssig, da die Haupthandlung eine solche Fokussierung innehat, wie ich sie selten erlebt habe.

Der sehr, sehr hohe Unterhaltungswert ist nicht nur das Ergebnis einer exponentiell wachsenden Spannung, sondern überzeugt auch durch seine sehr große Emotionalität.

Die Story spielt ca. 5 Jahre nach den Ereignissen von „Die Jury“ und damit greift John Grisham geschickt in die Schublade alter Vorurteile, von längst schon aufgegebenen Dogmen und traditionellen Idealen – meinen wir wirklich, dass diese an Aktualität verloren haben? Haben sie nicht – noch lange nicht. Der Roman lädt uns ein, darüber nachzudenken – wo Recht und Unrecht anfangen oder enden können. Machen Sie sich ein eigenes Bild – es ist ihr gutes Recht.

„Der Polizist“ von John Grisham ist zwar als Einzelband konzipiert – aber der Schriftsteller lässt sich einen breiten Korridor weiterer Möglichkeiten offen. Ein zweiter Teil ist nicht ausgeschlossen, und wenn man schon thematisch die Story nicht fortführen möchte, so haben die Charaktere ein so großes Potenzial, dass wir hoffentlich „Jake Brigance“ wiedersehen.

Fazit: „Der Polizist“ ist gnadenlos spannend. Mein Urteil steht fest - das Strafmaß lautet: Sie werden diesen Roman lesen müssen – er ist menschlich überzeugend und einer der stärksten des Autors.

John Grisham: Der Polizist, Heyne Verlag, Mai 2021, 673 Seiten, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsaBuchfinkArno AdlerLangenkampmaKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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