Romy Fölck, Foto: (c) Kerstin Petermann

Romy Fölck
"Totenweg"

Michael SterzikVon

Wann oder wo endet ein Lebensweg? Welche Wege geht ein junger Mensch, wenn er sich entscheidet, eine bestimmte Abzweigung zu gehen? Kann man die Konsequenzen absehen, oder betritt man mit jedem Schritt Neuland?

Denken wir anders: Manche Wege werden uns aufgezwängt, manche Wege des Lebens muss man beschreiten. Eine Fluchtmöglichkeit – eine Ausfahrt zu bequemen Alternativen führen vielleicht noch zu steinigeren Wegen!? In Romy Fölcks Debütroman „Totenweg“ gibt es viele Wege, die ihre Protagonisten gehen müssen. Allesamt sind sie spannend, voller Abzweigungen, manche führen zu dunklen Geheimnissen, manche enden zufriedenstellend und wiederum andere sind nur Zwischenstopps auf den persönlichen Wegen des Lebens.

„Totenweg“ ist der erste Band einer Reihe um die junge angehende Kriminalbeamtin Frida Paulsen und dem viel älteren Hauptkommissar Bjarne Haverkorn, den ein alter ungelöster Mordfall nicht loslässt. Die Autorin nutzt diesen alten Kriminalfall als Grundstein für ein vielschichtiges Spannungsgerüst, das sich als äußerst strapazierfähig herausstellt. Der Mord an Fridas Freundin Marit wurde nie aufgeklärt, aber die junge Beamtin weiß mehr, als sie vor dem damals ermittelnden, ehrgeizigen Kommissar Haverkorn zugegeben hat. Ihre Eltern schoben die junge Frida damals in ein süddeutsches Internat ab, weit entfernt von einem Mädchenmörder, weit weg von einer potenziellen Gefahr. Die nun ältere Frida Paulsen trägt das ihren Eltern auch nach knappen 20 Jahren noch nach. Bjarne Haverkorn ahnt, dass die junge Kollegin mehr weiß und helfen könnte, diesen Fall endgültig abzuschließen. Als Fridas Vater niedergeschlagen und schwerverletzt im Krankenhaus um sein Leben kämpft, kehrt die junge Polizistin zurück. Ihr Weg führt sie über den Totenweg in das Dorf ihrer Kindheit. Zurück in die Vergangenheit und ein kleines Stück in die Zukunft. Die Geister, die sie nicht gerufen hat, werden sie tyrannisieren, sie auffordern abzuschließen. Der Weg dahin allerdings ist blutig, steinig und zwischen den Apfelbäumen lauern dunkle Geheimnisse und eine Schuld, die nicht zu gleichen Teilen verteilt wurde ...

Romy Fölcks „Totenweg“ ist ein präzises und komplexes kriminalistisches Meisterstück. Ein Kriminalroman mit einer starken atmosphärischen Präsenz. Geschickt kombiniert die Autorin die alte, schicksalshafte Vergangenheit mit einer aktuellen Gefahr. Perfekt gelungen ist Romy Fölck die Konzeption der Nebengeschichten und Figuren. Dieses Netzwerk von Storyline und Nebenhandlungen und seinen Charakteren ist beeindruckend. Keine Logik-Lücken, aktive und reaktive Beziehungen ergänzen sich dynamisch und erschaffen eine sehr spannende Atmosphäre, die den Leser auf dem „Totenweg“ begleitet. Die Charaktere im Roman sind absolut realistisch dargestellt: So auch die von der Landwirtschaft lebenden Dorfbewohner, die seit Generationen dort wohnen, sowie ihre Beziehungen und Abhängigkeiten – es gibt viele Geheimnisse, viele Freund- und Feindschaften.

„Totenweg“ ist durchtränkt von einer präsenten Spannung. Das liegt auch daran, dass Romy Fölck all ihren Figuren eine Bühne baut, auf der jede eine wichtige Rolle spielt. Selten habe ich das so beobachtet wie bei diesem vorliegenden Band. Selbst die privaten Herausforderungen von Bjarne Haverkorn sind passgenau eingearbeitet und unterhaltsam. Frida Paulsen dagegen ist exemplarisch mit einer Hands-on-Mentalität dargestellt. Eine schroffe, sensible und selbstbewusste Frau, allerdings mit einer gewissen sozialen Inkompetenz und einer inneren Unsicherheit sich selbst gegenüber.  Zurück zu den Wurzeln, die sie stolpern ließen, geht sie ihren Weg konsequent weiter. Über den „Totenweg“ erreicht sie im zweiten Band das „Totenhaus“. Es wird also nicht sterbenslangweilig und todmüde scheint Romy Fölck auch nicht zu sein.

„Totenweg“ ist brillant. Einer der stärksten Kriminalromane in diesem Jahr. Der Spannungsaufbau verhält sich wie ein Schweizer Uhrwerk. Passgenau – detailreich – tolle Charaktere. Sympathische menschliche Abgründe.

Prädikat: Ein Thriller, den man lesen muss, und eine Autorin, die Spannung garantiert.

Romy Fölck: Totenweg, Bastei Lübbe, Februar 2018, 416 Seiten, Amazon

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
Weitere Artikel

Kommentar schreiben
Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.