Oliver Pötzsch "Der Spielmann"
Die Geschichte des Johann Georg Faustus

Michael SterzikVon

Goethes „Faust“ ist den meisten wohlbekannt. Ein Alchemist, Zauberer und Gelehrter, der einen Pakt mit dem Teufel einging. Doch hinter diesem berühmten Werk Goethes versteckt sich eine historische Person – Johann Georg Faustus.

Die Legende um diesen Wunderheiler, Magier, Astrologen und Wahrsager ist nahezu unsterblich. Zu tragisch, zu wunderlich und bei weitem zu dramatisch, um von der Literatur oder überhaupt der Kunst nicht aufgegriffen zu werden. Wie bei jeder guten Legende finden sich eine ganze Reihe von Halbwahrheiten, Lügen, aber auch immer ein Funken Wahrheit. Welcher Anteil nun wie groß ist, überlassen wir den Historikern, allerdings ist die historische Quellenlage der realen Person Faustus sehr mager. Geboren wurde Faustus wahrscheinlich um 1480, gestorben ist er um 1541.

Der Münchner Autor Oliver Pötzsch hat nun im Verlag List den ersten Band der Reihe um Faustus veröffentlicht: „Der Spielmann“. Der Autor, der durch seine Erfolge mit der historischen Krimireihe „Die Henkerstochter“ national und international bekannt wurde, hat mit seinem neuesten Titel sein bisher bestes Werk verfasst. Die Lebensgeschichte des Johann Georg Faustus interpretiert und erzählt er in einer spannenden Atmosphäre, die teuflisch überzeugt.

Alles fängt in den Kindheitstagen von Faustus an und reicht weiter bis ins Jahr 1513. Sein Lebenslauf liest sich spannender als so mancher Krimi oder Thriller. Oliver Pötzsch transportiert das Gedankengut der Menschen im 16. Jahrhundert perfekt. Die einfachen Menschen haben ihre Seele Gott verschrieben. Ein tiefer (Aber-)Glaube herrscht, der sich durch alle sozialen Gesellschaftsschichten fortbewegt und sich bei einigen Menschen als unumstößliches Gesetz festsetzt. Die fortschrittliche Wissenschaft in dieser Epoche hatte es schwer und nicht zuletzt übte die Kirche, auch durch die berüchtigte Inquisition, einen tödlichen Druck auf Andersdenkende aus. Faustus war zu seiner Zeit ein polarisierender Charakter. Zwischen Religion und Wissenschaft tänzelnd ein schmaler Grat auf dem Vulkan.

Oliver Pötzsch erzählt das Leben dieses Mannes und vermischt dabei aufgrund der spärlichen Quellenlage Fakten und Fiktion. Allerdings verläuft er sich nicht in wilden Fantasien. Die Interpretation ist „frei“. Es ist ein historischer Roman, da Oliver Pötzsch den Nebenfiguren, dem Land, den Bräuchen, der Lebensart der Menschen viel Raum gibt und den Roman auf diese Weise zu einem farbenprächtigen Gemälde des Mittelalters werden lässt.

Was ist Wissenschaft? Was ist Magie? Was ist Religion? Gibt es eine ultimative Wahrheit, die gleich die anderen Ebenen vollständig ausschließt? Versetzen wir uns doch literarisch ins Mittelalter des Johann Georg Faustus. Das 15./16. Jahrhundert war nicht ungefährlich. Die ewige Verdammnis, aber auch die Unsterblichkeit im Paradies – daran glaubte man. Es war ebenfalls eine Zeit der Gaukler, des fahrendes Volkes, das die Bewohner von kleinen Dörfern, aber auch größeren Städten durch Zaubertricks, Geschichten, durch Musik und Tanz und andere Attraktionen vom hartem Leben ablenkte. Man konnte damit Geld verdienen, allerdings als unehrliche Person auch schnell in Schwierigkeiten geraten.

Oliver Pötzsch lässt seinen Faustus reisen – als Gaukler, Spielmann, zuletzt als Gelehrten, der von Freund und Feind geachtet wurde. Die erzählerische Atmosphäre ist so lebendig und authentisch, so packend und spannend erzählt, dass der Roman nachhaltig das größte Lesevergnügen garantiert. Natürlich darf bei einer so tragischen Gestalt der „Teufel“ nicht fehlen, und auch das „Böse“ hat in dem Werk seine großen Auftritte.

Die Figur des Faustus ist, wie die Quellen es auch angeben, ein verlorenes Kind seiner Zeit: hochintelligent, neugierig, talentiert und alles infrage stellend. Dem Leser wird schnell klar, dass das kein gutes Ende nehmen kann. In jedem Kapitel findet der Leser neben großer Theatralik großartige dramatische und tragische Entwicklungen, die den späteren Gelehrten in keinem sympathischen Licht erscheinen lassen.

 (Aber-)Glaube, Wissenschaft, Magie – es ist weitgehend auch ein mystischer Roman. Seine große und überzeugende Kraft liegt in der großartigen Stimmung, die uns einfängt und nicht wieder loslässt. Neben der schriftstellerischen Freiheit, die sich der Autor nimmt, gibt es jedoch genug historische Details, die er aufnimmt und verarbeitet. Im Nachwort, im kleinen Reiseführer und mittels der Quellenangaben kann sich jeder Leser noch etwas besser informieren. Nicht nur informativ, sondern auch witzig verfasst, und ich gebe dem Autor Recht: Die Deutsche Bahn kann auch inspirierend wirken.

„Der Spielmann“ von Oliver Pötzsch ist ein packender und teuflisch spannender Roman, der höllisch gut unterhält. Einer der stärksten, historischen Romane in diesem Jahr und der stärkste des Autors. Absolute Leseempfehlung! Ein historischer Titel, den man dieses Jahr lesen muss.

Oliver Pötzsch: Der Spielmann, List Verlag, September 2018, 784 Seiten, Amazon

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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