Neal Shusterman
Scythe – Der Zorn der Gerechten

Michael SterzikVon

Auch der zweite Teil der Jugendbuchreihe „Scythe – Der Zorn der Gerechten“ überzeugt.

Der Autor Neal Shusterman hat eine Welt projektiert, eine dystopische, die gar nicht so abwegig erscheinen mag und die schon jetzt fingerzeigend auf unsere sehr aktuellen Bedrohungen, aber auch Chancen eingeht. Wie würde eine Welt aussehen, in der die Menschen faktisch unsterblich sind, es ein Grundeinkommen gibt, keine Armut, die großen Krankheiten ein für allemal besiegt?!

Wohlstand und Frieden, ewige Jugend, wenn man sie möchte, unendliches Wissen, und alles Leben gesteuert durch eine von Menschen geschaffene, künstliche Intelligenz. Natürlich gibt es Konflikte, andersartige Denkweisen, die abstrakt und ggf. revolutionär erscheinen und die heile Welt in Frage stellen.

Und dann gibt es die Scythe – eine Vereinigung von Menschen, die auf allen Kontinenten entscheiden, wer nachgelesen wird, wer wirklich über den Fluss Styx gehen muss und nicht wiederkommt. Ein endgültiger Tod, eine endgültige Auslöschung der Person. Den Scythe bleibt es nicht nur überlassen, wen sie töten, sondern auch mit welchen Mitteln der Tod herbeigeführt wird. Da die Hüter des Todes nichts anderes sind als gewöhnliche Menschen, gibt es Persönlichkeiten unter ihnen, denen es Spaß macht zu töten, und andere wiederum, die ihre Aufgabe mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und, ja, Menschlichkeit ausüben.

Nach dem ersten Band „Hüter des Todes“ gehen jetzt die beiden ehemaligen Lehrlinge des Todes getrennte Wege. Citra ist zu einer Scythe ernannt worden und trägt jetzt den Namen „Anastasia“. Ihr Freund und ihre Liebe, Rowan, dagegen ist ausgestoßen. Man nennt Rowan inzwischen Scythe Luzifer. Er richtet diejenigen Scythe hin, deren Tötungen grausam, willkürlich oder zu ihrem eigenen Vorteil sind.

Der zweite Band schließt unmittelbar an den ersten an, es sind nur wenige Monate vergangen. Anastasia, die noch immer bei ihrer Mentorin und inzwischen Freundin und Scythe Marie Curie, der Grande Dame des Todes, lebt, nimmt ihre neuen Aufgaben außerordentlich ernst. Das Scythetum hat sich inzwischen in zwei Lager gespalten. Der traditionale Zweig sieht seine Aufgaben zum Wohle der Menschheit und hält sich an den Kodex und ihren eigenen Gesetzen. Die Scythe der „Neue Ordnung“ dagegen sehen sich als machtvolle, instrumentalisierte, überlegene Hüter an, die gerne auch ihre eigenen Vorteile nutzen wollen und die überwiegend Spaß am Töten haben.

Die Spannungselemente sind also gesetzt und bieten dem Leser neben einer grandiosen Unterhaltung noch viele Denkanstöße. Gerade auf ethische, moralische Werte wie auch Respekt, Liebe, Treue usw. legt der Autor seinen Fokus. Der vorliegende Band teilt sich allerdings diesmal in drei Handlungsstränge auf. Die Perspektiven von Anastasia und Rowan bilden den Grundstein, doch es kommt noch der „Thunderhead“, die machtvolle künstliche Intelligenz, hinzu. Zwar darf diese die Scythe nicht lenken oder beeinflussen, aber trotz alledem hat er seine Meinung und ggf. andere Mittel, um sich Gehör und Einfluss zu verschaffen.

„Scythe – Der Zorn der Gerechten“ ist nicht so actionreich wie der erste Band, allerdings gibt es viele Wendungen und Entwicklungen, die man nicht erwartet hat. Weniger Action, dafür mehr Intrigen, mehr Politik und mehr Themen, über die der Leser nachhaltig nachdenken wird. Die Story wird demnach noch komplexer, da es ohnehin schon viele Interessengruppen und Konflikte gibt. Eine charakterliche Entwicklung der beiden Hauptfiguren ist eines der Themen, die, wie schon im ersten Band, weiter ausgebaut werden. Spannend ist der Roman allemal, aber deutlich anders als sein Vorgänger, teilweise ruhiger, aber es zeichnet sich bald ab, dass hier nur Wind gesät wird. Der Sturm, ein Orkan, wird dem Leser höchstwahrscheinlich in Band drei präsentiert werden.

Neal Shustermans schriftstellerischer Blick in die Zukunft ist neben dem Paradies, das er beschreibt, auch eine Hölle für seine Figuren. Wünschen wir uns nicht alle eine gewisse Sorglosigkeit, keine materiellen oder finanziellen Nöte und keinen welkenden Körper, der ggf. durch Krankheiten oder Unfälle endlich ist?! Soziale Strukturen, eine künstliche Intelligenz ähnlich wie bei „Terminator“, nur nicht so böse. Das sind großartige Themen. Auf Risiken und Nebenwirkungen in dieser dystopischen Welt geht der Autor nur am Rande rein, und das ist höchstwahrscheinlich gewollt, so soll sich der jugendliche Leser mit den o. g. Themen beschäftigen. Er wird es – keine Sorge.

 „Scythe – Der Zorn der Gerechten“ ist ein kleiner, leiser Sturm, dessen Ausläufer uns spannungsvoll schon jetzt darauf vorbereiten, welcher Orkan im dritten Band erreicht wird. Ein hochklassiger Roman, düster, hoffnungsvoll, und, wie ich den Neuigkeiten entnehmen kann, soll dieser auch verfilmt werden. Wenn Ihre Kinder den Band lesen sollten, greifen Sie zu und annektieren Sie ihn als Erziehungsberechtigter für sich. Die Reihe wird Sie so oder so überzeugen. Prädikat: Wertvoll.

Neal Shusterman: Scythe – Der Zorn der Gerechten, Fischer Verlag, März 2018, 544 Seiten

 

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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