Linus Geschke, Foto: (c) Marc Hillesheim

Linus Geschke
"Das Lied der toten Mädchen"

Michael SterzikVon

Nach den ersten beiden Kriminalromanen „Die Lichtung“ und „Und am Morgen waren sie tot“ ist nun im Verlag Ullstein der dritte Band „Das Lied der toten Mädchen“ von dem Kölner Journalisten und Autor Linus Geschke veröffentlicht worden.

Wieder einmal spielen das investigative Journalistenduo Jan Römer und Stefanie Schneider, auch passend genannt „Mütze“, die Hauptrollen. Beide sind Reporter bei einem Nachrichtenmagazin „Die Reporter“ in Köln und veröffentlichen in der Rubrik „Ungelöste Kriminalfälle ihre spannenden und informativen Reportagen.

Im Jahre 1997 wurde eine junge Frau tot auf dem Wilzenberg im Sauerland aufgefunden. Die Ermittlungen der Polizei konnten nicht abgeschlossenen werden, die dürftigen Spuren führten zu keinem kaltblütigen Mörder. Motivierte Feinde hatte sie nicht, der Exfreund ein wasserdichtes, kristallklares Alibi. Jegliche Spuren sind erkaltet. Auch die Spieluhr, die der mutmaßliche Mörder am finsteren Tatort inmitten eines unheimlichen Waldes hinterlassen hat, führte die Recherchen und Ermittlungen zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Schon der Prolog und das erste Kapitel wirken fesselnd, die Bühne bildet der unheimliche Wald, bei Tag ein attraktives Touristenziel, in der Nacht unheimlich, beklemmend, dunkel, Angst auslösend. Und nicht wenige Orte werden von Legenden und Geistergeschichten noch furchterregender gemacht, als sie ohnehin schon sind.

Jan Römer und „Mütze“ ermitteln, unterstützt durch den türkischen Ex-Profiboxer Arslan, der Mann für die groben, physikalischen Diskussionen, wenn es nötig wird, dann aber sehr effektiv. Schnell stoßen sie auch nach 20 Jahren auf Schweigen, Indizien, und auch ersten Spuren, die andere Player und dann gleich den Verfassungsschutz ins Spiel bringen.

Der Autor Linus Geschke versteht sein schriftstellerisches Handwerk. Auch im dritten, vorliegenden Band entwickelt der Kölner Journalist seine Charaktere weiter. Nicht zu viel, nicht zu wenig – genau proportioniert, um nicht zu langweilen, aber um die Charaktere auszubilden und damit für den Leser realistisch zu gestalten. Es sind Charaktere, die formvollendet menscheln und mit Ecken und Kanten versehen sind. Ebenfalls beschreibt der Autor die atmosphärischen Schauplätze gekonnt, egal ob die Szenen nun in einem dunklen Wald, einem Büro, einer Wohnung oder auf der Straße spielen. Immer wieder verteilt Linus Geschke feine Details, die der Leser sehr fix in seinem Kopfkino einbaut – sodass die Geschichte, sowieso realistisch, auch plakativ wirkt.

Der Mordfall, der schon 20 Jahre in der Vergangenheit liegt, wird kaum in Rückblenden an die Oberfläche gezogen. Einzig und allein die Person des talentierten Uhrmachers zeigt einen dunklen Korridor, von dem rechts und links hinter Türen Geheimnisse und Motive darauf warten, entdeckt zu werden. Die Handlung aus dieser Perspektive ist beklemmend, aber so spannend, dass ich persönlich immer wieder gehofft habe, ihr werde mehr Raum gegeben.

Spannung – ohne diese hat kein Kriminalroman eine „Lebenserwartung“, na ja, die Opfer sowieso nicht. „Das Lied der toten Mädchen“ ist auch ein klein wenig „Spiel mir das Lied vom Tod“. Eindringliche Spannung, viele Wendungen, ein kleiner Personenkreis, der anwächst und ein paar Leichen, die sich dazugesellen.

Der Autor weiß sehr genau, wie er die Story psychologisch spannend aufbaut. Sie wird nicht durch die spannenden, gut aufgestellten Nebengeschichten, in denen immer wieder ein Funke Humor oder gar intelligente Ironie und Sarkasmus aufblitzt, verdrängt oder im Tempo runtergeschaltet.

Realismus? Fakten und Fiktion kombiniert wie in einer klassischen Teezeremonie, nur nicht ganz so harmonisch und harmlos.

 Es gibt (fast) nichts zu bemängeln: „Das Lied der toten Mädchen“ ist wie die beiden anderen Bände auch eine Garantie für unterhaltsame und spannende Lesestunden. Persönlich hätte ich den Uhrmacher gerne mehr im Vordergrund gesehen, ggf. in Rückblenden, ebenso Arslan, der seine kraftvolle Diplomatie wenig ausspielen konnte.

Es wird einen vierten Band geben, so viel weiß man. Ich hoffe, und es wäre absolut „Top“, wenn die Cold-Case-Fälle pausieren, und der nächste Fall Jan Römer und Mütze persönlich betrifft.

Fazit: „Das Lied der toten Mädchen“ ist eine Melodie des Todes und des (Über-)Lebens. Kraftvoll mit viel Bass, ruhigen Klängen und einem spannenden Rhythmus, der einen in seinen Bann zieht. Bravo, Herr Geschke, und ein Dankeschön.

Linus Geschke: Das Lied der toten Mädchen, Ullstein Verlag, Januar 2018, 400 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Prosa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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