Sabine Weiß
Die Tochter des Fechtmeisters

Michael SterzikVon

Die deutsche Autorin Sabine Weiß hat schon mit den Titeln „Die Hansetochter“ und „Die Feinde der Hansetochter“ ihre Leser davon überzeugt, dass Sie vorbildlich recherchiert und das Mittelalter, die Hansezeit aufleben lässt.

Ihr neuester Roman „Die Tochter des Fechtmeisters“ spielt in Rostock 1608. Mittelpunkt der Geschichte ist, wie auch in den anderen Bänden, eine starke Frau. Eben diese Tochter eines Fechtmeisters – Clarissa – hat schon in jungen Jahren gelernt, mit dem Schwert perfekt umzugehen. Ihr Vater ist Lehrer und Inhaber einer bekannten und angesehenen Fechtschule, in der junge Adelige und Kaufmänner in der Kunst des Schwertkampfes unterwiesen werden.

Diese Fechtschulen in deutschen Landen sind untereinander verfeindet, sie buhlen um das Ansehen des Kaisers, und jährlich treffen sich die Meister der Schulen mit ihren Lehrlingen zu Wettkämpfen im hessischen Frankfurt. Clarissa begleitet ihren Vater auf diese anstrengende und gefährliche Reise. Bei einem feigen Überfall wird ihr Vater getötet, sie selbst kann fliehen und wird fortan als Mörderin verdächtigt. Als sie von einer Verschwörung gegen den Kaiser erfährt, ist sie in noch größerer Gefahr.

Der Kampf mit dem Schwert ist eine Kunst. Mehr noch, ein Sport, der dem Kämpfer vieles an Können und Einsatz abverlangt: Disziplin, Kraft, Mut, Geschicklichkeit und ebenfalls im hohen Maße Intelligenz. Nicht jeder wird in diesen Fechtschulen aufgenommen, und nur sehr wenige Schüler dürfen sich nach langen Jahren der Ausbildung "Meister des Schwertes" nennen. Der Schwertkampf ist ehrenvoll, wenn auch das Ziel das Töten oder Verletzen des Gegners ist. Viele Schüler und Lehrer bilden in Kriegszeiten Soldaten aus und erhalten ein hohes Offizierspatent in der Armee des amtierenden Herrschers.

Sabine Weiß hat mit ihrem aktuellen Titel „Die Tochter des Fechtmeisters“ wieder einmal bewiesen, dass ein historischer Roman nicht nur der perfekten Unterhaltung dienen, sondern auch viel an Wissen übermitteln kann. Es gibt interessante und sehr informative Fechtbücher, die genaue Schritt- und Schlagfolgen beschreiben, für Chronisten und auflebende Fechtschulen ein wahrer Schatz. Längst schon wird das historische Fechten wieder zu einer attraktiven Sportart. Wie anstrengend diese ist, und vor allem, welchen Einsatz an Kraft und Konzentration dieser Sport oder vielmehr diese Kunst abverlangt, wird unterschätzt. Also bei Interesse selbst einmal ausprobieren. Die Autorin wird selbst einmal das Schwert geschwungen haben, um einschätzen zu können, was sie ihren fiktiven Figuren abverlangt.

Ihr Fachwissen, und das beweist Sabine Weiß immer wieder, ist groß. Ein Bild vom romantischen Glanz und Gloria wird man hier nicht finden. Die mittelalterliche Welt wird so realistisch und plausibel wiedergegeben wie möglich. Der Alltag der Bevölkerung in Städten und Dörfern wird perfekt in Szenen beschrieben. Ein großes Lob geht an die Autorin für ihre Beschreibung, in welchem Umfang die jüdische Bevölkerung zu leiden hat und wie sie sozial ausgegrenzt wurde. Erschreckend, aber ehrlich gut ausgedrückt.

Die Figuren sind konzeptionell gut aufgebaut. Zahlreiche Klischees werden zwar bedient, aber nicht überdreht in die Geschichte eingesetzt. Die zahlreichen Kämpfe mit dem Schwert werden spannend erzählt, auch wenn man die einzelnen Fachbegriffe erst einmal so gar nicht versteht. Nach kurzen Erklärungen ist man jedoch etwas schlauer und wieder im Thema.

Die Geschichte hat allerdings ein paar erzählerische Längen, die deutlich auffallen. Den roten Faden der Geschichte findet man nur schwer, erst im letzten Drittel des Buches offenbart sich der Kern der Story. Für mein Verständnis leider etwas zu spät. „Die Tochter des Fechtmeisters“ hätte besser ausfallen können, wenn Sabine Weiß ggf. die Geschichte etwas actionreicher aufgebaut hätte. Durch einige Nebengeschichten entstehen ein paar langatmige Passagen. Es wäre vorteilhafter gewesen, kriegerische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Verschwörung zu kombinieren.

Fazit: „Die Tochter des Fechtmeisters“ ist ein guter historischer Roman. Nicht so scharf geschnitten wie erwartet, doch insgesamt überzeugend. Wie schon in den anderen Titeln zuvor erläutert Sabine Weiß in einem Nachwort die historischen Hintergründe ihrer Themen, in diesem Fall der Fechtkunst, und vervollständigt den Roman durch ein umfassendes Glossar.

Sabine Weiß: Die Tochter des Fechtmeisters, Bastei Lübbe, Dezember 2016, 704 Seiten.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, ArnoAdler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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