Justin Cronin
"Die Spiegelstadt"

Michael SterzikVon

Nach den beiden ersten Teilen der Passage-Reihe von Justin Cronin, „Der Übergang“ und „Die Zwölf“, ist nun der dritte und abschließende Teil, „Die Spiegelstadt“, im Goldmann Verlag erschienen.

Diese dystopische Reihe um den Untergang und die Auferstehung der menschlichen Zivilisation gehört zu den derzeit besten Umsetzungen, die es auf dem Buchmarkt gibt. Erinnern wir uns, was in den letzten beiden Romanen geschehen ist: Ein Virus breitete sich aus, und infizierte Menschen mutierten zu vampirähnlichen Kreaturen, deren Verstand fast aussetzte. Die Kreaturen überrannten die Städte, die Überlebenden sammelten sich in kleinen Städten und bauten diese zu schwer bewaffneten Festungen aus. Die Menschheit ordnete sich vollkommen neu, eine soziale Infrastruktur sorgte für latente Sicherheit, und zu guter Letzt konnten die zwölf Hauptträger des Virus vernichtet werden.

Der dritte Band „Die Spiegelstadt“ knüpft fast nahtlos an den zweiten an. Die Virals, wie die Überlebenden sie nennen, sind verschwunden. Doch die Angst und Bedrohung, dass diese nach Jahren wieder auftauchen, ist allgegenwärtig. Nicht ohne Grund – es gibt noch den einen, Zero genannt, der das Virus in sich trägt. Dieser Vater der zwölf ist der Ursprung der Bedrohung und seine menschliche Seite verspürt noch immer Rache und Wut. Einst war er ein begnadeter Wissenschaftler, aber nach einer unerfüllten, tragischen Liebe ist sein Ziel, die Reste der Menschheit auszulöschen. 

Ein Großteil des Romans handelt von Zero; es ist eine intensive Biografie, die einen manchmal sehr berührt. Ein Mensch mit vielen Fehlern, aber auch außergewöhnlichen Talenten und wie so oft innerlich an kleinen Dingen gescheitert. Es ist schwer möglich, mit diesem Antagonisten keine Sympathie zu empfinden, denn „böse“ war er zu diesem Zeitpunkt nicht. Verzweifelt, ängstlich, ermüdet vom Leben und nun eine tragische Gestalt ohne Hoffnung auf innere und äußere Vergebung?!

Die Spannung in „Die Spiegelstadt“ entsteht durch die eindringlichen Dialoge und eine symbolische und tiefgründige Charakterzeichnung der Figuren. Sie bleibt in jedem Augenblick der Story enthalten, einige Dialoge und Szenen ziehen sich zwar inhaltlich in die Länge, doch mindern diese keineswegs das Lesevergnügen. Das Szenario umfasst viele Genres: Fantastik, Horror, Thriller – alles zusammen ein fantastischer Mix, der überzeugt. „Die Spiegelstadt“ kann allerdings als Einzeltitel nicht gelesen werden; ohne die Basis des ersten und zweiten Teils ist der vorliegende Band nicht zu begreifen.

Diese Trilogie ist ein Stoff aus Albträumen, Ängsten und einer wirklich nicht unrealistischen Idee. Eine Verfilmung als Serie wäre gut vorstellbar – allerdings müssten die Charaktere auch sorgsam ausgewählt werden, sie sind der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Handlung. Der Abschluss ist ein Feuerwerk an Action – rasant, intensiv, stark. Besonders der Epilog geht unter die Haut, denn die Geschichte ist grandios beendet.

Justin Cronin hat sich mit diesem Werk ein kleines literarisches Denkmal gesetzt. „Die Spiegelstadt“ ist formvollendete Endzeitliteratur mit einem brillanten Suchtfaktor.

Justin Cronin: Die Spiegelstadt, Goldmann Verlag, 31. Oktober 2016, 992 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe oder online bei Amazon [Affiliate Link] erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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