Minimalismus kann sehr effizient sein. Für ihre Premiere als Opernregisseurin im Auftrag der Musikhochschule Lübeck (MHL) brauchte die Sopranistin Simone Kermes außer Kostümen nur das Notwendigste: Acht Matratzen, punktuelle Stroboskop-Effekte und elektronische Geräusch-Projektionen. „Alcina“, Zauberoper des Barockkomponisten Georg Friedrich Händel, begeisterte vor allem durch Gesang und Schauspiel der von ihr geleiteten MHL-Studierenden. Hans-Dieter Grünefeld hat mit der Sopranistin über ihre neue Rolle gesprochen.
„Alcina“ ist die erste Opernproduktion, die Sie selbst inszeniert haben. Was hat Sie dazu motiviert und warum finden die Aufführungen in Lübeck statt?
Simone Kermes: Vor drei Jahren war ich in der Hansestadt schon einmal zu Gast und habe eine Meisterklasse für Interpretation gemacht. Es war ein reines Händel-Pasticcio aus verschiedenen Opern. Damals habe ich die Studierenden in historischer Stilistik, Gesangstechnik und musikalischer Gestaltung unterrichtet. Schon während meines Studiums durfte ich im Lübecker Dom unter Hartmut Rohmeyer wichtige Erfahrungen mit geistlicher Musik sammeln. Auch später kehrte ich regelmäßig für Konzerte nach Lübeck zurück – oft mehrmals im Jahr. Deshalb verbinde ich mit dieser Stadt viele schöne und prägende Erinnerungen.
Lauren Pharaoh (Alcina), Charlotte Tenhagen (Ruggiero) - 'Alcina' in der MHL am 6.6.26, Foto: (c) Anna Mirjam Liley
Abgesehen davon: Was hat Ihre Entscheidung beeinflusst?
Simone Kermes: Den entscheidenden Impuls, wieder in die Hansestadt zu kommen, erhielt ich aufgrund einer zufälligen Begegnung. Letztes Jahr war ich auf Mallorca, bei Oliver Spiecker, Privatpoet und Songtexter u.a. für Udo Jürgens, und ein Freund von mir zu Gast. Ich begegnete dort einer Kollegin, MHL-Professorin Manuela Uhl, das war kein Zufall. Sie fragte mich vorsichtig: Würdest Du gern mal Regie führen, ich könnte es mir total vorstellen, was hältst Du von Händels - Alcina? Wow… Sagte ich, ja das wäre toll. Ich habe mich total gefreut, weil ich mein ganzes Berufsleben davon träume. Auf der Bühne bei Opern-Inszenierungen fühlte ich mich manchmal auf mich gestellt und habe Ideen in das Stück gebracht, die dann kommentarlos von den eigentlich zuständigen Regisseuren adaptiert wurden. Da habe ich gedacht, Regie kann ich auch alleine machen. Deshalb war der Moment, als Manuela Uhl mich fragte, meine Fähigkeiten mit „Alcina“ von Händel, der mein Mentor und mir so nahe ist und dessen Musik ich sehr gut verstehe und fühle, zu erproben, zumal ich die „Alcina“-Rolle selbst gesungen habe. Da konnte ich nicht widerstehen und habe gleich JA gesagt, ohne genaue Informationen über die Bedingungen zu haben.
Wie waren denn die Voraussetzungen?
Simone Kermes: Mir war nicht klar, dass gar nicht mehr so viel Zeit blieb. Und man braucht, um sich sowas auszudenken, Kollegen: Dramaturgen, Bühnen- und Kostümbildner, Lichtdesigner und Geräuschemacher. Aber da war niemand außer mir. Kurz gesagt: Ich machte alles, was sonst auf verschiedene Professionen aufgeteilt ist. Eine besondere Herausforderung bestand darin, dass die Produktion von Anfang an ohne die originalen Rezitative konzipiert war. Zunächst war ich darüber etwas überrascht, denn gerade die Rezitative sind für junge Sängerinnen und Sänger ein wichtiges und anspruchsvolles Lernfeld. Sie erfordern viel Zeit, sprachliche Präzision und eine besondere musikalische Gestaltung.
Lauren Pharaoh (Alcina), MHL am 6.6.26, Foto: (c) Anna Mirjam LileyGleichzeitig war mir klar: Wenn die Rezitative entfallen, brauchen wir eine andere Form, um die Handlung zwischen den Arien verständlich und lebendig weiterzuführen. Die Arien allein können die komplexe Geschichte der „Alcina“ nicht vollständig erzählen. Deshalb habe ich zunächst die inhaltlichen Grundlagen aus den originalen Rezitativen übersetzt und zusammengefasst. Da ich jedoch keine Librettistin bin, habe ich Oliver Spiecker von dieser Idee erzählt und ihm meine Texte geschickt. Innerhalb weniger Tage entwickelte er daraus eigene deutsche Dialoge: modern, unterhaltsam und zugleich sehr nah an der ursprünglichen Handlung. Diese gereimten Texte sind wunderbar gelungen. Sie verleihen der Aufführung stellenweise den Charakter eines Schauspiels und ermöglichen es dem Publikum, der Geschichte unmittelbar zu folgen. Im Rückblick bin ich sehr froh über diese Lösung. Die Einstudierung der vollständigen Originalrezitative hätte wesentlich mehr Probenzeit erfordert und wäre innerhalb des vorgegebenen Produktionszeitraums kaum zu bewältigen gewesen. So ist aus einer praktischen Herausforderung eine eigenständige und sehr lebendige Fassung entstanden:
Wie konnten Sie die Produktion straffen?
Simone Kermes: Ich habe die Oper gekürzt, von knapp 4 1/2 auf 2 3/4 Stunden. Hinzu kam die Herausforderung, dass für Bühnenbild, Requisiten und Kostüme faktisch ein Null-Budget zur Verfügung stand. In der für mich bestimmten Gage war alles für die Opernproduktion enthalten, es gab etwas Extra für meine Fahrt- und Hotelkosten, aber auch das Budget reichte nicht aus. Wie war unter solchen Bedingungen überhaupt ein sinnvolles Konzept für die Aufführung zu verwirklichen? Das ist eine Zauberoper mit Verwandlungen auf der Bühne. Dann hatte ich die Idee mit den Matratzen, die wunderbar als Requisite und auch als Dekor funktionieren. Es war gar nicht so einfach, welche in richtiger Größe zu finden, die leicht sind und trotzdem stehen und mit denen man was anfangen kann. Das war meine Idee, und ich habe auch alles eingekauft. Für die Kostüme habe ich meine eigenen aus dem Bestand
Lisa Scheffler (Morgana) - 'Alcina' in der MHL am 6.6.26, Foto: (c) Anna Mirjam Lileyder letzten zehn Jahre mitgebracht. Aber mein Anliegen war, die Konzentration nicht auf Kleidung, sondern auf die Darstellenden im Sinn von Walter Felsenstein zu lenken. Also habe ich versucht, Schauspiel auf die Personen zu übertragen, um so Authentizität des Werkes und Freiheit des Einzelnen zu verbinden. Primär ist das Denken im Opernsujet, dann kommen die Gefühle, normale, echte, und dann gehe ich in die Handlung, damit die Protagonisten authentisch sind. Außerdem entwickelt jeder Darsteller seine eigene Rolle, die eine große Freiheit bietet. Das ist natürlich eine Riesenarbeit, auch ein Risiko, auf die Wirkung des Konzepts zu vertrauen. Doch für mich ist das der einzige Weg, und das hat mich mein ganzes Berufsleben gerettet auf der Bühne.
Haben Sie Ihre Bühnenkleider der MHL mitgebracht und auch für zukünftige Barockproduktionen angeboten?
Simone Kermes: Ich möchte die Kostüme, Requisiten und Matratzen zunächst in Lübeck lassen. Gleichzeitig bin ich gerade dabei, diese „Alcina“-Produktion Festivals und Theatern anzubieten. Mein großer Wunsch wäre es, das Stück noch einmal mit den Studierenden aufzuführen und die Arbeit der Hochschule damit auch über Lübeck hinaus sichtbar zu machen. Dafür soll es eine klare Vereinbarung geben, die es mir ermöglicht, jederzeit wieder auf die Ausstattung zurückzugreifen, wenn die Produktion erneut gespielt wird. Schließlich sind die Kostüme und Requisiten ein wesentlicher Bestandteil meiner Inszenierung.
Dass die Kostüme nun in Lübeck bleiben, hat für mich zugleich eine persönliche Bedeutung. Mit dieser Produktion beginnt für mich ein neuer künstlerischer und beruflicher Abschnitt. Ein neues Kapitel, in dem ich mich auch äußerlich und stilistisch weiterentwickeln möchte. Umso schöner ist es für mich zu sehen, wie meine frühere Bühnengarderobe an den jungen Sängerinnen und Sängern ein neues Leben erhält. Gerade auf der bewusst reduzierten Bühne entfalten diese Kostüme eine besondere Wirkung.
Simone Kerms bringt ihre Kostüme für die MHL-Produktion 'Alcina' mit, Foto: (c) Lutz Roeßler
Wird Ihre Regie-Premiere einmalig sein oder ist sie ergänzend oder sogar alternativ zu Ihrem bisherigen Metier?
Simone Kermes: Ich möchte diesen Weg sehr gern weitergehen. Das Singen bleibt natürlich ein wichtiger Teil meines künstlerischen Lebens – gerade habe ich meine neue CD veröffentlicht, und auch meine Konzerttätigkeit wird weitergehen. Gleichzeitig habe ich durch „Alcina“ entdeckt, wie sehr mich die Regie erfüllt. Beides verlangt eine völlig andere Art von Konzentration. Als Sängerin stehe ich selbst auf der Bühne, als Regisseurin muss ich Verantwortung übertragen, Vertrauen schenken und das Ganze im Blick behalten. Genau diese neue Perspektive empfinde ich als sehr bereichernd.
Auch mein Verhältnis zum Singen hat sich verändert. Heute gehe ich mit größerer Gelassenheit auf die Bühne. Ich kenne meine Stimme, ich weiß, was sie kann, und muss mir nicht mehr jeden Tag etwas beweisen. Das schenkt mir eine große Freiheit. Deshalb wünsche ich mir für die Zukunft keinen abrupten Wechsel, sondern einen natürlichen, fließenden Übergang: weiter zu singen, ausgewählte Projekte zu gestalten und zugleich immer stärker als Regisseurin zu arbeiten. Ich möchte mich dabei noch nicht festlegen, sondern offenbleiben für das, was sich entwickelt. Aber ich merke sehr deutlich: Mit der Regie hat für mich ein neues künstlerisches Kapitel begonnen.
Zauberoper Alcina, Ensemble der MHL, Foto: (c) Maximilian Busch
Eine Aufgabe bei der Regie ist Ihrer Meinung nach, den Akteuren zu erklären und nahe zu bringen, dass die Gefühle in einer Oper echt wirken. Welche Gefühle meinen Sie, und inwieweit können sie echt sein, etwa bei Hass oder Rache?
Simone Kermes: Gefühle können auf der Bühne schon echt sein. Gefühle darzustellen kann man lernen. Sowohl Schmerz als auch Liebe beruhen auf unserer Erfahrung, die wir sammeln. Solchen Fundus haben die jungen Leute noch nicht, aber in Zukunft. Dadurch intensiviert sich die Darstellung von Gefühlen und wirkt auf die Expressivität der Stimme. Unter den Mitwirkenden sind auch zwei Studierende aus China, die aus einer anderen Ausbildungs- und Theatertradition kommen. Für sie war diese sehr unmittelbare, körperliche und emotionale Form des Spiels zunächst ungewohnt. Es war schön zu beobachten, wie sie sich im Laufe der Proben immer stärker geöffnet und neue Ausdrucksmöglichkeiten für sich entdeckt haben.
Dabei verstehe ich mich nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Pädagogin. Mir ist wichtig, jeden Studierenden individuell wahrzunehmen und herauszufinden, was er oder sie braucht, um sich weiterzuentwickeln. Dazu gehören Ermutigung und Vertrauen, aber ebenso Genauigkeit, Disziplin und Beharrlichkeit. Mein Ziel ist es, die jungen Künstlerinnen und Künstler dabei zu unterstützen, ihre eigenen Möglichkeiten zu entdecken und auf der Bühne über sich hinauszuwachsen.
'Alcina' - Schlussapplaus mit Simone Kermes in der MHL 6.6.26, Foto: (c) Anna Mirjam Liley
Hat diese Attitüde etwas mit Glaubwürdigkeit zu tun?
Simone Kermes: Ja, mit Authentizität. Ich bin jemand, der authentisch ist. Das versuche ich, auch für die Stimme, zu vermitteln. Sie muss natürlich klingen, singen ist etwas natürliches und jeder Mensch ist individuell. Das ist meine Linie und so arbeite ich auch in Meisterklassen. Ich suche bei den Studierenden ihre wahre Stimme. Da locke ich die Persönlichkeiten, die Seelen der Studierenden heraus. Das war auch bei dieser Produktion wichtig, echt, natürlich, authentisch und wahrhaft, um schließlich Menschen seelisch zu berühren. Das ist für mich Theater, Menschen mit Schönheit, Intelligenz und Denken zu verzaubern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die neue CD von Simone Kermes:
La Luce - Arien und Vocalisen von Leonardo da Vinci, Wolfgang Amadeus Mozart, Zbigniew Preisner, Goerg Friedrich Händel u.a., Choir and Orchestra, MACV of the Warsaw Chamber Opera, Leitung.: Julien Salemkour, Prospero


