Wem gehört die Stadt? (Teil 1)
Warum eine Diskussion über die Innenstadt jetzt?

Von

Es ist nicht der Parkhausbau im Wehdehof, der den Anstoß gab, eine Diskussion um die Zukunft der Innenstadt auf die Tagesordnung zu setzen. Damit Lübecks „starke Mitte“ stark bleibt, braucht es Aufmerksamkeit für viele Themen gleichzeitig, denn es profitieren viele Akteure von der Innenstadt: Bewohner, Tourismuswirtschaft, Händler, Dienstleister, Produzenten, um wenigstens einige zu nennen. Nicht zu vergessen: Die Innenstadt ist der Identifikationsort für Lübeck schlechthin.

Vor 18 Monaten erklärte Ingrid Breckner, Professorin an der Hafencityuniversität Hamburg, ihren Zuhörern beim Stadtdiskurs, dass es auch darauf ankomme, die wechselseitigen Abhängigkeitsbeziehungen der Akteure in den Blick zu bekommen. Seit jenem denkwürdigen Abend am 21. Januar 2015 versucht beispielsweise Olivia Kempke, Vorsitzende des Lübeck-Managements, Zusammenhänge zwischen Verkehrs- und Einzelhandelsentwicklungen in Diskussionsveranstaltungen sowie Stadtaktionen bewusst zu machen.

Inzwischen gibt es so etwas wie einen städtischen Konsens, dass es eine Innenstadtentwicklungsdiskussion geben muss und soll. Dazu im Folgenden einige Anregungen.

Es gibt vermutlich niemanden, der eine abstrakte Diskussion um die „autofreie Innenstadt“ oder um „Lübeck ist offen“ wiederbeleben möchte. Eine „kleine Großstadt“, die auf der Grundfläche der alten Stadt heute beides ist, City und Altstadt, braucht im Verkehrsbereich schlaue Lösungen, und davon hat die Stadtverwaltung inzwischen mehrere mit nachhaltigem Erfolg im Stadtraum implementiert.

 
Schöne Fassaden anschauen kann man überall, in der Wahmstraße ist pulsierender Verkehr wichtiger

Wenn die Innenstadt, wie „der“ Einzelhandel fordert, Ort für „Einkaufserlebnisse“ werden soll, dann liegt es nahe, den kreativen Blick auf die Einkaufsstraßen zu richten, die dafür primär in Frage kommen, wie etwa Holstenstraße und Beckergrube: Beide betteln um Zuwendung.

Wenn aus der Politik angeregt wird, die Königstraße für den Autoverkehr zu sperren, dann darf auch mal gefragt werden, warum die Stadtverwaltung die von ihr selbst eingerichteten Fahrverbote für die Innenstadt nicht konsequent überwacht. Wenn das, was da an City-Cruisern über Wahmstraße und „Kurze Königstraße“ einsickert, mit Bußgeldern quittiert würde, bliebe die Königstraße eine ruhige Nebenstraße. Warum nicht über klug programmierte Überwachungskameras nachdenken? (Dass die Königstraße ab Katharineum sich als beliebte Teststrecke für PS-Muskelübungen etabliert hat, ließe sich ebenfalls ohne Fahrverbot „deregulieren“.)


 
Krähenstraße: Höhepunkt jeder Stadtführung des Architekturforums und der BIRL

Übrigens: die „Einkaufserlebniswelt“ Königpassage, zu deren Einrichtung ein ansehnliches Stück vom Weltkulturerbe-Kuchen weggeworfen wurde, wird vermutlich nicht aus ihrem 100jährigen Tiefschlaf vorzeitig erwachen, wenn direkt vor den Eingangstüren des Einkaufsparadieses geparkt werden dürfte.

Blickwechsel: Es gibt Tabuzonen für Diskussionen, eine davon: Wahmstraße – Krähenstraße. Wer die Hüxstraße lobt für ihren Altstadterlebniswert, sollte nicht zuerst in die Fleischhauerstraße oder vielleicht sogar in die ehemalige Johannisstraße schielen, wenn es um eine quantitative Ausdehnung des Erfolgskonzeptes geht, er sollte den sensiblen Blick behutsam öffnen für das Leiden der Wahmstraße. Zwei Fußgänger können nicht nebeneinander hergehen, ohne dass einer von ihnen in Lebensgefahr gerät.

Und die Krähenstraße? Aegidienpastor Baltrock spricht seit Jahren von der „Altstadtwunde“. Das neue Eckgebäude am Balauerfohr sollte Mut machen, zu Salbe und Pflaster zu greifen. Warum passiert in diesem Stadtteil nichts, obwohl dort so viele Menschen direkt im Straßenbereich Krähenstraße wohnen und so viele Geschäfte leer stehen? Im alten Lübeck war dort keine Durchgangsstraße. Erst, seit es die Ost-Westachse für Taxis und Busse gibt, verödet die Stadt an diesem Ort immer mehr. Vielleicht könnte ein Ideenwettbewerb (ohne Denkverbot) hilfreich sein?

Stadtdiskussion Teil 1 - Nadelöhr Wahmstraße: kein Platz für niemanden (Foto: Retelsdorf, PGL) Stadtdiskussion Teil 1 - Nadelöhr Wahmstraße: kein Platz für niemanden (Foto: Retelsdorf, PGL) Stadtdiskussion Teil 1 - Nadelöhr Wahmstraße: kein Platz für niemanden (Foto: Retelsdorf, PGL) Stadtdiskussion Teil 1 - Schöne Fassaden anschauen kann man überall, in der Wahmstraße ist pulsierender Verkehr wichtiger (Fotos: Retelsdorf, PGL) Stadtdiskussion Teil 1 - Das zeitlos moderne Aegidienviertel: Höhepunkt jeder Stadtführung des „Architekturforums“ und der „BIRL“ Stadtdiskussion Teil 1 - Das zeitlos moderne Aegidienviertel: Höhepunkt jeder Stadtführung des „Architekturforums“ und der „BIRL“ Stadtdiskussion Teil 1 - Neubau Balauerfohr/Wahmstraße

Fotos: Retelsdorf, PGL

Weitere interessante Artikel der Lübeckischen Blätter finden sie im Download-Archiv.

Kommentare  

# Teil 2?Simonsen, Jörn (11.09.2016, 19:49)
Lieber Herr Eickhölter und Redaktion, wann kommt Teil2? Ich bin gespannt...
Antworten

Kommentar schreiben

Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.


Sicherheitscode
Aktualisieren