Glückliche Tage

Sonntag, 29. Mai 2022, 18:30
Theater Lübeck – Junges StudioBeckergrube 16, 23552 Lübeck
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von Samuel Beckett
Deutsch von Erika und Elmar Tophoven

Im Herbst 1960 beginnt Beckett ein »weibliches Solo« – vor Augen steht ihm von Anfang an eine Landschaft: »Weite versengte Grasebene, die sich in der Mitte zu einem kleinen Hügel erhebt«. Genau in der Mitte des Hügels ist die Protagonistin, Winnie – eine Frau um die Fünfzig – bis über die Taille eingegraben. Ein schrilles Klingeln erweckt sie zu einem Monolog, in dem sie plappernd den glücklichen Tag lobt und aus ihrem Ledersack verschiedene Gebrauchsgegenstände zieht und anwendet. Sie putzt ihre Zähne und Brille, nimmt Medizin gegen Lust- und Appetitlosigkeit, schminkt ihre Lippen. Die Sonne brennt, sie spannt den Schirm auf und legt einen Revolver bereit. Sie redet über Abwesende, feilt ihre Nägel, erinnert sich und reflektiert in fröhlicher Beiläufigkeit.

»Ach ja, wenn ich es nur ertragen könnte, allein zu sein, ich meine, vor mich hin zu quasseln, ohne daß mich eine Menschenseele hört.« Winnie monologisiert, doch sie ist nicht allein: Hinter dem Hügel liest ihr Gefährte Willie, schwerhörig oder debil, in jedem Fall wortkarg, Zeitung oder schaut sich eine obszöne Postkarte an. Als er im zweiten Akt versucht auf den Hügel zu ihr zu krabbeln, ist Winnie schon bis zum Hals eingebettet. Obwohl sie nur noch ihre Augen bewegen kann, scheint sie auch angesichts der nahenden Katastrophe entschlossen, heiter bleiben zu wollen. Sie summt die Melodie ihrer Spieldose, singt sanft das Liebeswalzerduett »Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen: Hab’ mich lieb!« aus Franz Lehárs Operette »Die lustige Witwe«.

Für Beckett war das Theater keine moralische Anstalt, er wolle weder belehren noch verbessern noch den Leuten die Langeweile vertreiben. »Ich will Poesie in das Drama bringen, eine Poesie, die das Nichts durchschritten hat und in einem neuen Raum einen neuen Anfang findet.« Die junge Regisseurin Catrin Mosler wird nach Thomas Manns »Tonio Kröger« erneut mit der ihr eigenen Liebe zur Literatur und inszenatorischen Phantasie einen modernen Klassiker auf die Studiobühne bringen.

Foto: Falk von Traubenberg



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