59. Nordische Filmtage
Filmgala mit geschwollenen Augen und Horrorclown

Rolf JägerVon

Almila Bagriacik hat dicke Augen. Sibel Kekillis Nachfolgerin an der Seite von Tatort-Ermittler Borowski (Axel Milberg) aus Kiel lüpft die großflächige Sonnenbrille und zeigt das geschwollene Augenpaar her; eindrucksvoll, ein Raunen geht durchs Auditorium.

Zu viele schlechte Filme habe man sehen müssen in den letzten Tagen, bemerkt die junge Schauspielerin, bekannt u. a. aus „Die Fremde“, „Die Opfer – Vergesst mich nicht“ (Deutscher Schauspielpreis in der Kategorie „Nachwuchs“).

Nassforscher Scherz, lachend winkt sie ab. Für echt gehalten hätte das eh keiner. Ebenso wenig wie die Hautfarbe des Moderators, der in einem inszenierten Hacker-Angriff geschminkt als Horrorclown Pennywise aus der neuen Verfilmung von Stephen Kings' Roman „ES“ auf dem Video-Schirm erscheint: niemand anderes natürlich als Yared Dibaba, der „schwarze Moderatorenknilch“ (O-Ton Pennywise) unter Putz, der nun in voller Gänze auf der Bühne herumgurkt, sich bei angedeuteter Erbrechensgestik genervt über den „fucking applause“ gibt, die künstlerische Leiterin Linde Fröhlich auffordert, ihr „übliches Zeug“ zur Begrüßung aufzusagen und dem neuen Festivalmanager Florian Vollmers die Wange ableckt – später mit Regisseurin Iram Haq flirten und hemmungsfrei die zwei Hauptdarstellerinnen von „Miami“ anbaggern wird. Kurz: Ein Mann, der gute Manieren zu verwalten weiß und gerne mal die Sau von der Rampe lässt. Zum wiederholten Mal die richtige Wahl für die Preisvergabegala.

Moderator Yared Dibaba (Horrorclown Pennywise)Moderator Yared Dibaba (Horrorclown Pennywise)

195 Filme aus über 1.000 eingesandten Bewerbungen sind ausgewählt und an fünf Tagen gezeigt worden. Der stärkste Publikumsandrang bisher, der neben rund 1.000 Besuchern mehr in den Kinos auch auf Sonderformate wie das Open-Air-Kino im Schwimmbad Krähenteich, ein Stummfilmkonzert (St. Katharinen) und die 360°-Filme im Fulldome-Kinozelt am Klingenberg zurückzuführen ist. Auch die Sektion TV-Serien, im letzten Jahr eingeführt und noch wenig attraktiv, gewann dazu.

Mit ca. 780 Fachbesuchern und Pressemenschen und 350 Filmschaffenden von insgesamt 33.000 Besuchern dürfen die NFL weiterhin als Publikumsfestival gesehen werden. Die Bedeutung des Festivals für Nordeuropa sieht Linde Fröhlich bestätigt, seine „Vielfalt und hohe Qualität unseres Programms“ erhalten.

Zu Recht. Das konzeptionelle und thematische Spektrum von Dokus und Spielfilmen – auch innerhalb der jeweiligen Kategorien – ist umfangreich, (sozial-)politisch relevant, bestehende Verhältnisse genannt und durch sozialgeschichtliche Einbettung etwa bei Retrospektiven in Beziehung und Kommunikation gebracht. Exzellente interdisziplinäre Arbeit, die sich selbst an den „nur“ 8 Preisträgerfilmen abzeichnet.

Preisträger der Kinderjury: Frederik Meldal Norgaard (Kidnapping - Dänemark)Preisträger der Kinderjury: Frederik Meldal Norgaard (Kidnapping - Dänemark)

Mit Fabian (12), Johanna Marie (11), Amaro (13), Elias (12) tritt die Kinder- und Jugendfilmjury der 59. Nordischen Filmtage zuerst ans Pult. Zunächst eine lobende Erwähnung an die Coming-of-Teenage-Grusel-Geschichte „Zimmer 213“ (SW, Regie: Emelie Lindholm). Die zwei Preise gehen an „Kidnapping“, Krimi-Komödie aus dem Neo-Prekariat (DK, von Frederik Meldal Nørgaard) und „Ab in den Himmel“ (SW, von Petter Lennstrand), mit grotesk menschelnden, beseelten Puppen. Doch doch.

Aus Norwegen kommt die LN-Publikumspreisgewinnerin Iram Haq mit „Was werden die Leute sagen“ (5.000 EUR), ein herausragend gespieltes Coming-of-Age-Drama über eine Tochter und ihren Vater, die zwischen zwei Kulturen diametralen Werten und Konsequenzen ausgeliefert sind. Opfer.

Nicht unähnlich gelagert ist der Gewinner des mit 12.500 EUR dotierten NDR-Filmpreises „Der Charmeur“. Dem jungen Filmemacher Milad Alami aus Kopenhagen ist hier das Kunststück eines psychologischen Dramas mit schicksalhaftem Plot gelungen, das die verzweiflungsgelenkten Verführungsversuche und Rück-Schläge eines einsamen, traurigen Helden in schlicht erscheinenden, kühlen Bildern erzählt und dennoch Nähe zu ihm erzeugt.

Gewinnerin des Publikumpreises: Iram Haq (Was werden die Leute sagen)Gewinnerin des Publikumpreises: Iram Haq (Was werden die Leute sagen)

Polarisiert hingegen hat die Vergabe des Baltischen Filmpreises an „Thelma“ von Regisseur Joachim Trier (NOR). Ja, die junge Hauptdarstellerin Eili Harboe macht ihre Sache gut, ebenso die Darsteller der Eltern der jungen Frau, die über das Auftreten von Epilepsie-artigen Anfällen ihren übernatürlichen mentalen Kräften – Wetterbeeinflussung, Heilung, Inbrandsetzung … – und dem Familiengeheimnis dahinter auf die Spur kommt. Keine wirklich originelle Geschichte allerdings, im Kino schon besser erzählt etwa 1976 in „Carrie“ von Brian DePalma. „Thelma“ leidet unter holprigem Erzählfluss und stellt sorgfältig realisierte, aber irrelevante CGI-Szenen neben eine Erklärungsbesessenheit, deren Relevanz für das Mystery-Genre eh fragwürdig ist. Fragen Sie mal Donnie Darko. Irgendwann hustet die Titelfigur eine tote Amsel aus. An einem Stück. Als Metapher gedacht womöglich, für was auch immer. Im Kino wird gelacht. Dramatisch.

Musikalisches Programm auf der Filmtagebühne wiederum: ausgezeichnet. Zuerst "Poems For Jamiro", zwei Frauen aus HL resp. HH, in beiden Städten keine Unbekannten mehr. Getragener Elektropop mit großen Bögen und ungezählten verwobenen Details. Der erste Auftritt der beiden fand in der Lübecker Kneipe "Sternschnuppe" (Fleischhauerstraße) statt, einer der letzten war ganz unplugged und überzeugend, u. a. hinsichtlich der Qualität des Songwritings, bei wolkenkuckucksheim.tv. Und Mitte Dezember geht es in die Hamburger Elbphilharmonie. Doch doch! Bei der NFL-After-Show-Party soll das Duo bei Soundtrack-Gesprächen mit Filmemachern entdeckt worden sein. Na.

Desert PlanetDesert Planet

Auch elektronisch, wenn auch ganz anders: "Desert Planet". Vortags noch im Treibsand, setzten drei mittvierziger Männer in beigen Anzügen und grünen Integralhelmen quietschlustige hüpf- und tanzbare Strom-Dreiminüter im Videospielsound von anno '80+ ins Große Haus des TL. Erfolg durch Erfahrung seit Kindertagen. Stilfest gebaute Videos mit unscharfer Perspektive inklusive. Großer Spaß.

Der Cine-Star-Preis ging an die Lübecker Regisseurin Katja Benrath. Mit neun Jahren zog sie mit ihrer Mutter aus Aschaffenburg her, ging aufs Katharineum, gewann zweimal den plattdeutschen Vorlesewettbewerb (!), arbeitete als Schneiderin bei Pina Bausch in Wuppertral und holte neulich einen Studenten-Oscar in Gold für ihren Kurzfilm „Watu Wote“, der nun auch bei den NFL ausgezeichnet wurde. Ein 20-minütiges Meisterwerk, ein Lehrstück in Solidarität, das tatsächlich stattgefunden hat in Kenia nahe der somalischen Grenze, wo islamistische Terroristen von der Al-Shabaab-Miliz einen Bus kapern. Mehr darüber, über Doris Kunstmann und andere Laudatoren, die exzellente niederländisch-norwegische Produktion „Das Entschwinden“, die den Kirchlichen Filmpreis erhielt und mehr unter: www.filmtage.luebeck.de

Ach ja: Aftershow-Party. Es durfte gefeiert werden und wurde auch. Opulent, dabei moderat dynamisch. Reichlich Essen und Getränke, das Haus gefüllt bis an seine Grenzen. Nichts, das man sich nicht vorstellen könnte. Nett.

2018: Die Jubiläumsausgabe der 60. Nordischen Filmtage Lübeck. Um einen Tag erweitert vom 30. Oktober bis 4. November. NOTE: Ingmar Bergmans 100. Geburtstagsjahr.

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

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