Foto: Susanne Birck

Die Nordischen Filmtage Lübeck stehen vor der Tür
Was vorab verraten wurde

Gerda VorkampVon

Zur Einstimmung auf die diesjährigen NFL (1.-5. November) möge man sich vielleicht schon einmal das Bild vorstellen, das am 11. Oktober auf der großen Leinwand im Radisson Blu Senator Hotel zu sehen war: Ein junges Mädchen mit Sonnenbrille hängt mit Blick zum Betrachter lässig rauchend überm Rand eines aufblasbaren Kinder-Swimmingpools, darunter eingeblendet „Pressekonferenz“.

So lasziv geht es in den folgenden zwei Stunden natürlich nicht zu, sondern gewohnt informativ wird den Anwesenden anhand der verschiedenen Filmrubriken ein Leitfaden durch die 195 Filme geboten, die in Kürze in Lübeck zu sehen sein werden. Unter der Moderation von Silke Lehmann (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit) waren zum Gespräch versammelt: Linde Fröhlich (Künstlerische Leitung), Florian Vollmers (Festival-Manager), Doris Bandhold (Filmforum), Franziska Kremser-Klinkertz (Kinder- und Jugendfilm) und Jörg Schöning (Retrospektive).

Florian Vollmers, Doris Bandhold, Jörg Schöning, Franziska Kremser-Klinkertz, Linde Fröhlich, Foto: Susanne BirckFlorian Vollmers, Doris Bandhold, Jörg Schöning, Franziska Kremser-Klinkertz, Linde Fröhlich, Foto: Susanne Birck

• Das Pool-Foto stammt aus dem schwedischen Eröffnungsspielfilm Träum’ weiter, dem Debüt der 27-jährigen Rojda Sekersöz und weist schon auf den diesjährigen Schwerpunkt der Spielfilme hin, in denen oft junge Menschen und dann meist Frauen im Vordergrund stehen und die von jungen Filmteams gedreht wurden. Träum’ weiter ist ein energiegeladener, auf die Protagonistinnen fokussierter Film über Freundinnen, der ans Herz geht.

• Von den 18 Spielfilmen, die im Wettbewerb um den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Filmpreis laufen, sind die Hälfte Debütfilme. Es weht also frischer Wind durch diese NFL. Passend dazu präsentiert Finnland mit Ein Augenblick im Schilf von Mikko Makela zum ersten Mal einen Coming-out-Film (und gleichzeitig einen weiteren im Jugendprogramm). Der Migrationshintergrund des einen jungen Mannes macht die Sache nicht einfacher, aber aktueller. Island darf natürlich auch nicht fehlen: Die Tragikomödie Unter dem Baum von Hafsteinn Gunnar Sigurdsson erzählt die Geschichte eines bizarren Nachbarschaftsstreits vor isländischer Kulisse. Sehr bizarr (vielleicht „typisch NFL“?) mutet auch folgende Geschichte von Going West an (Regie: Henrik Martin Dahlsbakken): Im Gedenken an seine Mutter reist ein Sohn mit seinem genderqueeren Vater zu einem Quilt-Wettbewerb auf der norwegischen Insel Ona. Last not least sei Eine fürchterliche Frau erwähnt, ein Film aus Dänemark von Christian Tafdrup, der von der manipulativen Seite einer angeblich großen Liebe handelt.

Linde Fröhlich (Künstlerische Leitung), Foto: Susanne BirckLinde Fröhlich (Künstlerische Leitung), Foto: Susanne Birck

• Unter den Specials sind Werke zu finden, die nicht zum Wettbewerbsprogramm gehören. Finnland bildet dieses Jahr den Kern besonders dieser Sparte. Lake Bodom (Regie: Taneli Mustonen), ein Horrorfilm mit realem Hintergrund, sowie Der magische See (Regie: Marko Röhr, Kim Saarniluoto) mit faszinierenden Naturaufnahmen der finnischen Seenlandschaft werden im Open-Air-Kino im Altstadtbad Krähenteich zu sehen sein („Järvispektaakkeli“) – „special“ in der Tat. In dieser Rubrik wird selbst Ben Kingsley die NFL bereichern, nämlich in Backstabbing for Beginners unter der Regie des Dänen Per Fly.

• Zum zweiten Mal werden Serien mit im Angebot sein, überwiegend Krimis, von denen jeweils zwei Episoden hier angeschaut werden können, bevor sie offiziell verfügbar sind. Sie haben den Vorteil, dass mehr Zeit zur Verfügung steht, um die Charaktere, insbesondere der KommissarInnen, sich entwickeln zu lassen. Neun Serien stehen zur Auswahl. Den gezeigten Ausschnitten nach zu urteilen, scheint es heftig zuzugehen und es wird in unwirtlicher Umgebung viel geballert. Das muss man mögen.

Foto: Susanne BirckFoto: Susanne Birck

• Seit 30 Jahren begleitet das Filmforum Filmschaffende in und aus Schleswig-Holstein (seit zehn Jahren auch aus Hamburg). Hier gibt es immer vieles zu entdecken, da zum einen keine thematische Festlegung erfolgt, zum andern gerne neue filmische Stilmittel erprobt werden und schließlich auch schlicht und einfach, aber mit frischem Blick die schleswig-holsteinische Region unter die Lupe genommen wird. Ilker çatak und die Lübeckerin Katja Benrath, die beide bereits mit Studenten-Oscars gekürt wurden bzw. werden, sind jeweils mit ihren Filmen Es war einmal Indianerland und Watu Wote vertreten. Den Regisseuren Lars-Gunnar Lotz und Christian Theede haben wir es zu verdanken, dass im Filmforum sogar ein Polizeiruf 110 – In Flammen auftaucht wie auch der Saarbrücker Tatort – Mord Ex Machina, angeblich mit bemerkenswerter Weiterentwicklung des von Devid Striesow gespielten Kommissars.

• Die Dokumentarfilme lassen sich dieses Jahr den Themen „Sozialisation und Standortbestimmung“ zuordnen. Erwähnt sei die finnisch-schwedische Hobbyhorse Revolution von Selma Vilhunen, die zeigt, was selbst auf Steckenpferden anstelle von echten möglich ist. Mein Sommer als Libelle von Elli Toivoniemi aus Finnland klingt nach äußerst faszinierenden Bildern: Bereits als Sechsjähriger hat Miikka seine Liebe zu Insekten, insbesondere zu Libellen, entdeckt und 1.500 Stunden akribischer Aufnahmen gedreht. Die letzten Robbenjäger (Regie: Trude Berge Ottersen, Gry Elisabeth Mortensen) und Zungenschneider (Regie: Solveig Melkeraaen), jeweils aus Norwegen, lassen sich wohl nur mit gemischten Gefühlen anschauen. Dokumentiert werden eine letzte Fahrt zum blutigen Robbenfang wie auch die in Norwegen nach altem Brauch immer noch übliche Kinderarbeit, das Herausschneiden der als Delikatesse geltenden Kabeljauzungen.

Florian Vollmers (Der neue Festival-Manager), Foto: Susanne BirckFlorian Vollmers (Der neue Festival-Manager), Foto: Susanne Birck

• Wieder gibt es in diesem Jahr sehr viele Kurzfilme, allein 26 im Filmforum und 20 im Kinder- und Jugendprogramm. Die anderen werden auf folgende drei Vorführungen verteilt: „Bizarre Episoden“, „Entrückt und Abgekoppelt“ und das „Tagesgeschäft“. Es liegt in der Natur der Sache, dass von Kurzfilmen nicht noch Ausschnitte gezeigt werden können, aber was zu den verschiedenen Themen zu hören ist, klingt durch die Bank schräg und witzig und allemal sehenswert.

• Neben den erwähnten 20 Kurzfilmen gibt es 18 Spielfilme im Kinder- und Jugendprogramm. Es ist damit so umfangreich wie nie zuvor und zeichnet sich wie üblich durch ein breites Spektrum an Machart und Themen aus. Mit Cloudboy (Regie: Meikeminne Clinckspoor) ist Belgien in einer Koproduktion zum ersten Mal vertreten: Ein Großstadtjunge reist zu seiner Mutter, an die er sich kaum erinnern kann, zu den Sami nach Lappland. Auf den Färöern begegnen sich Ester und Ragna in einer ungleichen Freundschaft, erzählt im Jugenddrama Träume am Meer (Regie: Sakaris Stórá). Als behutsames Coming-out- und Coming-of-Age-Drama gilt der finnische Film Screwed (Regie: Nils-Erik Ekblom), in dem sich der 17-jährige Miku in Elias verliebt. Das Pendant dazu lässt sich in Meine Homoschwester (Regie: Lia Hietala) betrachten, in dem eine 10-Jährige ins Nachdenken über sich selbst kommt. Aber natürlich gibt es auch einfach Lustiges und Spannendes, wie zum Beispiel ein neues Abenteuer mit Onneli und Anneli (Regie: Saara Cantell, Finnland), alles sowohl als Spielfilm wie auch als Zeichentrick oder als Mix aus Animation und Realfilm.

Foto: Susanne BirckFoto: Susanne Birck

Die Young Nordic Film Makers bekommen wieder die Möglichkeit, eigene Dokumentarfilme zu drehen, die am 5.11. um 12 Uhr im CineStar gezeigt werden. Der Eintritt dazu ist frei.

• Das Besondere an der diesjährigen Retrospektive sei, so Herr Schöning, dass sie eben nichts Besonderes biete. Das Thema lautet „Mit fremden Augen“ und beinhaltet die Ankunft des Südens im nordischen Kino, die aber mittlerweile längst gang und gäbe ist. Dass sie schon früh begann, bezeugt der dänische Klassiker Babettes Fest von 1987. Wer Gabriel Axels geniale Blixen-Verfilmung noch nicht kennt, sollte sich dieses Werk unbedingt ansehen. Ein Stoff aus dem 19. Jahrhundert, aber bereits mit eindeutigem Migrationshintergrund, um aus heutiger Sicht zu sprechen. Weiter geht es mit Filmen um Einwanderungsgruppen wie den Kriegsflüchtlingen aus beiden Weltkriegen, politischen Flüchtlingen aus Südamerika in den Siebzigerjahren, den „Gastarbeitern“, besonders aber Filmproduktionen aus der zweiten Einwanderergeneration, die seit Jalla! Jalla! (Regie: Josef Fares, Schweden 2000) ein erfolgreiches „Einwandererkino“ etablieren konnte. Jüngstes Werk in dieser Rubrik: Aki Kaurismäkis Die andere Seite der Hoffnung von 2017.

Jörg Schöning (Retrospektive), Foto: Suanne BirckJörg Schöning (Retrospektive), Foto: Suanne Birck

• Fehlt nur noch das Fulldome-Kino, das zum zweiten Mal sog. immersive 360°-Werke präsentiert, Filme also, in die einzutauchen es sich lohnen soll. Virtual-Reality-Brillen, kurz VR-Brillen, kommen dabei zum Einsatz.. Aber damit nicht genug: Es gibt zusätzlich eine Weltneuheit in Lübeck zu erleben, nämlich „interaktive Realtime-VR-Experiences“, das heißt, wer durch die Brille schaut, kann sich selbst durch die neue Welt bewegen und das Geschehen sogar beeinflussen. Wie das funktioniert, wird zwischen den Filmen auch öffentlich und kostenlos demonstriert. Das aufblasbare Kino wird dieses Jahr auf dem Klingenberg platziert, rundherum soll es finnische Delikatessen zu kosten geben.

• Weitere Veranstaltungen:

Fotoausstellung „D / DK – Fotografien von der deutsch-dänischen Grenze“ von Karsten Wessel im Kolosseum zu den Filmtage-Öffnungszeiten

Nordische Bier- und Buchlounge, ebenfalls im Kolosseum

Foto: Susanne BirckFoto: Susanne Birck

Film-Installation und Multimedia-Reportage „Blei im Blut“ der Regisseurinnen Linná Kvise und Jana Sepehr im Weltladen, Hüxstr. 83-85, Mi., 1.11., bis Fr., 3.11., 10-18 h und Sa., 4.11., 11-19 Uhr

Stummfilmkonzert von FINLANDIA (Finnland, 1922, 120 Min.) mit musikalischer Erarbeitung und Begleitung von Studierenden der MHL unter der Leitung von Prof. Franz Danksagmüller, Do., 02.11., 20 h Museumskirche St. Katharinen

Master Class Dokumentarfilm „Lebendige Geschichten“ mit Kersti Grunditz Brennan und Jannike Åhlund, Filmpräsentation und Diskussion, u. a. am Beispiel ihres Films „Citizen Schein“, Vorführungen: Do, 2.1., 19:45 h im CineStar 2, Fr., 3.1., 9:00 h im KoKi, Sa., 4.11., 16:15 h im CineStar 4, Masterclass am Freitagvormittag, Teilnahme nur nach vorheriger Anmeldung!

Installation und Konzert „The Diving Bell“ der vier dänischen Komponisten Ida Bach Jensen, Povl Kristian, Birgit Løkke und Jesper Siberg in St. Petri: Do., 2.1., und Fr., 3.11., 15-20 h, Sa., 4.11., 15-22 h (Sa., 17 und 21 h Live-Vertonung als Konzert)

Foto: Susanne BirckFoto: Susanne Birck

Ton-Videoinstallation und Skulptur „Sensation of Places“ von Amalia Fonfara, Sa., 4.11., 22:30 h in St. Petri

4. Lübeck Film Studies Colloquium, Fr., 3.11., 9:15-14:30 h und Sa., 4.11., 9:15-13 h. Weitere Informationen und vorherige Anmeldung unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Party im TreibsAND – Konzert der Band „Desert Planet“, Fr., 3.11., ab 21 Uhr, Eintritt frei/mit Flyer

Wie immer sei auf die Homepage der Filmtage (www.filmtage.luebeck.de) verwiesen, wo vieles noch einmal nachzulesen ist, insbesondere auch Kurzbeschreibungen der einzelnen Filme. Das ausführliche Programm soll ab dem 21. Oktober online verfügbar sein; der Vorverkauf beginnt am 28.10. um 15 Uhr an den Kassen im CineStar Filmpalast Stadthalle und zeitgleich im Internet. Spielstätten sind außerdem das Kolosseum, das Kino KoKi und das Filmhaus.

 

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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