Foto: (c) Silke Winkler

Szenen aus dem Wilden Westen mit dem Schweriner Ballett
Vom Pfeifen im Dunkeln oder die Lösung der Frage "Who shot the sheriff?"

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Recht bleihaltig war die Luft im Schweriner E-Werk. Wo früher die Transformatoren knisterten, tummelten sich Indianer und Squaws, Cowgirls und Cowboys, bekämpften und liebten sich, befreiten Ganoven aus dem Gefängnis oder zelebrierten schaurige Rituale, gingen als Gehenkte auf Erfahrungstrip oder feierten mit ungezogenen Mädchen wilde Partys.

Männlich ist die Welt im Wilden Westen, glaubte man, doch auch das zarte Geschlecht musste sich dort in jeder Lebens- und Liebeslage bewähren und beweisen, mithalten im Reiten, Schießen, im Faustkampf und im Trinken. Was es so an Klischees über den Wilden Westen gab und gibt, transportiert durch Epik in Groschenheften oder Büchern, besungen in gefühlvollen Balladen, bewegt oder bewegend dargestellt im Film, wurde nun in Schwerin (Premiere: 27. Oktober 2017) in munteren 18 Szenen und ebenso viel passender Musik mit viel Augenzwinkern in Erinnerung gerufen. Der Italiener Francesco Nappa hatte sich zu dem Thema eine leichthin zusammengestoppelte Geschichte ausgedacht und in etwa 70 Minuten im spannungsvollen Wechsel der Ereignisse mit dem Ballett des Mecklenburgischen Staatstheaters ausgebreitet.

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Man mag ihm glauben, dass sich auch die kernigen Cowboys beim Ritt durch die Nacht mit lautem Pfeifen Mut machen, wenn sie müde von ihren Mustangs oder (Stecken-)Pferden sich schwingen. „Twisted Nerve“ von Bernard Herrmann liefert dazu den ohrenreißerischen Soundtrack. Wenn die beiden lonesome heroes dann in dem einsam daliegenden Körper schreckvoll den Sheriff erkennen, kommt die Frage auf: Who shot the sheriff? Aber ein Western ist kein Krimi, ein Cowboy kein Kommissar, und so bleibt die Frage ungelöst – bis zum Schluss. Dennoch hat die Situation den Vorteil, dass sie ihren Kumpel aus dem Gefängnis befreien können. So etwas darf in einem guten Western-Plot nicht fehlen, zumal der Gefangene wunderbar mit Dean Martin träumen darf, wie es draußen wohl am Rio Bravo sein mag mit „My rifle, my pony und me“.

Fords „Searcher“ lässt grüßen, und Max Steiners grandioses Thema daraus bildet die Klangfolie für den Kampf zwischen Cowboys und Indianern und der Liebe auf den ersten Blick zwischen dem inzwischen Befreiten und einer reizend jungen Squaw. Aber man weiß, dass das keine glückliche Zukunft hat. Sie trifft eine Kugel. Ein indianischer Schamane stimmt daraufhin „Lacota Lullaby“ an und ruft nach den Seelen der Ahnen. Stilecht setzt das Bühnenbild von Christian Held als Accessoire ein Tipi in die Szene, mit drei mittrauernden Indianerinnen darin, und alle zudem ebenso stilecht von Bregje van Balen kostümiert.

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Zu Andrew Birds „Master Sigh“ wollen in einem Pas de deux ein Mann und eine Frau zwischen einem Zaunelement zueinander finden. Hier wie auch zur Musik der „Glorreichen Sieben“ zu einem Tanz des ganzen Ensembles will die Choreografie der Enge der Westernparodie entkommen und auf Allgemeines verweisen. Warum Trennendes wie ein Zaun sein muss, der „auf Mauern“ verweist, um „Macht zu demonstrieren“, fragt das schmale Programmheft. Aber derartige Gedankenfracht vermittelt sich wenig bei dem augenzwinkernden Geschehen auf der Bühne.

Makaber dagegen wird es bei einem „Tanz“ zweier am Strick Hängender zu Charles Bernsteins lakonischem „White Lighting“ (Inglourious Basterds), das zum Schluss mit YMCA gemixt wird. Das ist schwarzhumorig erfunden, ebenso wie auch das nahezu artistische Solo eines Hilfssheriffs, der versucht, den Schaukelstuhl seines Chiefs zu übernehmen. Natürlich passt Johnny Cashs markantes Organ, aber auch Claude Debussy ist mit seinem Prélude „La Fille aux cheveux de lin“ dabei. Das zarte Stück begleitet eine Szene, in der ein Mädchen an den Händen gefesselt von Männern für seine verlockende Schönheit „bestraft“ wird. Ist das als Sozialkritik zu deuten? Vielleicht, aber die käme sehr leichtfüßig daher, genau wie bei dem Pistolenduell (ebenso notwendig im Western), aber diesmal zwischen zwei Frauen und zu Steiners „Deguello“, noch einmal aus „Rio Bravo“.

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Der Beifall für die muntere Regie, für die Kunst der Tänzer im Solo, im Pas de Deux oder im präzisen Miteinander in einer Formation oder im Ensemble, in Pantomime oder geschmeidiger wie grotesker Verrenkung bis hin zum Artistischen. Alles überzeugte und machte den Abend zu einem runden Vergnügen.

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Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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