Rettet das Holstentor!

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Seine Funktion ist unserem Holstentor schon vor langer Zeit abhanden gekommen — wie auch die zu ihm gehörende Einbindung in Wälle und Gräben. Umso mehr interessieren Ideen, wozu diese heute eher als Verkehrshindernis wahrgenommene Baulichkeit wohl noch gut sein könnte.

Die Kulturstiftung, seit Jahren mit einer grundsätzlichen Neu-Ausrichtung der Lübecker Museen beschäftigt, macht sich auch ums Holstentor so ihre Sorgen.* Die auf politischer Bühne geäußerten Vorschläge für eine Neu-Verwendung waren erwartbar, so Aufnahme des Standesamts oder des von der UNESCO geforderten Welterbezentrums. Weshalb niemand die Idee hatte, hier ein Bier-Museum einzurichten, war Lübeck im 16. Jhd. doch mal der größte Bier-Produzent im Reiche, gibt schwer zu denken. Als ob Bier kein hansisches Thema wäre.

Die Geografische Gesellschaft (d. i. ein Zweig der Gemeinnützigen) sprach sich dafür aus, die „beeindruckende Internationalität und Weltläufigkeit im Verhalten und Handeln einzelner Lübecker Persönlichkeiten in ihrem spannungsreichen Gegensatz zu einer Stadtgesellschaft, die sich oft verschloss, engstirnig zeigte und einigelte“, in einer Art didaktischem Parcours im Holstentor wahrnehmbar zu machen.** Was hat das Tor damit zu tun? Zur Zeit der namentlich nicht genannten „großen Lübecker Persönlichkeiten“ (gemeint waren womöglich Erich Mühsam und die Mann-Brothers) war das Tor längst kein Tor mehr. Ab 1851 stand es im Wortsinne im Wege und wäre, wie allgemein bekannt ist, fast verschwunden. Hier bemüht das Geografen-Statement Bedeutungs-Ebenen, die mehr ein angesagtes Betroffensein demonstrieren. Ein Denkmal des Mitgefühls mit der Welt besitzen wir bereits mit den Tonfiguren des Dokumenta-Künstlers Thomas Schütte auf dem Dach der Musik- und Kongresshalle: Die hoch- und weit weg gestellten „Fremden“ aus buntglasierter Keramik sieht man von unten nicht. Aus den Augen, aus dem Sinn. Eine solche Demo sollte reichen.

Den Leerstand bekämpfen?

Alle Nutzungen, die für das Holstentor vorgeschlagen wurden, dürften an anderen Orten viel besser funktionieren. Über Standesämter, Welterbe-Zentren (für die besondere Regeln gelten, wie kostenloser Eintritt), Bier-Museen müssen wir nicht reden. Auch die von Völkerkundlern und Historikern vorgeschlagene Visualisierung der internationalen Präsenz Lübecks im 19. Jhd., begründet durch die Tatsache, dass es zeitweise weltweit mehr als 160 konsularische Vertretungen der Lübecker Interessen gab (dies wiederum beglaubigt durch die Völkerkunde-Sammlung, deren Exponate von Handel-Treibenden gestiftet wurden), ließe sich zwischen zwei Buchdeckeln unterbringen und bei günstiger finanzieller Wetterlage mit einer temporären Ausstellung im Archiv oder im Hansemuseum abarbeiten. Lübsche Präsenz beispielsweise auch in Bordeaux, von wo der sagenumwobene lübsche Rotspon herkommen soll. In Bordeaux, Allées Tourny Nr. 37, steht noch das vornehme Stadtpalais des hanseatischen Konsuls Meyer, gegen 1800 erbaut von Lucien Combes, einem bedeutenden Vertreter des französischen Klassizismus. Das muss man natürlich nicht wissen. Interessant dagegen sind die genealogischen und firmenspezifischen Verflechtungen hanseatisch-lübisch-hamburgischen Konsul-Adels. Dazu passt die alte Völkerkunde ganz wunderbar: Auf einem schönen chamois-farbenen Foto sehen wir Konsul und Kaufmann Johann Hinrich Kistenbrook am Kaiserin-Augusta-Fluss in Kaiser-Wilhelm-Land auf Deutsch-Neu-Guinea, wie er ein Lübecker Marzipan-Holstentor gegen ein bemaltes Sepik-Ahnenbrett tauscht: Der Mann hat Kultur! Dieser Einschub ist natürlich unsachlich (ist er das?), aber beim Lesen der Verlautbarung der Geografie-Freunde** haben sich solche Bilder aufgedrängt. Klar gesagt: Der Vorschlag, Lübecks Konsular-Akten und Schreiben aus dem 19. Jhd. im Holstentor auszubreiten und illustrierend dazu die Völkerkundesammlung als „tribal art deco” einer Resteverwertung zuzuführen, ist totaler Quatsch. Auch für ein seriöses Thema wie „Lübecks Mitschuld am europäischen Kolonialismus“ ist das Holstentor kein behilflicher Rahmen.

Es wurde auch gesagt, das Holstentor stehe leer, weil die Schau Macht des Handels sich mit dem 2015 eröffneten Europäischen Hansemuseum (EHM) erübrigt habe und eine neue Nutzung brauche. Aus dem Holstentor ist aber kein Stück ins EHM gewandert. Wer hier einen Leerstand durchsetzen will, muss sagen, wo er mit dem vorhandenen Handelsmacht-Gut hin will. Auch wenn vieles davon entsorgt würde, wäre das Haus aber immer noch nicht leer: Der größere Teil des Bestands im Holstentor gehört zu dem in den Nachkriegsjahren eingerichteten Stadtgeschichtlichen Museum*** mit unveräußerlichen Originalen.

Wie sähe eine dem Rang des Holstentors angemessene Bewirtschaftung aus? Es gibt ja nicht nur die Bürde haushaltspolitischer Argumente und der zu demonstrierenden Zeitgenossenschaft, sondern auch die Würde des Bauwerks. Das Holstentor wurde nicht als Museum erbaut, es ist noch weniger ein neutraler Rahmen für Begrüßungskultur wie die Halle eines Airports. Es ist zuallererst eines der überragenden Architektur-Meisterwerke des alten Lübeck. Groß, herrisch, selbstgefällig, nicht eben bescheiden. Das Tor war trotz seiner Geschütznischen und Mannschaftsräume mehr als „nur“ ein Wehrbau. Dazu treten die Spuren der jüngeren Vergangenheit: Die im Zuge der statischen Konsolidierung 1933/1934 geschaffenen kassettierten Betondecken, die Klinker-Fußböden, die Geländer und die runden, backsteinsichtig geschrubbten Innenwände sprechen die Sprache der baupflegerischen Vorstellungen der Zeit. Es ist die Handschrift des Bauamtsleiters und Denkmalpflegers Hans Pieper. Die heutige Denkmalpflege wird diesen zeittypischen Ton bewahren wollen.

Entgegen dem immer noch wabernden und zu Markt getragenen Hanse-Mythos ist nüchtern festzustellen, dass die vorhandene, sichtbare und verstehbare Stadtgeschichte Lübecks, soweit sie in Bauten zu erfassen ist, in dieser Stadt keinerlei museal-didaktische Aufbereitung erfährt. Stattdessen hat es in Lübeck immer allzu große Ambitionen in den Köpfen gegeben: Unter „Haupt der Hanse“ und „Weltmacht des Mittelalters” ging und geht hier gar nichts. Der Vorschlag einiger Historiker, im Holstentor Lübecks Positionierung in der Welt des 19. Jhs. aufzublättern, ist wieder so eine Rosine, die als verschrumpelter Rest aus der Hanse-Tüte herauskullert. Lübecks Geschichtskundler scheinen zu unterstellen, dass sich die historische Bedeutung der Stadt allein aus dem Studium der Urkunden in den Archiven erschließt, und die daraus filtrierte vielbändige Geschichtsschreibung könne doch bitteschön jeder lesen. Warum räumt man der verstehenden Aneignung von Wissen über die gebauten Dokumente unserer Stadtgeschichte keinen Platz ein?

Kurz: Die Räume im Holstentor könnten durchaus der richtige Rahmen sein für „das“ Stadtbau-geschichtliche Museum Lübecks. Natürlich ist dies zunächst nur eine Idee. Das Haupt-Exponat wäre das Holstentor selbst. Der Themenbereich Holstentor/Burgtor, Stadtmauer- und Stadttorbau Lübecks im Wandel ihrer Formen und ihrer Zweck- und Sinngebung wäre auch geeignet, den Blick auf andere Aspekte des Bauens zu leiten, auf den Profanbau mit Schwerpunkt auf Mittelalter, als Lübeck wichtige Beiträge zur Stadt-Entstehung und zum Hausbau in Nordeuropa leistete. Die Archäologie hätte Wichtiges beizutragen: Das Nicht-Ansehbare, Verborgene, Verlorene wird eine große Rolle spielen. Auch der Missbrauch des Holstentors in der Nazi-Zeit wäre zu thematisieren. Viele Exponate der vorhandenen Stadtgeschichtlichen Sammlung könnten einbezogen werden. Ziel wäre also ein Stadtgeschichtliches Museum mit dem Schwerpunkt Architektur. Freilich: Gerade mal 400 Quadratmeter Stellfläche zwingen zur Beschränkung, das birgt aber auch Chancen. Mit dem Hinweis auf die katastrophale Finanzlage Lübecks wird dieser Vorschlag wie gewohnt sofort in der Versenkung verschwinden. Aber: Ein „Begrüßungskultur-Center”, das sich menschheitsumarmend und beifallheischend selbst auf die Schultern klopft, ist auch nicht ohne Geld zu machen. Es wird sogar richtig teuer, wenn man sich nicht lächerlich machen will. Weil dies so ist: Lasst bitte erst einmal alles beim Alten und wischt gelegentlich mal Staub. Gut Ding will Weile haben.

*) Vorstellung von Vorstellungen und Ideen zur „Neukonzeption” in „Lübeckische Blätter” Nr. 6 / 2016, S. 97ff..

**) Völkerkunde ins Holstentor? Lübeckische Blätter Nr. 8 / 2016, S. 145.

***) Bernd Dohrendorf: Rettet wenigstens das Stadtgeschichtliche Museum! Lübeckische Blätter Nr. 7 / 2016, S. 128.

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