Im Foyer des Cinestar Stadthalle, Foto: (c) Olaf Malzahn

Remake zum 60. Jubiläum
NFL-ABC – Ein sehr persönlicher Rückblick

Arne ist auch wieder da. Ich treffe ihn in der Warteschlange zu „Ditte & Louise“ vor Kino 5, der einzigen Schlange, die in Haarnadelkurven endet, was zur Folge hat, dass sich Wartende zeitweise aufeinander zu bewegen. Das befördert Unterhaltungen ungemein – und nicht nur die.

Im kurvigen Voranschreiten sehe ich mich netterweise plötzlich A.B. gegenüber und wir gehen endlich offiziell zum Du über. Darüber freue ich mich sehr, auch wenn sie direkt danach die vorletzte „Freikarte“ ergattert und die folgenden Akkreditierten, darunter auch Arne, eine extra Warteschlange bilden, in der Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein paar Plätze frei bleiben und wir nachrücken können. Das sieht nach einer Weile allerdings nicht mehr so aus, im Gegenteil, offenbar sind sogar fünf Tickets zu viel verkauft worden.

Es gibt Platzprobleme im Saal (sogar ein mitgebrachter Klappstuhl wird von F. netterweise angeboten, aber abgelehnt, wie ich später erfahre). Kurz vor Toresschluss rauscht ein älterer Herr an uns vorbei mit den Worten: „Mein Name ist Lohse (Name von der Red. geändert, und er kauft auch nicht ein!), meine Karte ist hier hinterlegt!“, woraufhin Arnes Gefährtin laut ruft: „Und ich bin seine Frau!“ „Die schreckt vor nichts zurück, um ins Kino zu kommen“, meint Arne, aber es nützt alles nichts. Wir weichen kurzentschlossen aus auf „Eine Affäre“, aber das war keine gute Idee. Dazu später.

Filmszene aus 'Blinder Fleck', Foto: (c) Jonas AlarikFilmszene aus 'Blinder Fleck', Foto: (c) Jonas Alarik

Blinder Fleck“ (Norwegen, DK 2018, Regie Tuva Novotny), wie auch „Utøya“, wurde in Echtzeit gedreht, also ohne einen einzigen Schnitt. Was das allein an technischer Vorbereitung und schauspielerischer Leistung erfordert, ist schwer vorstellbar und verdient Hochachtung. Beide Filme sind in ihrer Dramatik allerdings kaum auszuhalten, da sie stark dokumentarische Wirkung entfalten, und sich in derartigen traumatischen Ausnahmesituationen zu befinden, möge jedem Menschen erspart bleiben! Selbst beim Zusehen gibt es kein Entrinnen, wir sind mitten im Geschehen, es muss bis zum bitteren Ende ertragen werden. Da stellt sich die Frage, warum ausgerechnet schlimmste Schreckensereignisse auf diese Art verfilmt werden, wo doch die allgegenwärtige Präsenz der Medien das Grauen in jedes Wohnzimmer bringt. Ich wäre sehr neugierig auf einen ebenso gestalteten Film, der das Publikum mitnimmt auf eine 90-minütige beglückende Reise durch Zeit und Raum. Wie wäre das?

C & A (Schwager und Schwägerin) haben ihren lang ersehnten Besuch aus dienstlichen Gründen wieder kurzfristig abgesagt – ein Jammer für beide Seiten! Das muss besser werden, ihr Lieben! Auch den „lieben S.“ vermisse ich sehr. Wo steckst du denn? Die nächsten NFL finden vom 29.10. – 3.11.2019 statt. Save the date! (Datum merken!)

Filmszene aus 'Ditte und Louise', Foto: (c) Nordisk Film ProductionFilmszene aus 'Ditte und Louise', Foto: (c) Nordisk Film Production

„Ditte & Louise“ (Dänemark 2018, Regie Niclas Bendixen) spielen sich selbst im gleichnamigen Film (bis zu einem gewissen Grade), der urkomisch daherkommt und trotzdem ein ernsthaftes Problem zu thematisieren weiß, gerade indem es durch den Kakao gezogen wird. Herrlich (oder doch däm-lich?)! Jedenfalls ein sehr spaßiger Beitrag, nicht nur zur Gender-Debatte. Vielleicht ist es der Film, bei dem die Crew das meiste Vergnügen beim Drehen hatte. Die beiden (Halb-)Damen werden bestimmt alsbald in kommerziellen Kinos zu sehen sein. Unbedingt angucken! Aber wer kann danach noch ein Stückchen Brie genießen, ohne vorher mal eben verstohlen daran geschnuppert zu haben!? (Etwas irritierend, dass in einer der nächsten Dokus der Gekreuzigte auf einem Altarbild verflixte Ähnlichkeit mit Ditlev hatte.)

Eine Affäre“ (Norwegen 2018, Regie Henrik Martin Dahlsbakken) hätte mir gestohlen bleiben können, und ich bin mir mittlerweile mit etlichen Mitguckenden einig, dass eine Frau den Film so nicht gedreht hätte. Männern scheint er aber offenbar zu gefallen. Das regt zu teils heftigen Diskussionen an. Der Regisseur ist sogar stolz auf sein Werk, so wie es ist, und würde nichts ändern wollen. Das sei ihm gegönnt, gelobt sei ein gesundes Selbstbewusstsein. Die SchauspielerInnen sind durch die Bank hervorragend, aber die Hauptrolle der Lehrerin geradezu ärgerlich. Deutlicher Unmut regt sich rechts und links von mir, wo zufälligerweise lauter Frauen sitzen. Das Pendant „Du willst mich“, aus dem Jahr 2014 mit derselben Thematik und übrigens derselben Hauptdarstellerin Andrea Bræin Hovig (!), wirkte nicht nur auf mich ungleich überzeugender und packender.

Im Cinestar, Foto: (c) Olaf MalzahnIm Cinestar, Foto: (c) Olaf Malzahn

Frauke, auch lange nicht getroffen, bringt mir zu einer Vorführung ein alkoholfreies Bier mit in den Kinosaal, als mir die Zunge buchstäblich im Halse klebt, da meine Selbstversorgung in diesem Jahr suboptimal ist. Danke für diesen erfrischenden Lieferservice!

Gegen den Strom“ (Island, FR UA 2018, Regie Benedikt Erlingsson) hat, wie wir inzwischen wissen, so viele Preise auf sich vereinigt wie nie ein Film zuvor. Er ist auch mein einsamer Favorit, wobei für mich zwei Dinge sicherlich eine zusätzliche Rolle gespielt haben: Zum einen durfte ich ein paar Drehorte im letzten Sommer besuchen, an denen unser Reiseleiter schon einiges über den Film verraten hat, insbesondere auch die nicht unerhebliche Tatsache, dass es das Vorbild zur Hauptfigur im Film wirklich gegeben hat. Ich glaube, das wissen nicht viele. So hat die reale Aktivistin tatsächlich Kurzschlüsse im Stromnetz mittels Pfeil und Bogen bzw. Armbrust produziert. Zum andern musste ich von Beginn an an G.P. aus HL denken. Es gibt da ein paar augenfällige Parallelen. Das hat mir zusätzlich sehr gefallen. ChorsängerInnen mögen ahnen, wen ich im Sinn habe. Last not least liebe ich es stets, wenn ein ernstzunehmendes Thema mit Leichtigkeit und Heiterkeit aufs Korn genommen wird. Dieser Film ist das beste Beispiel dafür, dass das möglich ist.

Filmszene aus 'Gegen den Strom', Foto: (c) Slot Machine / Gulldrengurinn Filmszene aus 'Gegen den Strom', Foto: (c) Slot Machine / Gulldrengurinn

Holländisches Internet scheint immer noch schneller und verlässlicher zu sein als das deutsche. Jedenfalls hatten „meine lieben Holländer“, Hans und Margit, die jedes Jahr zu den NFL anreisen, wieder keinerlei Probleme, ihre Tickets von Holland aus online zu ergattern. Wir treffen uns dieses Mal viel häufiger als sonst, aber finden dennoch zwischendurch keine Zeit für ein Kaffeetrinken in Ruhe. Irgendein Film läuft ja immer ... Auch das planen wir fürs nächste Jahr anders.

Ist ein blaues Tuch aufgetaucht? Mit dieser Frage halte ich am Mittwoch mindestens drei junge Männer vom CineStar-Team auf Trab. Das Tuch habe ich bei der Pressevorführung des Eröffnungsfilms „Die kleine Genossin“ (sehr gelungener Start!) im Kino 4 liegen lassen. Nachts gegen 1 Uhr traue ich mich ohne Lichtquelle nicht mehr ins Stockdustere des Saals. Das Tuch an sich ist nichts Besonderes, aber das letzte Geschenk meiner Mutter, und so vermisse ich es schmerzlich. Einer der jungen Männer hatte es bereits entdeckt und eigenhändig zur Seite gelegt, von wo es jedoch ein weiteres Mal verschwunden ist, aber ich gebe nicht auf mit meiner Fragerei, und die Herren bleiben auch noch im Stress und Getümmel gleichbleibend hilfsbereit und freundlich. Wie groß ist meine Freude, als der letzte Film am Mittwoch zu Ende geht und mein geliebtes Tuch vor dem Kino auf dem Tisch liegt – einfach so. Ein großes Dankeschön an alle Helfer!!!

Filmszene aus 'Wege des Herrn', Foto: (c) Tine Harden, DRFilmszene aus 'Wege des Herrn', Foto: (c) Tine Harden, DRJohannes, ich will nun wissen, wie es weitergeht mit den Dramen in deinem Pfarrhaus! Das habe ich nun davon, zwei Episoden einer Serie angeguckt zu haben: Ich bin voll infiziert und möchte noch einmal auf „Die Wege des Herrn“ (Dänemark 2017, Regie Adam Price, Lars Mikkelsen als Pfarrer Johannes) verweisen, die Ende November auf ARTE ausgestrahlt werden. Freundin B., die netterweise doch noch aus OL angereist ist, hat’s auch erwischt. Direkt ein Anlass für einen weiteren Besuch mit gemeinsamem TV-Abend. Das könnte uns gefallen.

Kurzfilme sind oft wahre Kleinodien zwischen ihren größeren Geschwistern. Das schrieb ich an dieser Stelle vor 10 Jahren. Jetzt habe ich eine Session erwischt – wenigstens eine in diesem Jahr sollte es doch sein! –, die ich mir lieber erspart hätte. Darum verrate ich gar nicht erst, welche es war. Mein Nachbar zur Rechten, der sich riesig gefreut hat, spontan noch eine Restkarte zur späten Stunde zu bekommen, seufzt am Ende enttäuscht: „Das hatte ich mir etwas anders vorgestellt“, während der zur Linken sich bestens amüsiert hat, abgesehen von seiner Allergie („Ich saß vorhin neben einer Frau mit Haustieren“, so seine lapidare Erklärung; es klingt, als hätten die Tiere mit im Kino gesessen), die ihn dazu nötigt, sich alle 5 Minuten trompetenartig zu schnäuzen. So etwas habe ich auch noch nicht erlebt. Die vor ihm Sitzende zuckt jedes Mal zusammen und beugt sich im Laufe der Vorstellung weiter und weiter nach vorne.

Logos zu ändern, die sich über Jahre bewährt haben, ist so eine Sache für sich. Wer sich was dabei gedacht hat, Logo und Trailer der NFL zum 60. Geburtstag in dieser Form zu ändern, bleibt ein Rätsel. Immerhin traf ich schon eine (einsame?) Person, der die jetzige Aufmachung besser gefällt. Ganz bestimmt hat sie, die Neuerscheinung, aber viel Geld gekostet.

Manni mischt nach wie vor unermüdlich mit und regelt Tag für Tag Töne und Technik. Seit letztem Jahr knuddeln wir uns immer mal herzlich und heftig im Vorübergehen. „Das ist doch zu schön“, sagt er jedes Mal. Na, drollig aber auch.

Nächtliche Mails sind wieder Mal unumgänglich, wenn für den kommenden Tag noch Film-Verabredungen getroffen werden wollen oder sogar Dienstliches zu regeln ist. Die Zubettgehzeit pendelt sich fatalerweise bei 2:30 Uhr ein, die Ursache für mindestens einen Schnarchlaut, der mir leider bei einer sehr schönen Doku mit langen Einstellungen (die ich eigentlich sehr schätze!) entwischt ist. Wie ärgerlich, aber vor allem peinlich. Ich möchte mich dafür an dieser Stelle ausdrücklich entschuldigen.

Filmszene aus 'Die Falken', Foto: (c) SagafilmFilmszene aus 'Die Falken', Foto: (c) Sagafilm

Oh, du lieber Himmel, lass endlich den Film beginnen! Ich kenne inzwischen sämtliche Familienverhältnisse des Herrn neben mir, die Namen seiner Kinder, Schwiegerkinder und Enkel, die Tätigkeiten und Wohnorte aller Verwandten sowie die Urlaubsziele und -zwecke mit und ohne Enkeln und die Gründe, warum man(n) sich am ehesten Kinderfilme anschaut, nämlich um das Lesen von Untertiteln zu umgehen, da selbige ja auch eingesprochen werden. Hilfe! Als dann noch zwei Frauen zur anderen Seite erst auf meine Aufforderung hin aufhören, sich während des Films popcornfutternd und -raschelnd zu unterhalten, reicht es mir mit der ansonsten eher disziplinierten Nachbarschaft. Nichts wie weg nach dem Film „Die Falken – alle für einen“ (Island, SE 2018, Regie Bragi Þór Hinriksson), der aber ausschließlich Freude bereitet hat – wieder einmal gedreht vor großartiger isländischer Kulisse mit geschickt eingeflochtenen realen Aufnahmen vom Vulkanausbruch des unaussprechlichen Eyjafjallajökull.

Pokka, ein Flecken „in the middle of nowhere“, wie es auch in der Doku heißt, muss man einmal gesehen haben, sonst glaubt man’s nicht, habe ich immer gesagt und bin darum schon zum zweiten Mal mit dem Rad dort in der Einöde gewesen. Was ich nicht wusste, ist, dass der Ort 1987 der vorerst letzte war, der in finnisch Lappland mit Elektrizität versorgt wurde. Dieser Pionierleistung seines Großvaters und Vaters ist Filmemacher Antti Haase auf einfühlsame Weise nachgegangen und hat mit „Die das Licht brachten“ (Finnland 2017) ein wunderbares Vermächtnis für diese beiden Männer und die wagemutigen Arbeiter der Zeit hinterlassen. Dass der Film ausgerechnet an jener Brücke am Polarkreis in Rovaniemi beginnt, wo auch unsere Radtour jeweils startete, hat mich selbst am letzten Tag der NFL nochmals hellwach gemacht.

Filmszene aus 'Der Fluss, meine Freundin', Foto: (c) Hannah AmbühlFilmszene aus 'Der Fluss, meine Freundin', Foto: (c) Hannah Ambühl

Darüber soll aber nicht die vorangegangene Doku „Der Fluss, meine Freundin“ (Schweden, CH 2018, Regie Hannah Ambühl) vergessen werden, in der auch die Schattenseiten der Energieversorgung für zwangsumgesiedelte Sami deutlich werden (in Schweden offenbar ein größeres Problem als in Finnland). Auch dieser Film, mit Bestnote bewerteter Teil einer Master-Arbeit und gedreht am Fluss Lule, lässt Erinnerungen an die erste Radtour zum Polarkreis wachwerden. Nicht nur die Regisseurin hat sich im Urlaub in die Gegend verliebt. Wie wunderbar, gerade diese beiden hervorragenden Dokus gemeinsam präsentiert zu bekommen!

Q & A, questions and answers, also Fragen und Antworten, ist nicht allen Filmschauenden ein Begriff, erst recht nicht Kindern! Aber auch von Erwachsenen bin ich gleich ein paar Mal gefragt worden, was das bedeutet. Der immer wiederkehrende Satz „We will be back afterwards for the Q & A“ oder „Im Anschluss an den Film dürfen gerne Fragen gestellt werden“ – so viel Zeit – für Übersetzung und Erklärung – sollte sein.

Retrospektive – dieses Mal unter anderem Ingmar Bergman gewidmet. Ich bedauere es sehr, sie in diesem Jahr komplett verpasst zu haben. (Vielleicht hätte ich sogar einen Blick auf Liv Ullmann werfen können – aber das hier nur am Rande für Eingeweihte ...) Zu hören war jedenfalls ausschließlich Gutes oder sogar sehr Gutes zu den Filmen dieser Sparte.

Filmszene aus 'Lass mich fallen', Foto: (c) The Icelandic Film CompanyFilmszene aus 'Lass mich fallen', Foto: (c) The Icelandic Film Company

Sex ist ein variationsreiches, aber nahezu allgegenwärtiges Thema bei den diesjährigen Filmbeiträgen, oder, wie es ein Referent ausdrückte: „Es wird viel verkehrt.“ „Lass mich fallen“ (Island, DE, FI 2018, Regie Baldvin Z) ist für mich das bedrückendste Beispiel dafür, wie Sex zur bloßen Ware und Waffe degradiert werden kann. Das ist kaum auszuhalten, wie manches in diesen Filmen, es braucht hier und da wirklich starke Nerven. Umso mehr habe ich mich gefreut, Kristín Þóra Haraldsdóttir, die Hauptdarstellerin aus eben jenem Film zu guter Letzt noch einmal in ganz anderer Rolle wiederzutreffen, nämlich als frauenliebende Lara, alleinerziehende Mutter eines ganz wonnigen Jungen, die in Not gerät und schicksalhaft auf die geflüchtete Adja trifft. „Atme ganz normal“ (Island, SE, BE 2018, Regie Isold Uggadóttir) bleibt mein ganz persönlicher würdiger Abschlussfilm mit wunderbarer, hoffnungsvoller und liebenswerter Schluss-Szene – aber eben nicht dem vielleicht erwarteten Happy End. Das wäre auch zu platt gewesen.

Tee und Vegetarisches im Sultan-Palast in der Mühlenstraße ist zwischendurch immer noch die Rettung, wenn beides im CineStar nicht zu haben ist – und das ist leider häufiger der Fall. Für mittags um 12 Uhr eigentlich ein Unding. Da hilft auch das freundlich gemeinte Angebot eines Mitarbeiters nichts, dem finnischen Gast, der irgendetwas Vegetarisches essen möchte, die Wurst vom Brot zu nehmen. Nice try!

Foto: (c) Olaf MalzahnFoto: (c) Olaf Malzahn

Ulrike ... Zu Dir zitiere ich „Papa P.“: „Eine Dritte ist hier irgendwo noch bei uns und mit uns, und das wird auch immer so bleiben.“ Deine Idee, gut gekühlte Biervorräte zu verteilen, die ganz unauffällig draußen in der Fahrradtasche deponiert sind, will ich im kommenden Jahr endlich wieder aufgreifen. Aber wie vor 10 Jahren sollte sich das auch dann natürlich nicht herumsprechen.

Vor dem Frost“ (DK 2018, Regie Michael Noer) ist ein ganz bemerkenswerter Film, „bei dem uns schon beim Zuschauen der Schlamm an den Schuhen klebt“, wie in der Anmoderation so treffend gesagt wurde. Bäuerliches Leben im Dänemark des 18. Jahrhunderts. Da gibt es aber auch gar nichts Schönes, es geht ums pure Überleben und darum, die Familie in bedrückend karger Zeit irgendwie durchzubringen. Aber wie weit kann der Hunger die Menschen treiben? Letztlich verkauft der Vater in seiner blanken Not nicht nur seine Tochter, sondern auch seine eigene Seele. Ein packender Kostümfilm, mit Jesper Christensen als Hauptdarsteller neben glänzenden weiteren, der bei diesen NFL vielleicht ein kleines bisschen untergegangen ist – völlig zu Unrecht!

Filmszene aus 'Vor dem Frost', Foto: (c) Jonas Jacob Svensson Filmszene aus 'Vor dem Frost', Foto: (c) Jonas Jacob Svensson

Weinen und Lachen liegen in diesen Tagen oft so dicht beieinander, dass für beides Taschentücher bereitgehalten werden sollten. Daran hat sich im Laufe der Jahre rein gar nichts geändert. Und das ist gut so!

X-mal und damit noch häufiger als sonst unterhalte ich mich in diesem Jahr mit Leuten, die ich gar nicht kenne oder aber ausschließlich von den NFL oder die ich nur selten sehe, und meist finden diese „Gespräche“ gerade mal zwischen Tür und Angel bzw. zwei Filmen statt. Fast immer sind diese Begegnungen jedoch anregend und amüsant, erfreulich wie erbaulich und könnten x-mal eigene Kurzgeschichten ergeben. Kein Einerlei im Nebenbei!

You can say you to me“ kommt mir leider so manches Mal in den Sinn, wenn ich deutsches Englisch neben skandinavischem höre oder sogar dem bemerkenswerten estnischen der kleinen Helena Maria Reisner aus dem Eröffnungsfilm „Die kleine Genossin“ (Estland 2018, Regie Moonika Siimets). Niemand erwartet Perfektion der ModeratorInnen, aber sie sollten doch insoweit vorbereitet sein, zumindest die richtige Aussprache ihrer eigenen Fragen zu beherrschen. Und so spricht sich „project“ eben nicht wie „process“, und „lunatics“ wird auf der ersten Silbe betont und nicht auf der zweiten, um nur zwei winzige Beispiele zu nennen. Darüber sollen aber nun nicht diejenigen vergessen werden, die beispielsweise sogar die isländischen Titel und Mitwirkenden fehlerfrei anzusagen wissen (soweit ich das überhaupt beurteilen kann).

Filmpräsentation 'Die kleine Genossin', Foto: (c) Olaf MalzahnFilmpräsentation 'Die kleine Genossin', Foto: (c) Olaf Malzahn

Zwanzig Film-Sessions sind für mich in diesem Jahr zusammengekommen, wobei ich nicht vorrangig nach Quantität strebe, aber der eine zusätzliche Tag war sehr hilfreich, die Fülle ein wenig zu entzerren. Beim Blick auf alle Eintrittskarten (die im Übrigen auch nicht kostenlos sind, wie viele denken, und inzwischen besonders lange Wartezeiten mit sich bringen, denn es gibt keine Garantie auf Einlass) stelle ich fest, dass mir tatsächlich noch alle Filme sehr präsent sind (auch das lässt sich ein bisschen üben). Tagebuchschreiben in der Nacht und Berichte am Tag helfen mir, die vielfältigen und schnell wechselnden, emotional betrübenden wie beglückenden Eindrücke zu verarbeiten und zu verinnerlichen. „Das kannst du gar nicht!“, meint die liebe H. in vehementem Ton. Und ob ich das kann! Und bin in diesem Jahr rundherum allerhöchst zufrieden!

NFL-ABC: Ein sehr persönlicher Rückblick auf die 50. Nordischen Filmtage Lübeck

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.

Kommentare  

# HerrlichTrix Langhans (09.11.2018, 08:36)
Was für ein herrlicher Filmtage-Rückblick! Die Stimmung wird auf wunderbare Weise eingefangen, es fühlt sich an, als hätte man just selber neben der Autorin gesessen. Eigene Erinnerungen an Begegnungen, Filme, Impressionen werden wach, und man freut sich schon jetzt kollossal auf die 61. Nordischen Filmtage!
# zauberhaftUschi Vieth (10.11.2018, 11:18)
anschaulich - bereichernd - charmant - differenziert - ehrlich -
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