Fährhaus Rothenhusen, Foto: Manfred Eickhölter

Ein Ausflugsort im Süden Lübecks verspricht Ruhe und Entspannung
Fährhaus Rothenhusen

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Im und am alten Fährhaus in Rothenhusen hat sich in den letzten Monaten viel verändert. Natürliche Materialien und eine erweiterte Nutzungskonzeption lassen den historischen Ort in neuem Licht erstrahlen.

Historisches

Über Jahre schien die Zeit in Rothenhusen still zu stehen. Dies hatte einerseits seinen Reiz, führte aber andererseits zu einem beachtlichen Sanierungsstau. Nun wurden umfangreiche Sanierungs- und Umbauarbeiten notwendig, um den beliebten Ausflugsort am Nordufer des Ratzeburger Sees zukunftsfähig zu machen.

Die Geschichte des „rothen huses“ lässt sich bis in das Jahr 1274 zurückverfolgen. Zu jener Zeit erwarb der im Russlandhandel reich gewordene Kaufmann Bertram Mornewech ein an der Einfahrt in die Wakenitz gelegenes Fischwehr. Im Jahre 1595 errichtete die Hansestadt Lübeck dort auf einer kleinen Insel zur Wahrung ihrer Rechte eine Schanze mit Geschützen, um Übergriffe der Herzöge von Sachsen-Lauenburg abwehren zu können, sowie eine Zoll- und Fährstation. Nachdem die Befestigungsanlagen geschliffen waren, wurde das Haus dem Pächter der Wakenitzfähre überlassen. Das Gebäude diente dem Fährmann als Unterkunft. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es dort einen Schankbetrieb. Der Fährmann lebte von den Zoll-, ab 1806 von den Schankeinnahmen. Der Lübeckische Doppeladler an der Südseite des Fährhauses (Jahreszahl: 1583) dokumentiert die Bedeutung des Hauses, das seit 1968 unter Denkmalschutz steht. Bis auf den heutigen Tag gilt das Lokal als beliebtes Ausflugsziel.

Die Dachterrasse mit Blick auf den See, Foto: Thomas-Markus LeberDie Dachterrasse mit Blick auf den See, Foto: Thomas-Markus Leber

Die Sanierung der Bestandsgebäude

Eine über Jahre vernachlässigte Pflege des Fährhauses machte eine Sanierung von Grund auf erforderlich. In seiner Geschichte wurde das Fährhaus mehrfach überformt, ergänzt und umgebaut. Die nun verantwortlichen Architekten um Tobias Mißfeldt mühten sich, die Spuren der Geschichte ablesbar zu machen und dem Denkmalschutz Rechnung zu tragen. Nach dem Umbau präsentiert sich das Fährhaus in seiner Struktur und Anmut weitestgehend erhalten. Angegliedert wurde ein neu konzipierter Verbindungstrakt, der ein großzügig dimensioniertes Restaurant sowie eine Küche beherbergt. Komplettiert wird das Gebäudeensemble durch die ehemaligen Stallungen, in deren Obergeschoss ein zusätzlicher Raum für geschlossene Gesellschaften, im Untergeschoss Toiletten und Lagerräume untergebracht wurden.

Die verschieden dimensionierten Gasträume vermitteln jeweils unterschiedliche Atmosphären. Dem Charakter des Historischen, Gemütlichen und Intimen des alten Fährhauses steht die Großzügigkeit und Nüchternheit des Neubaus gegenüber. Auch das alte Fährhaus präsentiert sich im Inneren offener, klarer und heller. Der Anbau steht für Öffnung, für das Moderne, den Ausblick und die Weite. Der Gesellschaftsraum im Obergeschoss der Stallungen wird über eine Innentreppe oder über die Dachterrasse erschlossen, die wiederum über eine Außentreppe erreichbar ist. Der Raum gestattet unterschiedlichste Nutzungen. Eine Öffnung an der nordseitigen Außenwand erlaubt den Außenverkauf. Das Prinzip der scheinbaren Gegensätzlichkeit von historisch Intimen und großzügig Modernem wird bei der Gestaltung der Außenräume fortgeführt. Hier ergänzt ein kleiner nach Osten gewandter Innenhof die westlich gelegene große Terrasse mit Wasser- und Weitblick.

Ein Neubau im Einklang mit der Natur

Der Neubau ersetzt den Anbau aus den 1960er Jahren. Er folgt dreiseitig den alten Konturen. Der eingeschossige keilförmige Baukörper weitet sich zum Stallgebäude. Auf dem Flachdach wurde eine großzügig gestaltete Terrasse eingefügt, die einen einzigartigen Blick in die Landschaft gewährt. Hier könnte zu einem späteren Zeitpunkt eine Außenküche entstehen. Die eigentliche Küche befindet sich neben dem Gastraum darunter. Das Innere präsentiert sich wohldurchdacht, funktional und nüchtern. Ein ausgeklügeltes Lichtkonzept erlaubt überraschende Effekte.

Fährhaus mit Restaurantneubau vom Innenhof betrachtet, Foto: Thomas-Markus LeberFährhaus mit Restaurantneubau vom Innenhof betrachtet, Foto: Thomas-Markus Leber

Eingehüllt ist der Neubau in ein Reet-Kleid. Hierdurch soll ein direkter baulicher und landschaftlicher Bezug hergestellt werden. Reet bestimmte schon immer diesen Ort. Ursprünglich war auch das Fährhaus mit Reet gedeckt. Reet war in unmittelbarer Umgebung reichlich vorhanden. Reet wirkt hier identitätsstiftend, als Gestaltungsmittel der weichen Bauköperform folgend und als Wärmedämmung, da es ohne Hinterlüftung direkt auf die hölzerne Unterkonstruktion aufgebracht wurde. Auch aus akustischen Gründen wurde Reet verwendet. Die schallabsorbierende Wirkung des Materials ist an der Außentreppe erlebbar. Letztlich kam Reet auch aus ästhetischen Gründen zur Anwendung. Bedauerlicherweise konnte kein heimisches Reet verbaut werden, sondern Material aus Kroatien. Die Ästhetik des Natürlichen bleibt indes ungebrochen: Bäume, Holz, Wasser und Reet prägen den naturnahen Ort. Der Neubau reagiert darauf und interpretiert die Thematik neu.

Mit der Verwendung von Reet wollten die Architekten einen Impuls setzen und zeigen, dass Reet auch im Jahre 2017 ein interessanter und zukunftsfähiger Baustoff sein kann, der zu weit mehr taugt als nur zu „Bedachungsmaterial“. Entsprechende Forschungen fanden jüngst an der Fachhochschule Lübeck statt und haben Eingang in die Konzeption gefunden. Gut möglich, dass die Planer mit ihrem Impuls eine regionaltypische Entwicklung in Gang gesetzt haben. Möglich wurde all das, weil die Bauherren den Architekten entsprechende Freiräume ließen und alles mittrugen.

Dabei galt es, viele Herausforderungen zu meistern. In Ermangelung eines festen Unterbaus wurde beim Neubau eine steife Bodenplatte verwendet. Eine Pfahlgründung schied aus Kostengründen aus. Das Rammen der Pfähle hätte zudem ein hohes Risiko für das Bestandsgebäude bedeutet. Die Konstruktion ist so ausgelegt, dass leichte Setzungen möglich sind. Alle Versorgungsleitungen können etwaige Bewegungen ein Stück weit ausgleichen. Die Platte wurde früh gegossen und zunächst mit allem verfügbaren Baumaterial belastet. Durch den Verdrängungseffekt der Platte auf den Untergrund ergibt sich eine gewisse Steifigkeit. Das Gebäude selbst wurde in Leichtbau ausgeführt. Dazu wurden auf ein Holzgerüst entsprechende Holzleisten, -balken sowie Reet aufgebracht.

Die Seeterrasse und der Neubau seeseitig, Foto: Thomas-Markus LeberDie Seeterrasse und der Neubau seeseitig, Foto: Thomas-Markus Leber

Die dahinter stehende Konzeption

Der Bauherr, die Fährhaus Rothenhusen GBR, hatte sich 2015 um das Anwesen bemüht und wusste schließlich mit einem Konzept zu überzeugen, das verstärkt den „Geist des Ortes“ in den Fokus nahm. Ruhe und Entspannung sollte mit diesem Ort verbunden sein und nicht Hast und Eile, die ein Schnellrestaurant vermittelt hätte, das ursprünglich an dieser Stelle vorgesehen war.

Die neue Ausrichtung war nicht zuletzt auch das Ergebnis umfangreicher Beobachtungen und Analysen, die die Architekten um Tobias Mißfeldt vor Ort vorgenommen hatten. Schnell fiel auf, dass die Mehrzahl der Gäste zu Fuß, mit dem Schiff, mit dem Paddelboot oder dem Rad anreisten. Menschen, die so unterwegs sind, sehnen sich auch am Ausflugsort nach Ruhe und Entspannung. Mißfeldt hatte Gelegenheit, das Fährhaus Rothenhusen und entsprechende Abläufe noch unter seinem alten Pächter studieren zu können. Das eröffnete weitere Einsichten. Zum Beispiel die, dass die Küche bislang suboptimal untergebracht war. Sie wurde daraufhin ausgelagert und im Neubau angeordnet.

Die Architekten waren bemüht, Technisches, Funktionales und Gestalterisches mit einer größtmöglichen Schnittmenge in Einklang zu bringen. Die Architektur des Ensembles sollte zudem viel mit dem Ort und der Zeit zu tun haben, in der sie entstand. Heraus gekommen ist ein zukunfts- und richtungsweisendes Konzept mit der Ästhetik des Natürlichen an einem einzigartigen, historischen Ort. Gewöhnungsbedürftig für den einen oder anderen Stammgast vielleicht, aber langfristig mit einem großen Potential ausgestattet, um wieder zu einem bedeutenden Ausflugsziel in der Region zu werden.

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