Für Historiker eine Unperson
Der Verschwörungstheoretiker und Karlsleugner Heribert Illig nervt Prof. Sowieso und alle Studienräte

Stefan DiebitzVon

Archäologen und Historiker sind ihrem Selbstverständnis nach nur zu gern große Entdecker, denn sie finden manchmal Reiche, von denen zuvor noch nie jemand gehört hat (wie Hugo Winckler, der Ende des 19. Jahrhunderts auf das Reich der Hethiter stößt), sie rufen Personen zu Heroen aus, die sich lange unbeachtet im Hintergrund historischer Gemälde herumdrückten, oder sie deuten Angelpunkte der Geschichte neu und stellen unser Geschichtsbild auf den Kopf.

Seit neuestem sind sie sich darüber einig, dass Geschichtsschreibung nur eine Form des Erzählens von Geschichten ist, eine Art Sinnfindung oder besser Sinngebung, womit jede Zeit für sich von neuem beginnen müsse, oder sie vergnügen sich mit der Vorstellung, wie die Geschichte hätte ablaufen können, wenn dieses oder jenes geschehen oder vielleicht auch nicht geschehen wäre. So etwas nennt sich dann „virtuelle Geschichte“.

Aber sie, die Historiker von Profession, bestreiten niemals die Existenz von Personen, an die viele Generationen vor ihnen glaubten. So etwas ist unartig. Denn wie sieht das aus: Universitätsprofessoren schreiben Bibliotheken über Karl den Großen zusammen, und dann kommt jemand, ein bloßer Amateurhistoriker – gewiss, promoviert schon, aber doch nur in einer Nebenwissenschaft, Germanistik genannt –, dann tritt ein schrecklicher Dilettant auf und behauptet allen Ernstes, Karl, den Stammvater des vereinten Europa und Namensgeber eines wichtigen Preises, habe es niemals gegeben.

Man versteht, dass Historiker so einen nicht liebhaben können.

Ich aber fühle mich seit je zu allen abseitigen Thesen hingezogen, und angesichts der althochdeutschen Lücke – völlig grundlos viele Jahrzehnte lang keine Texte, die ein Germanistikstudent übersetzen musste, einst war ich dafür tief dankbar, aber merkwürdig habe ich diese Lücke schon immer gefunden – angesichts der althochdeutschen Lücke fand ich es 1993 durchaus diskutabel, Karl den Großen aus der Geschichte zu streichen. Denn eben darin, aus einem energischen Federstrich, bestand das anstößige Unternehmen Heribert Illigs. Vielleicht war Karls Nichtexistenz damit nicht gleich widerlegt – wie sollte es auch möglich sein, die Nichtexistenz einer historischen Person zu beweisen? –, aber diskutabel, interessant, anregend schien mir das rigorose Entfernen von drei Jahrhunderten aus der Geschichte schon.

Anregend vor allem deshalb, weil die Geschichte des frühen Mittelalters plötzlich ein ganz neues und im Grunde auch logischeres Gesicht bekam. Plötzlich konnte man verstehen, warum einige der frühmittelalterlichen Kirchen Norditaliens so antik wirken; besonders die Mosaiken in ihnen sehen überhaupt nicht mittelalterlich aus, sondern spätrömisch. Ein anderes Beispiel: Wenn die Zeit zwischen 614 und 911 gestrichen wird, dann hat Otto I. – in meiner Vorstellung ein archaischer Mensch in einer archaischen Zeit – kaum mehr als einhundert Jahre nach dem Untergang des römischen Reiches gelebt; die dunklen Jahrhunderte, die dem Fall Roms folgten und die in Deutschland praktisch keine Spuren hinterließen, verflüchtigen sich, ihre seltenen Zeugnisse wie etwa der Aachener Dom finden ihren Platz in einer späteren Zeit, und der Übergang von Rom zum Deutschen Reich der Ottonen vollzieht sich nicht in quälend langen Jahrhunderten, sondern in einer viel realistischeren Zeitspanne. Auch scheint es in einem solchen Konzept glaubhafter, dass das Erbe der lateinischen Sprache über die Zeit gerettet wird; zu Zeiten Karls gibt es ja weder Münzen noch Straßen, keine Städte und kaum Klöster, und doch wird der Stab der humanistischen Bildung weitergereicht. Wie eigentlich, wo in Germanien doch nur die Buchenwälder rauschen?

Ich fand das Illigsche Konzept anregend und interessant, und so erschien ich schon bald in der Stadtbibliothek und trug der zuständigen Lektorin vor, die mich stumm anstarrte und müde den Kopf schüttelte, so abwegig schienen ihr Anschaffungsvorschlag und Antragssteller. Einer Antwort ward dieser nicht gewürdigt.

Immer noch von der Illigschen These überzeugt, wies ich Bekannte auf das Buch hin, und auffälligerweise waren es besonders Lehrer, die auf die schlichte Wiedergabe einer These mit Wut reagierten – nicht mit Ablehnung oder gelassener Ironie, nicht mit Neugierde oder Spott, sondern wirklich mit Wut. Sie erröteten. Es fiel den Herren Oberlehrern nicht leicht, die Ruhe zu bewahren und an sich zu halten. Sie deuteten Ungeduld an und fanden es schwierig, nicht unhöflich zu werden. Dieses Buch gedachte man keinesfalls zu lesen.

Was Heribert Illig getan hat, wird gerne als das Durchschlagen eines gordischen Knotens bezeichnet. Aber das Durchschlagen des Knotens durch Alexander war ein vulgärer Akt roher Gewalt; was dem Verstand nicht gelang, das vollbrachte der Schwertstreich, und einem anderen als dem mächtigen Herrscher hätte man die barbarische Tat nicht durchgehen lassen. Was ich an Illig rühme, ist etwas ganz anderes: Er hat dort ein Problem gesehen, wo der Verstand aller anderen sich mit den phantastischen Geschichten über eine ganz singuläre Figur zufriedengab; niemanden wunderte die Einzigartigkeit des großen Karl, der mit vielem, was er tat, dachte und schuf, um Jahrhunderte zu früh kam, sondern diese seine ganz unwahrscheinliche Einzigkeit nahm man einfach nur als schlichten Ausweis seiner Genialität. Auch ich dachte so – er und mit ihm seine ganze Zeit kam mir vor wie eine Gestalt aus einem Traum, und ich fand nie die Energie oder den Mut, alles dies für Erdichtung zu erklären. Eben dies tat Illig, und das imponierte mir und imponiert mir bis heute, und deshalb pries ich sein Buch.

Dass Illig nirgendwo Zuflucht zu irrationalen Thesen sucht, kann jeder mit einem flüchtigen Blick in sein Buch Das erfundene Mittelalter selbst überprüfen. Mit der Thematik begann er sich zu beschäftigen, als ihn ein Freund anrief und von den Ergebnissen eines historischen Kongresses berichtete. Dort war herausgekommen, dass die meisten Fälschungen „antizipatorischen Charakter“ besaßen, sprich, dass sie zu der Zeit ihrer Entstehung noch gar nicht gewirkt haben konnten. Hatten die Fälscher die Zukunft so genau vorausgesehen, oder waren die Fälschungen erst viel später entstanden? Wie stand es überhaupt um die Entstehungszeit früh- und hochmittelalterlicher Dokumente?

Albrecht Dürer: Karl der GroßeAlbrecht Dürer: Karl der GroßeIllig hat in seinem Buch gezeigt, warum Karl der Große im Grunde eine ganz unhistorische Gestalt sein muss – eben deshalb, weil er überhaupt nicht in seine Zeit hineinpasst, weil er mit allem, was er tat, viel zu früh kam. Solche Genies gibt es nicht. Sicherlich kann man seiner Zeit voraus sein, aber doch nur in einem gewissen Rahmen und nicht gleich auf sämtlichen Gebieten. Und wenn diese Gestalt dann abtritt, dann sinkt das Abendland wieder in seinen Dämmerzustand zurück, um erst zweihundertfünfzig Jahre später zu wiederholen, was bereits in Angriff genommen worden war? Nein, das alles scheint wenig wahrscheinlich.

Dann kam jener Freitagabend, als Illig in 3 nach 9 seine These vertreten durfte. Ich liebe diese Art von Sendung nicht, sie quält und langweilt mich, aber ich saß geschlagene zwei Stunden vor dem Fernseher, denn wie immer, so kam auch hier das Wichtige zuletzt. Zunächst wurde ein Fernsehpastor interviewt, der zu jener Zeit jeden Nachmittag, den der Herrgott werden ließ, mit irgendwelchen Gästen über irgendwelche Themen plauderte. Um sein gottgefälliges Wirken auch jenem Teil des Publikums vorzuführen, der die nachmittäglichen Talkshows ausließ, wurde ein Geistheiler gezeigt, wie er mit seinen Händen Krankheiten wegschaufelte. Vom Moderator mit Ernst befragt, wie man dergleichen Unfug in einer seriösen Sendung präsentieren könne, erläuterte der wehrhafte Gottesmann, er wolle sich immer und überall öffnen, auch dem offensichtlichen Blödsinn. Aber als Illig mitsamt seiner These vorgestellt wurde, da wollte er sich nicht öffnen, sondern kniff seine Augen zusammen, als nehme er einen widerspenstigen Konfirmanden ins Gebet, und war sofort und sogleich dagegen. Wie alle anderen übrigens auch. Es war zum Verwundern – warum reizt eine solche These das Publikum? Bei Historikern kann man das ja noch verstehen, besonders, wenn sie Jahrzehnte über Karl den Großen geforscht, geschrieben und publiziert haben, aber warum hängen Studienräte oder Fernsehpastoren so sehr an dieser vielleicht historischen, vielleicht fiktiven Gestalt?

Lehrer und Fernsehpastor reagierten nicht gerade erfreut und deuteten mit nichts an, sich auf eine veränderte Sicht auf die deutsche Geschichte einlassen zu wollen, aber auch ein Intelligenzblatt wie Die Zeit verhielt sich ähnlich oberlehrerhaft-humorlos und ebenso spießig-wichtigtuerisch. In einem Artikel vom 26. September 1997 wurde Illig von einem Richard Herzinger einerseits als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, andererseits rückte ihn der Autor in die Nähe des Nationalsozialismus. Eine Entgleisung der schlimmsten Art, selbst dann, wenn man bedenkt, dass die perfiden Formulierungen (der Verfasser des Artikels will in Illigs Argumentation „strukturelle Ähnlichkeiten mit jener der rechtsradikalen Auschwitzleugner“ entdecken) so abgesichert sind, dass Illig nicht expressis verbis als Rechtsradikaler bezeichnet wird. Auf den naheliegenden Gedanken, dass grundsätzlich jedes In-Frage-Stellen einer Urkunde vor Gericht oder sonst „strukturelle Ähnlichkeiten“ mit der Tätigkeit irgendwelcher Alt- oder Neonazis hat, scheint der Autor dieses Artikels nicht gekommen zu sein. So hat er auch nicht begriffen, dass die Kritik einer fraglos geltenden Lehrmeinung unter Umständen ein befreiender und belehrender Akt sein kann – sogar dann, wenn sich das Dogma im Nachhinein als richtig herausstellt. Was eine Überprüfung der Quellen und Dokumente der ersten Anfänge der deutschen Geschichte mit der Niedertracht primitiver Schlägerbanden zu tun haben soll, das mag verstehen, wer will. Ich finde, dass das Prüfen von Dokumenten schlicht und ergreifend zu den Selbstverständlichkeiten im Leben eines Historikers zählen sollte.

Der Standesdünkel der historischen Zunft drückte sich während des Historikerstreits darin aus, dass einem Jürgen H., seines Zeichens Direktor eines Max-Planck-Institutes, versichert wurde, einer wie er fände nicht einmal Aufnahme in ein historisches Hauptseminar. Wahrscheinlich, weil ihm der Schein in Numismatik fehlte. Dieser Dünkel, angereichert durch Spießertum und gewürzt mit Denkfaulheit, mündet endlich in die lächerliche Angewohnheit, alle abweichenden Thesen als „Verschwörungstheorie“ zu bezeichnen. Meist meint Verschwörungstheorie im öffentlichen Sprachgebrauch nichts anderes als das Schwimmen eines tapferen Menschen gegen den Strom. Davon kann man sich gar nicht eilig genug distanzieren … Wahrheitskriterium dieser im Mainstream paddelnden Intellektuellen sind weder die Fakten, noch ist es die innere Konsistenz einer Theorie, sondern einzig und allein die Akzeptanz durch studienrätliche Gurus – Prof. Sowieso hat das letzte Wort, geht es nach diesen Leuten.

In den Worten des bedeutenden Geschichtsphilosophen Herzinger ist jede Theorie eine Verschwörungstheorie, nach der „es in Wirklichkeit mehr Geschichte als die offiziell bekannte“ gibt. „Unter der offiziellen Geschichte schlummerte noch eine ganze Gegengeschichte“, so lautet in den Worten des scharfsinnigen Mannes das Credo des Verschwörungstheoretikers. Sowieso, Herzinger und allen Studienräten ist die Vorstellung, es gebe irgendwo unerforschte Ecken in der Geschichte, nicht alles sei geklärt und erzählt, greulich und abstoßend. Für sie sind die Akten der Historiker geschlossen, schon seit langem und spätestens ab sofort wird nicht mehr geforscht. Vielleicht werden in Zukunft Akzente anders gesetzt, aber was sollte man noch herausfinden? Alles ist im Grunde schon bekannt, sogar offiziell bekannt, ex cathedra verkündet und somit in das Glaubensbekenntnis aller Studienräte aufgenommen; ganz besonders Sowieso weiß Bescheid, und mehr oder anderes zu wissen als der Studienrat mit Professorentitel, wäre Verschwörungstheorie.

So erklärt sich der merkwürdige Widerspruch, dass auch die Kritiker von Verschwörungstheorien an Verschwörungen glauben – nur sind es andere, nämlich die studienrätlich abgesegneten, mithin offiziellen Verschwörungen. Verschwörungen, an die jeder glaubt, hat es gegeben, unentdeckt gebliebene nicht. Der Journalist Hans Leyendecker, eine Ikone des investigativen Journalismus, der unbestechliche Meister der kritischen Berichterstattung, dieser in Diensten der angesehenen Süddeutschen Zeitung unermüdlich recherchierende Oberstudienrat hält den Verschwörungstheoretikern triumphierend einen Satz entgegen, der zum sofortigen Abbruch jeglichen Forschens und Nachforschens führen würde, wollte man ihn ernst nehmen: „Am Ende kam stets heraus, dass es so war, wie es war.“ (Affen der Angst. Nichts verkauft sich heute so gut wie miserable Bücher über die große Weltverschwörung, In: Süddeutsche Zeitung vom 30./31.8.03, S.III.) Damit ist wahrscheinlich gemeint, dass der erste Augenschein sich nicht allein in aller Regel, sondern einfach prinzipiell immer auch im Nachhinein als wahr herausstellt. So spricht der kritische Journalist!

Hier geht es nicht um die Berichterstattung über die Tagespolitik, sondern über Geschichte und ihre Erforschung. Ist alles in der Geschichte restlos aufgeklärt? Ich habe noch viele, viele Fragen. So vieles ist dunkel und rätselhaft … Und glauben nicht auch sie selbst, Leyendecker, Sowieso und überhaupt alle Studienräte dieser Welt, an Verschwörungen wie an den Hitler-Stalin-Pakt oder die Baader-Meinhof-Bande, an Al-Qaida oder die italienische Geheimloge P2? Leyendecker und Sowieso sind Verschwörungstheoretiker, so wie jeder Mensch Verschwörungstheoretiker ist. Wahrscheinlich sogar unser Philosoph vom Intelligenzblatt. Verschwörungen gibt es nämlich allerorten, nur ein Idiot kann das bezweifeln. Das Problem Leyendeckers wie aller Spießbürger und Kleingeister, die kritische Fragestellungen gerne verbieten wollen, das Problem aller dieser journalistischen Oberstudienräte besteht lediglich darin, dass es neben den offiziell abgesegneten noch offiziell für abstrus erklärte Verschwörungen gibt. Es ist schon sehr eigenartig, dass ein Autor, der für einen kritischen, durch nichts zu beirrenden Aufklärer gehalten wird und sich wohl auch selbst für einen solchen hält, bereits schlichtes Nachfragen missbilligt, konkurrierende Theorien aber schlechterdings verboten sehen möchte. Ist das der Geist, der in den historischen Wissenschaften wie im Journalismus herrschend ist?

Homepage von Heribert Illig und seinen Unterstützern: www.fantomzeit.de

Heribert Illig: Das erfundene Mittelalter. Hat Karl der Große je gelebt? Ullstein, 464 Seiten

Heribert Illig: Wer hat an der Uhr gedreht? Wie dreihundert Jahre Mittelalter erfunden wurden. Ullstein, 287 Seiten.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTURBuchstabe erhältlich.

Stefan Diebitz
Stefan Diebitz
Stefan Diebitz, geboren 1957, freier Autor. Feuilletonistische und wissenschaftliche Arbeiten (Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunst- und Kulturgeschichte), dazu vier Bücher: Seelenkleid. Beiträge zur Phänomenologie und Theorie von Angst und Scham (LIT-Verlag 2005); Glanz und Elend der Philosophie (Verlag der blaue Reiter 2007); Spiel und Widerspiel. Der Mensch in seiner Natur (Verlag der blaue Reiter 2009); Leonardos Entdeckung. Eine Philosophie des Ausdrucks (Graue Edition 2012).
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