Der Roman des Freiherrn von Vieren - Ein romantisches Literaturexperiment
„schon leuchtet der Nachtwurm“

Stefan DiebitzVon

Es war ein Experiment, wie es das zuvor und danach in der deutschen Literatur kaum jemals oder vielleicht wirklich nie gegeben hat: Vier Autoren versuchten, gemeinsam einen Roman zu schreiben.

Adelbert von Chamisso, WikipediaAdelbert von Chamisso, WikipediaUnd weil es vier gute Schriftsteller waren – drei achtbare Romanciers, dazu ein ausgewachsenes Genie – ist auch etwas dabei herausgekommen. Leider nur etwas, nicht etwa eine richtige, also wirklich abgeschlossene Geschichte. Aber der nie fertiggestellte Roman des Freiherrn von Vieren deutet wenigstens an, wohin sich die Fabel hätte entwickeln können, wenn sich die vier verschiedenen Temperamente zu einer Zusammenfassung ihrer beträchtlichen Talente überredet hätten. Immerhin, zwei der Mitarbeiter ließen sich von dem Fragment zu größeren und allemal lesenswerten Erzählungen inspirieren, die den zweiten Teil dieser Ausgabe ausmachen.

Die begabten Autoren waren der Botaniker und Weltreisende Adelbert von Chamisso (1781 – 1838), ein gebürtiger Franzose und Autor von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte, Karl Wilhelm Salice-Contessa (1777 – 1825), ein zu Unrecht vergessener Dichter, Friedrich de la Motte Fouqué (1777 – 1843), erfolgreicher Verfasser von Ritterromanen und noch zusätzlich der bis heute populären Wassergeist-Geschichte Undine, und endlich der große, wunderbare und ganz und gar einzigartige E.T.A. Hoffmann, der schon bald diesem Dichterkreis in seinen Serapionsbrüdern ein Denkmal setzen sollte. Gemeinsam haben die vier Freunde und Zechgenossen versucht, einen Roman über die Doppelgänger-Thematik zu schreiben, leider aber ihr Projekt nie beendet.

E.T.A. HoffmannE.T.A. HoffmannJetzt wurde das Fragment ihrer Bemühungen nach 1926 und 1999 ein drittes Mal ediert, ergänzt mit je einer (abgeschlossenen!) Erzählung Salice-Contessas und E.T.A. Hoffmanns, die die Thematik des Romans des Freiherrn von Vieren und seine Helden aufnehmen und die Schlingen lösen, die das Quartett leichtfertig geknotet hatte. Notwendige Erläuterungen zu den seltsamen Fremdwörtern und zahlreichen Zitaten sowie ein kenntnisreiches Nachwort des Herausgebers ergänzen den Band. Ach ja! Fast hätte ich die zehn schwarzweißen Illustrationen vergessen: Porträts der vier Autoren sowie Kupferstiche aus ihren Werken oder zeitgenössische Aufnahmen der Orte, an denen die Handlung spielt.

Unverständlicherweise hat sich der Herausgeber zu einer Übertragung des Textes in die reformierte Rechtschreibung entschlossen: ein absolut überflüssiger, keinesfalls zu rechtfertigender Eingriff in den Text. Konsequent wäre es da gewesen, die eigenartige Zeichensetzung ebenfalls zu korrigieren, aber die hat man gelassen.

Karl Wilhelm Salice-ContessaKarl Wilhelm Salice-ContessaMit der Wiedergabe der Plots der drei Werke wäre in einer Besprechung nicht viel gewonnen – einerseits sind sie ziemlich kompliziert oder sogar verworren, andererseits liegt der Reiz aller drei Arbeiten ganz woanders. Zunächst in dem schwungvollen, mal witzig-ironischen, mal pathetisch-dramatischen, immer aber kraftvollen und farbigen Stil, der die Lektüre zu einem reinen Vergnügen macht. Sodann in der Thematik des Doppelgängers, die erstmals in der Romantik aufkam und in zahlreichen Romanen und Erzählungen variiert wurde.

Der Herausgeber erwähnt besonders die Flegeljahre Jean Pauls mit den beiden ungleichen Brüdern Walt und Vult, aber es gibt da noch eine andere Erzählung, an die mich dieses Buch erinnert. Ich muss an Clemens Brentanos Die mehreren Wehmüller denken, die sehr witzig erzählte Geschichte eines reisenden Malers, der mit vorab gemalten, gelegentlich durch zusätzliche Uniformknöpfe verbesserten Porträts sein Geld verdient. Brentanos 1817 veröffentlichte Erzählung ist ein wenig älter als der Roman des Freiherrn von Vieren und hat die Autoren deshalb möglicherweise beeinflusst, als sie sich 1818 trafen und ihr Projekt verabredeten. In E.T.A. Hoffmanns Erzählung Die Doppeltgänger, die mit Deodatus Schwendy und Georg Haberland die beiden Helden des Romans des Freiherrn von Vieren in ihren Mittelpunkt stellt – ebenso verfährt Salice-Contessa in Das Bild der Mutter –, heißt es von einem Kunsthändler, dass „in dessen Bude ein jeder sein wohlgetroffenes Porträt habe finden können“. Das scheint ein deutlicher Hinweis auf Brentano zu sein – deutlich auf jeden Fall für die Zeitgenossen. Hoffmann, so muss man diese Stelle lesen, hat vor dem Kollegen den Hut gezogen.

Friedrich de la Motte-FouquéFriedrich de la Motte-FouquéDer Kunstmaler Georg Haberland, damit beginnen alle drei Erzählungen, sieht sich fortlaufend mit einem Doppelgänger verwechselt – sogar ihre Handschrift ist dieselbe! –, und natürlich irritiert ihn das gewaltig und lässt ihn an seiner Identität zweifeln. Alles ist sehr geheimnisvoll, und die Verwicklungen scheinen ganz nach oben zu deuten, bis hin zum Fürstenhof … Der Roman des Freiherrn von Vieren gelangt nicht mehr dahin, die zahlreichen Rätsel aufzulösen – das mussten Salice-Contessa und Hoffmann selbst erledigen. Und einfach kann das nicht gewesen sein. Salice-Contessa fand ein schlüssiges Ende, aber bei E.T.A. Hoffmann ist das Finale derart an den Haaren herbeigezogen, dass es kaum überzeugen kann. Dafür entschädigt das ungeheure Temperament, mit dem er seine Räuberpistole vorträgt, ergänzt mit sehr viel Witz und allerlei grotesken, einander wenn nicht prügelnden, so doch mindestens wüst beschimpfenden Nebenfiguren. Dadurch wird die Geschichte nicht allein äußerst unterhaltend, sondern zugleich vielschichtig, vieldeutig und deshalb so interessant – sie scheint mir in ihrer Anlage moderner als die allermeisten neueren Romane.

 Salice-Contessas Arbeit besitzt nicht ganz die Kraft und Geschmeidigkeit der Sprache und die Dichte der Anspielungen, weiß aber trotzdem zu überzeugen und ist in Stil und Thematik dieser Arbeit Hoffmanns, aber auch anderen seiner Erzählungen sehr ähnlich; wer Hoffmann mag, der wird auch Salice-Contessa mögen. Also, Leute: schafft euch das Buch an! Es lohnt sich auf jeden Fall.

Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Friedrich de La Motte Fouqué, Karl Wilhelm Salice-Contessa: Der Roman des Freiherrn von Vieren. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Markus Bernauer. Ripperger & Kremers, September 2016, 224 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe und auf Amazon erhältlich.

Stefan Diebitz
Stefan Diebitz
Stefan Diebitz, geboren 1957, freier Autor. Feuilletonistische und wissenschaftliche Arbeiten (Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunst- und Kulturgeschichte), dazu vier Bücher: Seelenkleid. Beiträge zur Phänomenologie und Theorie von Angst und Scham (LIT-Verlag 2005); Glanz und Elend der Philosophie (Verlag der blaue Reiter 2007); Spiel und Widerspiel. Der Mensch in seiner Natur (Verlag der blaue Reiter 2009); Leonardos Entdeckung. Eine Philosophie des Ausdrucks (Graue Edition 2012).
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