Kunsthallen-Chefin Dirani probiert einen Glückskeks

Kunsthalle St. Annen
„Hello Lübeck“ - Eine Ausstellung im Wandel

Die Ausstellung der neuen Kunsthallen-Chefin Noura Dirani mit ihrem Ziel der partizipatorischen und interaktiven Teilhabe aller Besucher von Groß bis Klein an der Gegenwartskunst geht in die zweite Runde.

Am 11. April eröffnete die wunderbare Schau mit neuen Arbeiten und fordert nun alle auf, mit allen ihren Sinnen die Kunst buchstäblich neu zu erfahren. Anfassen, mitmachen, mitnehmen, ausprobieren und selbst gestalten ist ausdrücklich erlaubt. Alte Narrative, mit denen wir fast alle aufgewachsen sind in den Museen, die das früher grundsätzlich verboten hatten, sollen durchbrochen werden. Die Neuausrichtung der Kunsthalle St. Annen als Ort des lebendigen Austauschs und des offenen gesellschaftlichen Dialogs geht einen weiteren Schritt nach vorne.

Schrank für dumme Sprüche im Kreuzhof des St. Annen-MuseumsSchrank für dumme Sprüche im Kreuzhof des St. Annen-Museums

Der Konzeptkünstler Christian Jankowski, der bereits in der 1. Auflage mit Schülern und Schülerinnen aus Lübeck die „Stadt von Morgen“ mit Figuren aus Knetmasse erforscht hatte, setzt jetzt den Prozess weiter fort, indem er die Modelle der Kinder als große Messing-Skulpturen hat ausarbeiten lassen, um sie im Stadtraum zu platzieren. Die grell gelb lackierten Figuren mit so lustigen, wie ernsten Namen wie: „Bett für gute Träume“, „Mülleimer für alles“ oder „Schrank für dumme Sprüche“ stehen sowohl vor dem Eingang des Museums-Quartier, als auch im Kreuzgarten des historischen Museums wie auch im Foyer der Kunsthalle.

Als weitere Arbeit von Jankowski wird die Installation „Smell Maneuver“ erstmals in Europa zu sehen sein. Dabei handelt es sich um eine olfaktorische Arbeit aus dem Jahre 2023, die er für die Biennale in Cuenca in Ecuador geschaffen hatte. Sie besteht aus 18 verschiedenen speziellen Parfüms mit Namen wie Demokratie, Justiz, Korruption oder Kapitalismus, die er von Pafümeuren aus Gauyaquil komponieren ließ. Das lateinamerikanische Land am Äquator war lange Jahre ein demokratisches Vorzeigeland in Südamerika, wird heute aber von Drogen-Banden und militärischen Gruppen terrorisiert.

Christian Jankowski und Noura Dirani besichtigen die Arbeit: Smell ManeuverChristian Jankowski und Noura Dirani besichtigen die Arbeit: Smell Maneuver

Dementsprechend ist es besonders, dass es ihm gelang, die örtliche Polizei dafür zu gewinnen, sich auf diese spezielle Performance einzulassen, die sowohl von Body-Cams als auch von Drohnen gefilmt wurde. Dabei wurden die 18 Polizeikräfte jeweils in eine blaue und eine rote Gruppe unterteilt, die sich jeweils mit einem Duft pro Person einsprühten, die dann von den Gegnern, die sich im Gelände belauerten, aufspürten und beschnupperten, erkannt werden sollten. Gelang dies, ging der „Gegner“ zu Boden und schied aus. Das Ergebnis der Performance ist jetzt in der Ausstellung als Video zu sehen.

Die Besucher können an den verschiedenen Parfüms schnuppern und sich die Fotos der teilnehmenden Polizisten anschauen, die untertitelt sind mit dem Duftnamen sowie Werbesprüchen aus der Parfümindustrie, die als weiteres Konterkarieren der gesellschaftlichen Situation gelesen werden können. Speziell für die Schau in Lübeck hat Jankowski das Video noch einmal überarbeitet und neu geschnitten, wie der Künstler betonte, weil er in Ecuador nur insgesamt 7 Tage für die gesamte Arbeit hatte, bis sie bei der Biennale in der alten Kolonialstadt in den Anden gezeigt wurde.

Betty Rieckmann: enlightenment machineBetty Rieckmann: enlightenment machine

Weiter geht es mit der Teilhabe für die Besucher/innen in der Arbeit von Betty Rieckmann, die eine raumgreifende und partizipative Lichtinstallation geschaffen hat. Das Werk der deutsch-amerikanischen Künstlerin ist inspiriert von Lichtkünstlern wie James Turrell aus der US-amerikanischen Nachkriegszeit. Sie sieht ihre Arbeit aus dem Jahre 2015, die aber immer noch sehr aktuell ist, als eine Erweiterung der Arbeit „Clavilux“ von Thomas Wilfried. Gezeigt werden unter dem Titel „enlightment machine“ insgesamt zwölf überkreuzte patinierte Lichtröhren auf Betonsockeln, die mit einem E-Piano kombiniert sind.

Die Besuchenden sind aufgefordert, sich an das Klavier zu setzen und zu spielen, um so immer wieder neue Licht-Choreografien zu erschaffen. Hierfür hat die Künstlerin jede Note analysiert und durch eine bestimmte Lichtstimmung charakterisiert. Orientiert hat sie sich dabei an den Farbskalen von Alexander Skrjabin. Die LED-Technik der Röhren wird dann mit einer gesteuerten Software aktiviert. Wer sich traut, kann dann besonders mit einer wilden Free-Jazz-Variation ein wunderbares Licht-und Leuchtspektakel produzieren.

Benjamin Butters Mitmach-Malraum - ein voller Erfolg!Benjamin Butters Mitmach-Malraum - ein voller Erfolg!

Wie die Teilnahme der Besucher sich auf die Gesamt-Schau auswirken, kann man an dem Raum von Benjamin Butter sehen, der bei der ersten Eröffnung gänzlich neutral weiß war. Rumliegende Wachs-Malstifte forderten dazu auf, Boden und Wände zu beschreiben und zu bemalen. Die Ergebnisse sind teilweise großartig. Es gibt lustige, wie philosophische Sprüche aber auch hervorragende Zeichnungen von zum Beispiel Elefanten, Löwen und Menschen. Auch die Installation von Andreas Angelidakis im Foyer aus bunten Quadern, Würfeln und Rundbögen wird wunderbar angenommen, erzählte Noura Dirani. Teilweise kommen ganze Schulklassen, um mit den Elementen zu spielen und daraus immer neue Skulpturen zu bauen. Sie selbst sei überrascht, wie lust- aber auch respektvoll alle Besuchenden mit der Kunst umgingen. Gerade Kinder würden zwar sehr verspielt, aber auch besonders verantwortlich mit den Objekten umgehen. Nicht nur die Menschen lernen dazu, sondern das Museum auch, erklärt sie hoch erfreut.

The Way to Success vom Leipziger Künstlerduo 'Famed'The Way to Success vom Leipziger Künstlerduo 'Famed'Eine weitere schöne, wenn auch sehr einfache, wie schlaue Arbeit stammt vom Leipziger Künstler-Duo „Famed“. Sie haben im obersten Stockwerk die Treppen, die eigentlich ins Nichts führen mit goldenen Glückskeksen ausstaffiert, die mitgenommen und gegessen werden dürfen. In den Keksen steckt jeweils die Losung „The Way to success is open“. Sie vermag es eventuell, die Besucher auf erfolgreiche Wege zu führen, oder man stillt einfach seinen Hunger auf was Süßes in dieser wunderbaren Ausstellung.

Auch weiterhin wird die „Hello Lübeck“-Schau von einem vielfältigen Begleitprogramm noch gesteigert. So gab und gibt es gemeinsame Kochaktionen mit Künstlerinnen, Tanzabende mit DJ, Partys, Workshops oder spezielle Führungen mit den verschiedenen teilnehmenden Künstler*innen. Die Kunsthalle möchte auf diese Weise einen Ort in Lübeck schaffen, an dem sich Menschen treffen und über kreative Angebote miteinander in Kontakt treten können. Man möchte rufen: Weiter so!

Besonders darf man gespannt sein auf die angekündigte Schaum-Performance rund um das Lübecker Wahrzeichen, das Holstentor, die für Sonntag ab 14 Uhr angekündigt ist - wenn das Wetter und speziell die bekannte Lübecker Brise mit starken Winden es zulassen.


Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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