Andrew Gilbert
"Ulundi is Jerusalem, Andrew is Emperor, Brocoli is holy"

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Zwei Ausstellungen in Lübeck präsentieren den Shootingstar der Berliner Kunstszene: Andrew Gilbert. In der St. Petri Kirche erobert seine Invasion von skurrilen Soldaten der britischen Kolonialarmee den gotischen Kirchenraum. Die Overbeck-Gesellschaft widmet sich dem malerischen Œuvre des in Berlin lebenden Schotten. Schon der Ausstellungstitel verwirrt und wirft Fragen auf. Ulundi? Emperor? Holy Brocoli?

Vorweg: Ulundi war im 19. Jahrhundert Zentrum des alten Königreichs der Zulu in Südafrika. Eine heilige Stadt, das Jerusalem der Zulu. Im Juli 1879 kam es in Ulundi zur entscheidenden Schlacht gegen die britische Kolonialmacht. Unter dem Kommando von Lord Chelmsford wurde die Zulu-Armee vernichtend geschlagen. Über 20.000 Krieger fanden den Tod. Der Künstler selbst schlüpft in die fiktive Figur von Andrew is Emperor, der mit Holy Brocoli, einem spirituellen Beschützer, auf dem Schlachtfeld Heldentaten erlebt.

Andrew Gilbert, 1980 in Edinburgh, Schottland geboren, geht nach dem Kunststudium nach Berlin, wo er seit 2002 lebt und arbeitet. Seit seiner Kindheit fasziniert ihn die Kolonialgeschichte der Briten in Afrika. Akribisch recherchiert er historisches Bildmaterial zur britischen Kolonialpolitik, kombiniert es mit fiktionalen Charakteren und projiziert die Informationen in seine Malereien und Installationen. Dabei vermischt er Symbolisches mit realen Fakten, entwickelt eigene Visionen von der Brutalität und Grausamkeit der Kolonialkriege, von der Gewalt auf beiden Seiten. Seine Schlachtenszenen in bunten Farben wirken wie eine Parodie auf die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, deren Formensprache der Schotte negiert. Andere Bilder zeigen Sujets aus dem Alltag der Kolonialherren, sexuelle Ausschweifungen und überkommene Klischees wie das von der Triebhaftigkeit "wilder" Völker. 

Gilberts Malereien zitieren eine flächige, naive Bildsprache, häufig mit kommentierenden Texten versehen. Sie erinnert an die Kunst der Dada-Bewegung, an Comics, Satiren von George Grosz oder den Primitivismus eines Emil Nolde. Seine Installationen verspotten die Briten und ihr Militär, degradieren sie zu Karikaturen. Dennoch, Gilberts Kosmos lässt den Betrachter eintauchen in eine farbenprächtige Bilderwelt voller Gewalt und menschlicher Tragödien.

Egal, ob der Besucher mit der Ausstellung in der St. Petri Kirche oder der Overbeck Gesellschaft anfängt, er sollte Zeit mitbringen, um die einzelnen Exponate in aller Ruhe zu studieren. 

Neben zahlreichen Bildern steht im Kirchenraum von St. Petri eine Prozession von britischen Soldaten der Kolonialmacht im Fokus: eine bizarre Armee von lebensgroßen Puppen in roten Fantasieuniformen und Schottenröcken. Die Gesichter sind verhüllt mit Masken, Spiegeln oder Sackleinen. Als Fetisch tragen sie Besen und Staubwedel sowie eine bemalte Fahne mit einer Teekanne und dem Union Jack. Ziel der Soldaten ist die Figur vor dem Altar: Bekleidet mit einem weißen Spitzenkleid und Umhang, einer Maske, dem gehörnten Schädel auf langen schwarzen Haaren, vier durchbohrten Kohlköpfen vor dem Bauch, Staubwedeln und Tiermaske steht hier eine Person unter weißem Sonnenschirm und erwartet die Krieger des British Empire. Ist es der Zulu-König? Oder eine Zulu-Gottheit?

Während in der St. Petri Kirche die Installationen im Vordergrund stehen, konzentriert sich die Ausstellung in der Overbeck-Gesellschaft - bis auf zwei Rauminstallationen und einige Masken - auf die Acryl- und Aquarellmalereien des schottischen Künstlers. Gilberts farbenfrohe Kompositionen prangern den Kolonialkrieg an, die westliche Arroganz der Briten gegenüber der schwarzen Bevölkerung, deren Leid und Unterdrückung. Seine fantasiereiche, oftmals sexistische Bildsprache ist übersät mit Symbolen und Metaphern. Aber auch voller Ironie und Sarkasmus, wenn Queen Elisabeth einen Kriegsveteranen zum Ritter adeln will und ihm mit dem Schwert aus Versehen den Kopf abtrennt. Evidence of Mistreatment of Boer Prisoners of War... zeigt einen bärtigen Gefangenen mit Cowboyhut. Gekleidet in ein Schafkostüm mit Brüsten und Vagina spielt er vor den Soldaten auf einem Banjo. Gilberts Alter ego "Andrew is Emperor" kommentiert das Bild mit "God save Queen Victoria". Bei Netanjahu‘s Anus stinks of Genocide fällt eine Bombe aus dem Anus auf das brennende Land. Ein abgetrennter Zulukopf mit Kriegsbemalung ist auf eine Yucca-Pflanze aufgespießt: Sacred Soil and Bloody Ground. Eine bitterböse Persiflage ist Daddy, what did YOU do in the Great War. Der Vater in britischer Paradeuniform, behängt mit Orden hat sein Bein verloren. Sei Penis hängt als Erinnerung gerahmt an der Wand.

Die Ausstellung zeigt über vierzig bildkünstlerische Arbeiten des Schotten. Starker Tobak für den Betrachter, der angesichts der Kriege und Gewalttägkeiten im nahen Osten sensibilisiert ist. Aber, hat sich seit den Kolonialkriegen etwas geändert?

Der weiße Kirchenraum der gotischen Hallenkirche St. Petri und die schlichten Ausstellungsräume der Overbeck Gesellschaft bilden einen eindrucksvollen Rahmen für die Arbeiten von Andrew Gilbert.

Die Ausstellung Ulundi is Jerusalem, Andrew is Emperor, Brocoli is holy ist bis zum bis 17. April 2016 in der St. Petri Kirche und der Overbeck Gesellschaft in Lübeck zu besichtigen.

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