Peter Beck
Korrosion

Michael SterzikVon

Der zweite Roman um den Schweizer Sicherheitschef Tom Winter mit dem Titel „Korrosion“ ist im Verlag emons veröffentlicht worden. Der schriftstellerische Vater dieser Reihe, Peter Beck, hat einen hochspannenden und knallharten Roman geschrieben, dessen originelle Handlung überrascht.

Mit der Schweiz verbindet man natürlich neben der köstlichen Schokolade, fein verarbeiteten Uhrwerken und einer beispiellosen Pünktlichkeit auch das fast schon heilige Bankgeheimnis. Als eine millionenschwere, in Einsamkeit lebende, ältere Frau ermordet aufgefunden wird, obliegt es dem Sicherheitschef der Schweizer Privatbank Tom Winter, die Erben zu finden. Eigentlich eine ganz einfache Aufgabe – doch mit der Aufforderung der Verstorbenen, erst den Mörder ihres zweiten Ehemanns zu finden, bevor das Testament eröffnet werden kann, fangen die Schwierigkeiten erst an. Die alte Dame war sich sicher, dass eines ihrer drei Kinder dafür verantwortlich ist. Tom Winter begibt sich auf die Suche nach den drei potenziellen Erben und stößt dabei auf dunkle Familiengeheimnisse und eine noch nicht vollendete Rache, die ihn unmittelbar und gleich mehrmals in Lebensgefahr bringt.

Peter Beck ist es brillant gelungen, einen originellen Ermittler zu erschaffen. Kein gescheiterter Antiheld, kein versoffener, runtergekommener Charakter mit einem langen Vorstrafenregister oder ein Ex-Agent auf der Suche nach Vergebung und dem Vergessen. Tom Winter ist ein solider und wortkarger Ex-Polizist, den man wahrscheinlich auf den ersten Blick unterschätzt, aber da bekanntlich stille Gewässer tief sind, so sind die Talente des Sicherheitschefs beeindruckend. Analytisch, vorsichtig agierend, intelligent und auch mal zupackend, wenn es die Situation erfordert, versteht er sich durchzusetzen.

Die Handlung wird aus zwei Perspektiven erzählt, einmal natürlich aus der von Tom Winter, der bei der Suche nach den drei Töchtern einiges aufdeckt, zum Beispiel einen Bäcker, der seinem Ofen etwas zu nahe gekommen ist, und diese Hänsel-und-Gretel-Geschichte ist nicht wirklich für ein Märchen geeignet. Der andere Strang wird aus der Perspektive eines sudanesischen Flüchtlings erzählt, der unter Lebensgefahr das Paradies Europa zum Ziel hat. Bis fast zum Schluss bleibt dieser Part für eine Erklärung im Schatten der Hauptstory. Doch diese Nebengeschichte geht unter die Haut, da der Autor das aktuelle Thema Flüchtlinge eindrucksvoll und sehr sensibel beleuchtet. Für uns behütete Europäer sind diese Einzelschicksale leider allzu fern. Bürgerkriege, Gewalt, die Mühen und Versprechungen einer Flucht in ein Land, das Frieden verspricht, die Hoffnungen und Ängste, dass Scheitern und Wieder-Aufstehen – all das erzählt Peter Peck brutal realistisch.

Überhaupt ist die ganze Geschichte keinesfalls abwegig oder inhaltlich überladen. Kompakt, stilsicher und außerordentlich spannend, ist dieser Roman fein konzipiert. Zum Ende hin gibt es einige Wendungen, die überraschen dürften, und auch wer Action erwartet, kommt hier auf seine Kosten. Neben den besagten Hauptfiguren gibt es noch ein paar wichtige Nebencharaktere, die sehr gut in das Geschehen eingewoben sind. Gerade diese überzeugenden Szenen sind mit interessanten Dialogen und auch Wortwitz kombiniert. Einige dieser Charaktere wird man hoffentlich in den nächsten Bänden wiederfinden. Mit Blick aufs Detail sind die Charaktere feinfühlig und vor allem tiefsinnig beschrieben.

 Viel zu kritisieren gibt es nicht. Von der Vergangenheit Tom Winters erfährt man nicht viel, vermisst es allerdings auch zu keinem Zeitpunkt. Die beiden Erzählstränge hätten ggf. früher kombiniert werden können, aber auch das ist, gemessen an der Spannung, nicht unbedingt von Belang. Einzig und allein: „Peter Beck, Europas Antwort auf John Grisham“ – diesen Vergleich sehe ich überhaupt nicht; ein Gleichnis, das hinkt und nichts an Wahrheit enthält. „Korrosion“ ist kein Justizthriller, sondern einfach ein genial harter, der sich perfekt in die großartigen Thriller der letzten Jahre einordnet und keinen Vergleich zu scheuen braucht.

Korrosion“ von Peter Beck ist ebenfalls eine Einladung für Drehbuchautoren, die auf der Suche nach einem Pageturner fürs Fernsehen sind. Die Schauplätze sind außerordentlich gut gewählt, die Thematik rund um die Flüchtlinge ist hochaktuell. Der eigenwillige Charakter Tom Winters könnte über kurz oder lang eine Kultfigur werden. Ich freue mich auf die nächsten Bände, die hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen. 

Peter Beck: Korrosion, emons-Verlag, 13. Februar 2017, 352 Seiten

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe oder online bei Amazon erhältlich.

Michael Sterzik
Michael Sterzik
Geboren 1970 in Osnabrück. Leitender Angestellter, freiberuflich tätig als Journalist. Bei „unser Lübeck als Autor seit 2012 dabei.
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