Foto: Olaf Struck

Giovanni Legrenzis „Die Aufteilung der Welt“ in Kiel
Göttliches im Gangstermilieu

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Für gute drei Stunden war Kiel der Nabel der Welt. Wichtiges stand an: Nichts Kleineres als die Erde war aufzuteilen, ein Unterfangen, bei dem selbst unter göttlichen Brüdern Streit unvermeidlich ist. Aber, wie so oft, ist das mit Musik, hier mit der barocken von Giovanni Legrenzi, durchaus gut anzuhören und, wenn dann noch die Optik stimmt, sogar vergnüglich anzuschauen (Premiere: 9. Juni 2018).

Die Familien- und Machtverhältnisse in der antiken Götterwelt zu entwirren, ist eine kaum lösbare Aufgabe. Schon für Giovanni Legrenzi (1626 bis 1690) oder seinen Librettisten Giulio Cesare Corradi war das sicher nur mit viel Geschick zu arrangieren. Denn 1675 war noch jede Opernaufführung zugleich Fürstenlob. Da konnten oder mussten die Verhältnisse entzerrt, vor allem von jeder mythologischen Grausamkeit befreit sein. Im Göttervater Jupiter war selbstredend der jeweils regierende Potentat zu sehen, gnädig und überlegen. Seiner Gattin, der Juno, konnte man die antike Eifersucht belassen. Niemals hätte sie aber im Barock zugleich seine Schwester sein können, wie es der Olymp erlaubte. Venus nachzustellen wäre für Jupiter eigentlich schlimmer Inzest, wenn man der einen Genealogie folgt, die sie als seine Tochter ausgibt. Alle anderen Figuren waren eh nur Beiwerk. Da (er)fand man schon irgendwelche Zusammenhänge.

Amor (Karola Sophia Schmid), Diana (Isabella Lee), Ballett Kiel, Foto: Olaf StruckAmor (Karola Sophia Schmid), Diana (Isabella Lee), Ballett Kiel, Foto: Olaf Struck

So war der antike Plot schon durch Legrenzi und Corradi barock bereinigt worden. Um die damals sehr beliebte Oper nun auch für das Heute kompatibel zu machen, was man in Kiel verdienstvoll unternahm, wurden die Verhältnisse noch einmal „entschärft“. Man verlegte sie in eine wenig entfernte Zeit und nach Italien. Jupiter ist Boss geblieben, aber der eines mafiosen Clans und feiert ein Siegesfest über eine Gang, die sich „Titanen“ nannte. Unglücklicherweise aber sitzt Saturn, Vater Jupiters und folgerichtig der seiner Brüder Neptun und Pluto, noch im Gefängnis und ist zu befreien. Das wird zur Aufgabe für die beiden, die Jupiters Führungsmacht anerkennen. Er ist zwar der Jüngste, hatte ihnen aber laut Mythologie das Leben zurückgegeben. (Darauf, die grausigen Hintergründe darzulegen, sei verzichtet, wie auch die Oper sie vergisst.) Nur so viel ist noch für den Bühnenvorgang wichtig: Der schließlich befreite Saturn wurde zum Krückstock schwingenden Deus ex Machina für so manches Problem zwischen den Brüdern, bis er endlich seinen Alterssitz im Elysium einnehmen durfte.

Die Siegesfeier erfährt ihre Würze durch die Frauen, falls man das im Zeitalter von #MeToo noch so formulieren darf. Hier aber ist es so. Zum Leidwesen von Juno, die bekanntlich für eheliche Treue zuständig ist und um die Jupiters, ihres Gatten, bangt, erscheint nämlich Venus, strahlend schön und zu jedem Abenteuer bereit. Sie ist Vulkan entflohen, der als Ehemann offensichtlich das nicht ist, was sein Name versprach. Jetzt sucht sie wieder die Nähe von Mars, mit dem sie schon einmal eine Liaison hatte, aus der ihr Sohn Amor entsprungen war. Zugleich erprobt sie auch ihre Kunst an dem Frauenfeind Apollo, der aber Diana liebt, die wiederum unglücklich Pluto begehrt.

Venus (Ks. Heike Wittlieb), Apollo (Lucia Napoli), Foto: Olaf StruckVenus (Ks. Heike Wittlieb), Apollo (Lucia Napoli), Foto: Olaf Struck

Aus Platzgründen muss verzichtet werden, den Liebesreigen zu entwirren, in den schließlich skurrilerweise Amor einige Ordnung bringt. Nur das sei gesagt, es steht Artur Schnitzlers Rundtanz in nichts nach, spielt in Kiel auch sinnigerweise auf einer Drehbühne. Auf ihr hat Nina von Essen einen Prachtbau errichtet, Hotel oder Fürstenresidenz, auf jeden Fall mit einer Reihe von Separees. Ilse Welter-Fuchs hat Kostüme gefunden, die so etwa in die 50er des letzten Jahrhunderts zurückweisen, in denen nach dem bösen Krieg noch einiges von der Welt zu verteilen war.

Besinnen wir uns auf die Ausgangslage: Die Welt war aufzuteilen, und so wurde es gemacht: Neptun darf das Meer beherrschen, Pluto die Unterwelt. Jupiter bleibt Boss. Klar, dass er das mit einem wunderbaren Tenor auch auf der Bühne sein darf. Dashuai Chen gab ihm Statur und Klang, auch den jovialen Anstrich. Neptun muss ein spritziger Tenor sein, Pluto in der Unterwelt ein tiefer Bass. Luca Cervoni als Gast und Matteo Maria Ferretti aus dem Ensemble hatten dafür stimmige Organe.

Mit einem wendigen Bariton imponierte Giacomo Nanni als Saturn, ein junger Sänger, der am Stock zu gehen hatte und beim Schlussbeifall erleichtert Luftsprünge machen konnte. Auch Sonia Tedla Chebreab beherrschte als Juno mit ihrem runden Mezzo nicht nur ihren Göttergatten, auch die barocke Gesangskunst. Dem Ensemble gehört Ks. Heike Wittlieb an, deren Venus in Statur und mit wunderbar differenzierter Stimme genussvoll zu erleben war. Isabella Lee schließlich überzeugte als Cinzia (Diana) und ergänzte damit die „natürlich“ besetzten Rollen.

Pluto (Matteo Maria Ferretti), Diana (Isabella Lee), Amor (Karola Sophia Schmid), Foto: Olaf StruckPluto (Matteo Maria Ferretti), Diana (Isabella Lee), Amor (Karola Sophia Schmid), Foto: Olaf Struck

Die anderen Partien waren wohl einst Kastraten vorbehalten. Hier hatte man für den Apollo stattdessen den klangschönen Mezzo von Lucia Napoli zu bieten, für den Mars die immer wieder erstaunliche Tatia Jibladze aus dem Ensemble, für den Amor die quicklebendige Karola Sophia Schmid, die sich zudem in einer turbulenten Szene im Tanz bewährte, und schließlich als Merkur die ebenfalls grandiose Valeria Girardello.

So wurde die Familienfeier zu einem Fest für die Ohren, zumal mit Alessandro Quarta ein ausgesprochener Barockspezialist gefunden worden war, der nicht nur die barocke Musik verstand, sie auch faszinierend vom Cembalo aus oder mit dem Orchester vermittelte. Das bestand aus einer eigens zusammengesetzten Continuo-Gruppe mit zwei barocken Theorben (Lauteninstrumenten), Cello und zwei Bässen sowie Cembalo und aus einer sehr lebendig und stilgetreu musizierenden Tutti-Gruppe aus Streichern der Kieler Philharmoniker.

Die Regie in diesem munteren Treiben hatte Ulrich Waller. Er fand eine gelungene, nur teils etwas martialische Form für die abwechslungsreichen Auftritte, die die Choreografin Kim Duddy mit neun Tänzern aus dem Ballett Kiel sehenswert und impulsiv erweiterte. Dafür verwandte man in barocker Tradition Musiken anderer Meister wie Maurizio Cazzati, Giovanni Battista Vitali und Giovanni Battista Bassani.

Foto: Olaf StruckFoto: Olaf Struck

Kiel hat inzwischen eine Tradition darin, frühe Opernwerke eindrucksvoll darzubieten. Gluck und Händel waren dabei. Aber sie stehen schon mal auf dem Programmzettel anderer Theater. Sehr selten dagegen ist etwas von Lully zu erleben oder von Leclair. Legrenzis „La divisione del mondo“ (Originaltitel) aber ist eine wahre Rarität. Im Jahre 2000 erst hatte Thomas Hengelbrock die Oper bei den Schwetzinger Festspielen in Erinnerung gebracht. Kiel sucht nun durch seine Fassung sie einem breiten Publikum nahe zu bringen. Das ist legitim, zugleich durch die musikalische Präsentation eindrucksvoll.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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