Geschlechtergerechte Sprache
Sternstunde der Feminist*innen

Christoph KrelleVon

Liebe Leser*innen – fühlen Sie sich angesprochen? Und wie ist es bei „Liebe Leserinnen und Leser“? Fühlen Sie sich nicht angeregt? Wohl beachtet, hier steht „Leserinnen“ vor „Leser“, und das ist schon lange so – mindestens seit ich lesen kann. Dass nun von Feministinnen und Feministen prominent kritisiert wird, es müsse eine neue Ausdrucksformel her, mit der vermeintlich gleichberechtigt beide Geschlechter angesprochen werden, passt zum Zeitgeist des 21. Jahrhunderts:

Während die einen noch fürchten, bald durch digitale Programme, logische Algorithmen und ferngesteuerte Drohnen ersetzt zu werden, tauschen die anderen schon den Duden gegen das Tafelwerk aus. Das ist eine neue Schnelllebigkeit, für die der Turbokapitalismus nicht mehr herhalten braucht, es sind die neuen Feminist*innen, die sich sprachlich abgehängt fühlen. Und das kann man ja nachvollziehen.

Wenn ich zum Beispiel auf der Straße von jemandem mit „Bürgerin“ angesprochen werde, obwohl doch offensichtlich sein sollte, dass ich männlichen Geschlechts bin, wüsste ich auch nicht, wer gemeint ist. Verstehe ich das richtig? Bislang hat sich in den verschiedensten Sachverhalten noch keine Frau ernsthaft betroffen zeigen können, weil es eben das Sternchen nicht gab, das dafür gesorgt hätte, dass beide Geschlechter gleichberechtigt angesprochen werden?

Der Sportlehrer rief: „Lauft los, Schüler!“ – und die Mädchen blieben alle stehen? Wenn das mal wirklich so gewesen wäre, dann hätte sich diese ganze Diskussion längst erübrigt. Meinen denn die Feminist*innen allen Ernstes auch, die Straßenverkehrsordnung gilt nur für „Verkehrsteilnehmer“, die Hochschulreife berechtigt ausschließlich „Abiturienten“ zum Studium und das Gehalt fließt nur dem „Arbeitnehmer“ zu?

Ich erinnere mich noch an meine Oma, die stolz darauf gewesen ist, „Bankkaufmann“ gelernt zu haben; heute ist das natürlich unmöglich, heute müsste sie „Bankkauffrau“ lernen, ihrem weiblichen Geschlecht entsprechend. Warum sie stolz auf ihren männlichen Titel war? Das weiß ich nicht, doch sie war es – und das kann ja ein Beispiel dafür sein, wie gleichgültig die oberflächliche Bezeichnung für etwas ist, solange sein übriger Inhalt stimmt.

Nennen Sie mich „Bürgerin“ und ich zeige Ihnen meinen Personalausweis.

Christoph Krelle
Christoph Krelle
Nicht in Lübeck geboren, aber in Lübeck zum Schreiben gefunden - auch dank "unser Lübeck", für das er seit 2014 in unregelmäßigen Abständen schreibt. Ansonsten Journalist, Autor und Dozent für kreatives Schreiben.
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Kommentare  
# Nichts hinzuzufügen, außer...Tom Frölich (20.06.2018, 11:37)
... dieses hier:

https://www.pnp.de/lokales/stadt_und_landkreis_passau/passau_land/2971049_Dichter-Reiner-Kunze-Sprachgenderismus-ist-eine-aggressive-Ideologie.html?em_cnt=2971049
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