Zum Saisonauftakt 2026/27 in der Lübecker MuK geben die Elbphilharmoniker ein spannendes Konzert zwischen Moderne und Tradition. Beginnend mit einem Werk der ersten Komponistin des neu kreierten "NDR Artist Across Ensemble", Missy Mazzoli, führt das Orchester in eine sphärische Klangwelt ein. Missy Mazzoli ist an diesem Abend in Lübeck anwesend. Über gute elf Minuten hinweg erklingt das Sinfonia (for Orbiting Spheres) genannte Stück.
Der Name "Sinfonia" steht in seiner Übersetzung aus alter italienischer Sprache für Drehleier. Diese diente im Mittelalter in allen sozialen Schichten als Instrument für Tanzmusik. Dabei werden über einen Korpus gespannte Saiten mit einer Handkurbel in Schwingung gebracht. Der so entstehende Dauerton wird dabei durch rhythmisch melodische Elemente zu einem Wohlklang ergänzt.
Missy Mazzoli in der Lübecker MuK, Foto: Hildegard PrzybylaNach dem historischen Vorbild der "Sinfonia" hat die US-amerikanische Komponistin eine Sinfonie mit zeitgenössischen Orchester-Instrumenten produziert. Sie lässt Geigen, Blas-Instrumente, Fagott, Mundharmonika und Synthesizer-Keyboard langsam mit einigen rhythmischen Impulsen schnarren. Zuletzt mischt sie den Klang einer Boombox hinzu. Mazzoli bedient sich dabei der Metapher eines Sternensystems, in dem Himmelskörper um ein Zentrum kreisen. Es erinnert an den bereits bekannten "Sound of Jupiter", wobei die NASA in einem faszinierenden Projekt die Schallwellen von Planeten-Umlaufbahndaten in hörbare Töne umgewandelt hat.
Auch in zahlreiche Filmmusiken sind diese Töne eingeflossen. Mazzoli entfaltet, vorgestellt von den NDR Elbphilharmonikern, mit dem Stück leicht rhythmische, archaisch naturhafte Dauertöne. Mal lauter anschwellend und dann wieder leiser werdend ziehen die Klänge harmonische Kreise, gelegentlich bereichert durch kurze akustische Sternschnuppen. Dieser leider nur kurze Wohlklang macht Lust auf Mehr. Missy Mazzoli kommt nach der Aufführung auf die Bühne und erhält langen warmherzigen Applaus. Der Erfolg dieses Stückes ist auch dem Dirigenten Cristian Macelaru mit dem gesamten Orchester zu verdanken.
Foto: Hildegard Przybyla
Darauf folgt der eigentliche Höhepunkt dieses Abends, Rachmaninows 3. Klavierkonzert mit dem japanischen Pianisten Mao Fujita. Das Stück ist bekanntlich spielerisch anspruchsvoll. Der erst 27jährige Solist ist dieser Herausforderung gewachsen, so zart und bescheiden er auftritt, in ihm stecken überraschende Kraft und Tiefe. Auch wenn sich das Hauptthema bei Rachmaninow mehrfach wiederholt, Fujita hält jedes Mal eine interpretatorische Abwechslung bereit. Der technischen Wucht zum Trotz spielt er mit großer Spielfreude leicht und mutig.
Im ausgiebigen Solo mit etlichen harten Akkordfolgen steigert er seinen Elan und kann damit nicht nur das Publikum sondern auch die Musiker im Orchester fesseln und sogar zum Wippen bewegen. Das Zusammenspiel mit dem Orchester wirkt mühelos, der Dirigent überlässt dem Pianisten die Hauptrolle. Die Freude an diesem Spiel springt auf das Publikum über, es bedankt sich mit überschwänglichen Standing Ovations. Zum Abschied gibt Fujita eine großzügige Zugabe, Chopins Cis-Moll-Walzer in sensibel abgestimmter Weise.
Das NDR Elphilharmonie Orchester unter Leitung von Cristian Măcelaru und Solist Mao Fujita, Foto: Hildegard Przybyla
Nach der Pause folgt ein scharfer Kontrast mit der modern anmutenden Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta von Bela Bartok. Der Komponist verlangt eine besondere Aufstellung des Orchesters, die Streicher werden in zwei sich gegenüberstehende Gruppen aufgeteilt, in der Mitte dann Klavier, Celesta, Harfe und Schlagzeug. Auf diese Art kann beim Spielen ein Stereo-Effekt entstehen, bei dem die Themensätze wie in einem Orbit hin und herspringen. Bartoks Musik bleibt geheimnisvoll, teilweise klirrend spröde. Er weist damit bereits in die Moderne. Macelaru und sein Orchester verdienen hohe Anerkennung für ihre großartigen Interpretationen, das zahlreich erschienene Publikum weiß das zu schätzen.

