Superstar Leszek Możdżer im Travemünder Maritim

Die zehnte Ausgabe des Classical Beat Festivals feiert einen grandiosen Auftakt!
Leszek Możdżer ist auch von betulicher 70er-Jahre-Architektur nicht zu bremsen

Vergangenen Mittwoch war einer der größten polnischen Jazzpianisten der Geschichte im gediegenen Saal des Travemünder Maritims zu Gast; ein Ausnahmemusiker, der den polnischen Jazz revolutioniert hat und in Polen einen herausragenden Ruf genießt als einer der bedeutendsten und bekanntesten Jazzmusiker des Landes.

Dessen Alben regelmäßig Gold- und Platinstatus erreichen, der mehrfach als „Musiker des Jahres“ und „Pianist des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Możdżer ist zudem nicht nur kommerziell sehr erfolgreich, sondern auch als Komponist und Musikproduzent international anerkannt.

Hans-Wilhelm Hagen, Leiter des Classical Beat FestivalsHans-Wilhelm Hagen, Leiter des Classical Beat Festivals

Und wir hatten im Vorfeld Sorge, dass es kaum jemand mitbekommt. Zumindest in unserem Umfeld war das Konzert fast niemandem bekannt. Glücklicherweise war der in den 70er Jahren stehen gebliebene Saal - vielen Freundinnen und Freunden von Abtanzbällen vergangener Jahrzehnte in Erinnerung geblieben - dann doch im Parkett so gut wie voll besetzt.

Um es vorwegzunehmen: Die, die gekommen waren, hatten es, gelinde gesagt, nicht bereut. Leszek Możdżer, in feinem Zwirn und gleichzeitig barfuß alleine am Flügel, brachte ein Feuerwerk seines Könnens auf die Bühne, das das Publikum fast nicht zu Atem kommen ließ.

Leszek Możdżer und Hans-Wilhelm HagenLeszek Możdżer und Hans-Wilhelm Hagen

Alles war dabei: An das Penguin Café Orchestra erinnernde Minimal Music zu einem tickenden Metronom (garniert mit virtuosen Ausbrüchen), natürlich Chopin, mit dem sich Możdżer intensiv auseinander gesetzt hat, ein Stück seines musikalischen Weggefährten und Freundes Lars Danielsson, dem schwedischen Bassisten und Komponisten, ein Titel von Krzysztof Komeda, eine Interpretation von „Enjoy the Silence“der Synth-Pop-Band Depeche Mode und so vieles mehr.

Unter ständiger Bearbeitung des Dämpfer- bzw. Lautpedals verlangte der Tastenvirtuose dem großen Flügel alles ab; im Publikum wurde angespannt befürchtet, dass das Instrument irgendwann klein beigeben würde. Der Mitbegründer des Polski Jazz nutzte unterschiedliche Materialien, um den Ton zu variieren, erzeugte mittels auf die Saiten gelegter Tücher Klänge wie von einem Spinett oder einer Gitarre, oder über den Einsatz von Ketten Geräusche wie geschlagenes Metall.

Leszek Możdżer am MetronomLeszek Możdżer am Metronom

Zwischendurch kokettierte er in launigen Zwischenmoderationen mit seiner Popularität: Er würde wohl nie berühmt werden, da sein Name so schwer auszusprechen sei, was Hans-Wilhelm Hagen, der Geschäftsführer des Classical Beat Festivals, in der An- wie Abmoderation beispielhaft bestätigte. Der polnische Jazz-Pianist und Komponist Krzysztof Komeda, ja, der sei berühmt geworden, da er seinen Nachnamen von Trzcinski zu Komeda verändert hätte. In Wahrheit stand Możdżer schon auf Platz 1 der polnischen POP (!) Charts und konnte sich auch zu diesem Konzertabend vieler Verehrer*innen, unter anderem aus seiner Heimat, erfreuen.

Możdżer ist vertieft in sein meist melodiöses Spiel, geprägt von einer rhythmisch arbeitenden linken Hand und perlenden Läufen atemberaubender Geschwindigkeit der rechten Hand - Oscar Peterson hätte seine Freude gehabt. Die Klangvielfalt ist wie der Anschlag weit gefächert. Mal kräftig und hart, mal lyrisch zart, mal swingend bis groovend und stets voller Spielfreude lässt er seine Stücke unterschiedlichste fast greifbare Formen annehmen.

Leszek Możdżer am MikrofonLeszek Możdżer am Mikrofon

Der bescheidene Superstar ließ kaum Applaus zwischen den Stücken zu und versank hinter seinen Haaren in der Tastatur. Neben eigenen Kompositionen spielte er wie oben schon angesprochen Werke von Weggefährten oder einfach das, was er für spielenswert erachtet. Auch, wenn man Możdżer als Hochgeschwindigkeitspianist bezeichnen könnte, ging es ihm nie um billige Effekte, sondern um die Essenz der Musik, die er mit vielfältigsten technischen wie musikalischen Mitteln auslotete.

Superstar Leszek Możdżer im Travemünder MaritimSuperstar Leszek Możdżer im Travemünder Maritim

Jazz hat in Polen eine besonders hohe kulturelle und historische Bedeutung. Während der kommunistischen Zeit war dieses Genre, das bei uns immer noch um Aufmerksamkeit buhlen muss, ein Symbol für Freiheit und Widerstand - das Spielen oder Hören von Jazz galt als Akt des Mutes und der Selbstbehauptung. Auch heute noch ist Polen im östlichen Europa die unangefochtene Jazz-Hochburg, und die Bedeutung des Jazz ist dort größer als in vielen westlichen Ländern. Kein Wunder, dass Możdżer in einer seiner Zwischenmoderationen auf die Kunst des Verstehens hinwies und meinte: „Silence is the best tool to understand reality!“ (Stille ist das beste Werkzeug, um die Realität zu verstehen).

Leszek Możdżer bedankt sich beim PublikumLeszek Możdżer bedankt sich beim Publikum

Insofern erlebten wir einen Abend des Mensch- wie Musik-gewordenen Mottos von Classical Beat: „Menschen über Grenzen hinweg zusammen zu bringen.“ Leszek Możdżer dankte nach einer ergreifenden Zugabe aus der Feder von Astor Piazolla mit einer tiefen Verbeugung dem Publikum wie seinem Flügel für das außergewöhnliche Ereignis, bevor er sich Autogramm- und Selfie-Jägern zur Verfügung stellte. Was für ein wunderschöner Start dieses besonderen Festivals!


Fotos: (c) Nicolaus Fischer-Brüggemann


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