Karina Canellakis, Foto: (c) Chris Christodoulou

Karina Canellakis bei den Elbphilharmonikern
Con fuoco und vivacissimo

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Auch im Konzertwesen kommt die Emanzipation, unaufhaltsam und bereichernd.

In der Vergangenheit haben Frauen sich hin und wieder als brillante Instrumentalistinnen auf dem Podium präsentieren können, zumeist als Solistinnen, später im Orchester. Nur auf dem Dirigentenpodest standen und stehen sie immer noch selten, auch beim NDR und - wie zu erleben - völlig zu Unrecht. Die Elbphilharmoniker hatten Karina Canellakis eingeladen, die Amerikanerin mit griechischen und russischen Wurzeln. Eine junge, von künstlerischer Kraft übersprudelnde Dirigentin ist sie, zunächst an der Geige ausgebildet. Als Solistin und in großen Orchestern als Konzertmeisterin sammelte sie Erfahrung und fiel in der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker Simon Rattle auf. Er ermutigte sie, ihren Wunsch zu dirigieren umzusetzen. Sie folgte dem Rat und bildete sich an der Julliard School in ihrer Heimatstadt New York weiter. Dort wurde, welch‘ Zufall, Alan Gilbert, der Chef eben des Orchesters, mit dem sie jetzt arbeitete, einer ihrer Lehrer.

Karina Canellakis, Foto: (c) Chris ChristodoulouKarina Canellakis, Foto: (c) Chris Christodoulou

Nicht nur ihre äußerst differenzierte, mitreißende und zugleich effiziente Art zu dirigieren, war zu bewundern, auch das erlesene Programm, mit dem sie aufwartete. Zwei Grundzüge hatte es. Einer war, Ludwig von Beethoven zu feiern, den Jubilar dieses Jahres, und ihn mit modernen Ausdrucksformen zu konfrontieren. Der andere galt den Fähigkeiten des Orchesters und seiner Musiker. Von Anbeginn wurden alle in vielerlei virtuosen, oft auch solistischen Passagen gefordert.

Zunächst geschah das in Anton Weberns „Sechs Stücken für Orchester“, sein Opus 6. Das Riesenorchester, hier in der Fassung von 1928, täuscht. Weberns sehr spezielle Satz- und Komponierkunst setzt den Klangkörper im Tutti nur sehr selten ein. Zumeist wandern filigrane thematische Gebilde, viele nur in einer Klangfarbe, von Instrument zu Instrument, werden angerissen, aber nicht entwickelt. Von lakonischer oder aphoristischer Ausdrucksknappheit ist das, dennoch faszinierend – auch durch die präzise Leitung der Dirigentin, die aus ihnen alles an Expressivität herausholte. Nur ein Satz ist mit „Bewegt“ überschrieben. Viele Partien sind leise, wie ersterbend, durch pendelnde Akkorde wie suchend. Sie entfalten dabei eine erstaunliche Farbigkeit und Leidenschaft, die sich erstrangig mitteilte. Das Publikum war begeistert.

Christian Tetzlaff, Foto: (c) Giorgia BertazziChristian Tetzlaff, Foto: (c) Giorgia Bertazzi 

Der zweite Beitrag galt Beethovens „Tripelkonzert“. Hier ist es eine Kammermusikbesetzung, ein Klaviertrio, das mit dem Orchester im konzertanten Wettstreit steht. Die Sonderaufgabe war einer bekannten, zugleich hochkarätigen Gruppe übertragen, dem Tetzlaff-Trio mit dem Pianisten Lars Vogt, dem Geiger Christian Tetzlaff und seiner Schwester Tanja am Violoncello. Hier hatte die Dirigentin die schwierige Balance zwischen dem bestens aufeinander eingespielten Trio und dem Orchester herzustellen.

Kräftig mischte sie sich allerdings vor allem in die Tempogestaltung ein, forcierte etwa das Allegro des 1. Satzes zum effektvollen Vivace. Das Beschleunigen hatte im Largo des zweiten Satzes seine Grenzen. Wie in allen Sätzen führte das Cello, konnte aber den romantischen Grundton nicht entfalten. Durch das angezogene Tempo verselbständigte sich ihr Vibrato und entwickelte einen eigenen metrischen Pulsschlag. Und selbst dem Pianisten „passierten“ in der Rasanz des Finales allzu heftige Akkorde, vielleicht weil man ihn ganz vorn platziert hatte, mit dem Rücken zu Mitspielern, Orchester und Dirigentin. Das Trio bewältigte das Tempo dennoch schadlos, so dass langer Applaus für eine Zugabe sorgte, dem dritten Satz aus Dvořaks spätem Dumky-Trio. Damit fügte sogar die Programmerweiterung sich sinnvoll ein. Sie bereitete auf den letzten Beitrag vor, der in ähnlicher Weise die slawische Folklore nutzte.

Karina Canellakis, Foto: (c) Chris ChristodoulouKarina Canellakis, Foto: (c) Chris Christodoulou

Doch bevor Witold Lutoslawskis „Konzert für Orchester“ den Abend fulminant abschloss, wurde noch einmal mit der „Coriolan“-Ouvertüre an Beethoven erinnert. Es ist ein Werk, dessen große innere Gegensätze die Dirigentin forcierte, womit es in seiner tragischen Grundhaltung der des Anfangs sich verwandt zeigte. Prägnant erklangen die Orchesterschläge und entwickelte sich der Zwiespalt in den Empfindungswelten.

Das atemberaubende Finalstück allerdings überragte an Gestaltungsaufgaben für das Orchester in Gruppen oder solistisch alles Vorherige. Karina Canellakis ließ keinen Zweifel, dass sie die Orchestermusiker zu einer Höchstleistung verleiten wollte. Immer dichter gestaltete sie das dreisätzige Werk mit der festen „Intrada“, dem geisterhaften „Capriccio notturno“ und der weit gespannten „Passacaglia, Toccata und Choral“. Das Orchester folgte grandios, zeigte sich den größten Anforderungen an Präzision und Klang gewachsen, die die Dirigentin mit ihrer agilen Zeichengebung forderte. Wie in spielerischer Leichtigkeit wirkte das und scheinbar mühelos. Das Publikum in der stark besetzten MuK war hingerissen.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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