Dirigent Wayne Marshall und das Schleswig-Holstein Festival Orchestra, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

„Klassische“ Vielfalt für Jedermann und Jedefrau
Das Schleswig-Holstein Musik Festival setzt seine Grenzverschiebungen erfolgreich fort

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Vier Konzerte, vier unterschiedliche Geschichten.

Beginnen will ich mit dem Konzert vom 10. August 2018 in der MuK: Vladimir Jurowski leitete souverän das Schleswig-Holstein Festival Orchestra und der junge Jan Lisiecki brillierte wieder am Flügel. Alle zusammen begannen sie mit Robert Schumanns Introduktion und Allegro appassionato für Klavier und Orchester G-Dur op. 92 sowie dem Konzert-Allegro mit Introduktion für Klavier und Orchester d-Moll op. 134. Ersteres wurde zur Zeit des Entstehens von Clara Schumann begeistert aufgenommen und vom Publikum nicht ganz verstanden. Schumann wagte, um nur ein Beispiel zu nennen, einen ungewöhnlichen Einstieg in sein Werk, indem er gleichzeitig mit dem Soloinstrument und Teilen des Orchesters startete.

Dann verließ ihn aber bald der Mut, und der Romantiker setzte sein Klavierkonzert in der klassischen Struktur fort. Schade für uns, ein Glück für ihn: Das ebenfalls eher zur damalig passenden Hörgewohnheit strukturierte op. 134 war zu seinen Lebzeiten bereits ein großer Erfolg. Beide Werke boten (auch in diesem Festivalsommer) einen großen Hörgenuss, was nicht zuletzt der Qualität Jurowskis und Lisieckis zu verdanken ist.

Jan Lisiecki, Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannJan Lisiecki, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Der junge Pianist spielte das technisch anspruchsvolle Werk elegant wie kraftvoll und bedankte sich im Anschluss mit Schumanns „Träumerei“ als Zugabe. Jurowski hatte das gleichfalls junge Orchester sehr gut eingestellt, was in frischem wie exaktem Spiel resultierte. Der sympathische, gebürtige Russe gab nach der Pause eine präzise wie intelligente Einführung in Hans Zenders Schumann-Phantasie: Ein Stück von und über Schumanns C-Dur-Fantasie für Klavier Opus 17, in dem es um „das wache Lauschen ginge, das alle Anwesenden zu Komplizen, ja fast Mittätern machen würde“.

Auch in dieser Komposition verließ den Schaffenden leider der Mut, die Weitergestaltung noch konsequenter auszuführen. Was ich mir gewünscht hätte, traf aber nicht auf alle Anwesenden zu: Manchen HörerInnen war vielleicht die Aussicht auf Neutönendes schon zu viel, so dass sie gar nicht erst zur zweiten Halbzeit erschienen.

Dirigent Vladimir Jurowski, Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannDirigent Vladimir Jurowski, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Zender ging es um eine Umsetzung der Räumlichkeit von Schumanns Vorlage. So brach er klassische Harmonien auf, verfremdete und ergänzte sie durch weitere Klangfarben und Soundscapes. Ein vorgelagertes Oktett sezierte in Vor- und Zwischenspielen das Original und fügte es neu zusammen. Gerne hätte ich mir noch mehr Abstand des Oktetts zum Orchester gewünscht und die Bläser nicht nur im Seitenarm, sondern im gesamten Konzerthaus wandern sehen. Insgesamt ein spannendes Experiment, das, wenn auch nicht mich vollends, so doch das anwesende Publikum sehr begeisterte.

Dann drei Konzerte zu Ehren Leonard Bernsteins in Büdelsdorf vergangenen Sonntag, den 19. August 2018, beginnend mit Werken für Orgel und Chor von Bernstein und Zeitgenossen: Cameron Carpenter, Orgel, Terry Wey, Countertenor, Joel von Lerber, Harfe, sowie der Schleswig-Holstein Festivalchor unter Leitung von Nicolas Fink boten ungewohnt sakrale Musik, die ich bisher noch nicht kannte.

Cameron Carpenter, Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannCameron Carpenter, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Nach einem Solo des Paradiesvogels Carpenter an der beeindruckenden fünfmanualigen elektrischen Orgel, das mich ständig an die britische Nationalhymne erinnerte und sich bisweilen in technische Spielereien verlor, veränderte sich die große Halle der ehemaligen Carlshütte in einen Kirchenraum, den der gut einstudierte Chor sowie der äußerst beeindruckende Countertenor voll und gekonnt ausfüllten.

Auch mit dem schwierigen Nachhall gingen die Ausführenden gekonnt um und schafften eine berückend ätherische Atmosphäre. Teilweise mit Schlagwerk, Posaune und Trompete erweitert, immer mal wieder von Carpenters Orgel kongenial untermalt, berührte der semiprofessionelle Chor das anwesende Publikum und gab ihm die Gelegenheit, in selten gehörte Welten einzutauchen. Mit der Zugabe des Agnus Dei war dieses dann restlos zufrieden gestellt und genoss die Pause in den Exponaten der NordArt, bevor das nächste Konzert startete.

Sabine Meyer und Wayne Marshall, Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannSabine Meyer und Wayne Marshall, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Sabine Meyer, Klarinette, Martin Klett, Klavier, und (wieder) das Schleswig-Holstein Festival Orchestra, dieses Mal unter Leitung von Wayne Marshall, spielten Leonard Bernsteins Symphonic Dances from »West Side Story«, die Symphonic Suite from »On the Waterfront« sowie Aaron Coplands Klarinettenkonzert: Sabine Meyer, trotz SHMF-Marathon, es war ihr 19. Konzert, gewohnt überzeugend wie farbenprächtig, der britische Dirigent Marshall dynamisch und mitreißend und das junge Orchester wiederum bestens intoniert.

Das war vor allem rhythmisch anspruchsvoll: Viele Synkopen und Wechsel in den Tempi, mal impulsiv, mal elegisch, Martin Klett auf den Punkt genau. Wenn es in der klassischen Szene eine Auszeichnung zum Best Buddy geben würde, die Lübecker Klarinettistin, die im Vorgespräch verriet, dass Lübeck inzwischen Heimat, nicht nur Wahlheimat ist, hätte ihn verdient. Mich begeistert immer wieder ihre Natürlichkeit bei gleichzeitiger vollständiger Hingabe an die Musik, ihre warmherzige Kommunikation mit den Mitmusizierenden ebenso wie mit dem Publikum und ihre natürliche Bescheidenheit, die nicht mit Fishing for Compliments verwechselt werden darf!

Schleswig-Holstein Festival Orchestra, Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannSchleswig-Holstein Festival Orchestra, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Alles in allem: Bernstein und Copland wurden begeisternd dargeboten, was das Publikum schon vor der Zugabe nach Art Benny Goodmans mit Standing Ovations würdigte. Auch dieses Konzert dauerte deutlich länger als die ursprünglich angesetzte Stunde, so dass kaum Zeit blieb bis zum letzten Akt von The Big Bernstein, dem Titel der drei Konzerte in Büdelsdorf: eine große, von Werken Bernsteins inspirierte Geburtstags-Percussionparty mit Martin Grubinger und seinem Percussive Planet Ensemble in der Konzert- und Veranstaltungshalle nahe der NordArt.

Dabei zogen die beiden Rampensäue Grubinger Junior und Senior alle Register bis hin zu einem Rhythmik-Workshop in 15 Minuten, um das Publikum zu Freudenstürmen hinzureißen. War das Konzert zuvor jazzig, konnten Grubinger und Co. komplett unter der Marke Jazz laufen, allerdings die Variante von Jazz, die auch HörerInnen, die für gewöhnlich Jazz nicht hören, lieben. Die 15-köpfige Band sprach nicht nur das Herz, sondern auch den Bauch an, manche der Anwesenden hätten sich gerne noch mehr bewegt, als nur mitgewippt.

Martin Grubinger & The Percussive Planet Ensemble, Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannMartin Grubinger & The Percussive Planet Ensemble, Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Eine Unzahl an Schlagwerk aus aller Welt kam zum Einsatz, kein Wunder, dass auch die Bandmitglieder aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt stammten. So gingen wir Staunenden auf eine kleine Reise um das Erdenrund und verweilten einzig länger beim Geburtstagskind Bernstein, erhielten Einblick in die unterschiedlichen Rhythmik-Claven durch Grubinger Senior, der uns zum Mitsprechen, -klatschen wie Lachen mittels seines pädagogischen Systems führte: Da gab es Erikas, Annas, Magdalenas und viel österreichische Mundart. Wir erlebten Geschwindigkeitsrekorde des Juniors auf der Marimba, wunderschöne Melodien der Bläser, gekonnte wie vielfältige Arrangements und charmante Zwischenmoderationen. Es fiel schwer, ein Ende zuzulassen.

Alle vier rezensierten Konzerte zeigen die Lebendigkeit wie Vielfalt des Schleswig-Holstein Musik Festivals an Genres, MusikerInnen, pädagogischen Ausdrucksformen sowie Spielorten und erbringen den Beweis, wenn es diesen Glücksfall für Schleswig-Holstein noch nicht gäbe, müsste man ihn dringend erfinden. Gut, dass er dieses Jahr noch nicht ganz zu Ende ist und kommendes Jahr wieder vorbeisehen wird.

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