Chilly Gonzalez, Foto: (c) Olaf Malzahn

Chilly Gonzales
Musik aus dem Bademantelärmel

Rolf JägerVon

Arpeggio, meine Damen und Herren, ist ein musikalischer Fachbegriff für einen Akkord, bei dem die einzelnen Töne nicht gleichzeitig, sondern kurz nacheinander gespielt werden. Dass sich dahinter mehr verbirgt, das von Belang ist, als bloß die Beschreibung eines Schnörkels, skizziert Chilly Gonzales in kaum zwei Minuten.

Entspannt aus musikalischen Zeiten erzählend, klimpert er mit leichter Hand illustrative Zitate aus Romantik, Jazz und Metal bis zum französischen Elektropop-Duo Daft Punk und weist die Existenz des Alten im Neuen im Alten nach. Spielerisch. Nachvollziehbar. Etwa, dass es Glenn Millers Swing-Klassiker „In The Mood“ ohne Arpeggien praktisch nicht geben würde. Und fragt nach, ob eine der grauhaarigen Frauen im Publikum den King of Swing persönlich gekannt habe, „Perhaps you even slept with Glenn Miller!?“, während seiner Zeit als Soldat in Germany. Die Frage bleibt offen, aber die Klientel im Saale quietscht. (Auto-)Sarkasmus als kommunikatives Schmiermittel funktioniert.

Dies und was immer der Mann am Klavier noch tun wird an diesem hervorragenden Abend in der MuK, er tut es mit der etwas surreal anmutenden, selbstverständlichen Eleganz eines britischen Seifenopernaristokraten. Dunkler Bademantel, Öl im Haar und Puschen an, so betritt Chilly Gonzales die Bühne, formt ein stummes „Guten Abend“ mit dem Mund, setzt sich an den Flügel und beginnt zu spielen.

Chilly Gonzales, Foto: (c) Olaf MalzahnChilly Gonzales, Foto: (c) Olaf MalzahnRomantisch, beschaulich, anregend. Eingängig. Nachvollziehbar. Komplex. Minimalistische Pracht. 2004, mit seinem Album „Solo Piano“, hatte Gonzales erstmals Erfolg mit solchen Kompositionen, spielte 2007 beim renommierten Berliner Glenn-Gould-Festival. Beim SHMF-Gig in Lübeck nickt er dankend in den Applaus, dreht sich kurz um und schlägt mit zwei wuchtigen, dunklen Akkorden einen kompletten Stimmungswechsel ins tiefe Register. Und wieder – Zugänglichkeit und Hingabe, beim Spieler wie beim Hörer. Crossover, Baby. Grenzüberschreitung ist ein Mittel, der Zweck ist die Musik. Der 45-Jährige agiert souverän, wirkt zu Hause, für die Bühne gemacht. Und er gefällt sich in der Rolle – wenn es überhaupt eine ist – und macht keinen Hehl daraus. Er kann es sich leisten, die Musikalität fällt ihm praktisch aus dem Bademantelärmel.

Als nach knapp einer halben Stunde Solo-Klavier das Kaiser-Quartett zu Gonzales auf die Bühne kommt, öffnen sich die „Chambers“ (Titel des Albums, das Chilly 2016 mit den Hamburger Streichern aufgenommen hat) sozusagen zur Gänze, verschmelzen Romantische Klassik und Avantgarde, Blues-Licks und Easy Listening scheinbar mühelos zu einer kontemporären Klassik-Kunst, die sich in der Zeit auskennt und Kraft aus ihr zieht: This is Pop.

Zum Pop verschlug es Chilly Gonzales nach einem unvollständigen Jazz-Piano-Studium in Montreal/Kanada. Der '72 Geborene ging mit Landsleuten wie Socalled, Peaches und Feist auf Tour, blieb in Berlin und veröffentlichte seine ersten, Rap-orientierten Tonträger ab '99 beim Independant-Label Kitty-Yo. Durch die ungebremste Präsenz als Perfomer schnell zum Ruf einer gewissen Einzigartigkeit innerhalb der Gegenkultur gelangt, erwies Chilly sich auch im Studio als Interpret, Songschreiber und Produzent imstande, musikalische Crash- und Quergänge zu schlüssigen musikalischen Resultaten zu verdichten. Zuletzt das Konzeptalbum „Room 29“, eine Kollaboration mit Pulp-Sänger Jarvis Cocker über das Hotel Chateau Mormont und die Anfänge Hollywoods. Mit dem inter-deutschen Techno-DJ Boys Noize aus Dortmund fertigte er ein songlastiges Dance-Album („Ivory Tower“). 2009 brach er in Paris mit 27 Stunden Non-Stop-Piano den Weltrekord für das längste Solokonzert. 2011 gelang ihm mit „The Unspeakable“ ein spektakuläres, konsequent umgesetztes Hip-Hop-Album mit realem, voll besetzten Orchester. Loops und Beats zwischen Kesselpauken und Blechbläsern. Yo.

Chilly Gonzales, Foto: (c) Olaf MalzahnChilly Gonzales, Foto: (c) Olaf Malzahn

Dass Rap sich inzwischen zur Hauptmusik, zum Haupteinfluss im Pop entwickelt habe, meint Gonzales auf der Bühne, und dass die Produktion von Rap vor allem per Computer mit robotergenauer Präzision vonstatten gehe. Im 18. Jahrhundert dagegen, in den Tagen von Beethoven, Bach und Mozart, fährt Gonzales fort, war das Gerät mit der größten Nähe zur Roboterpräzision das Metronom. Nun hält er eines hoch, stellt den Takt ein und beginnt zu rappen. Irgendwann setzt das Streichquartett Akzente und Texturen ins Ticken und baut schließlich mit den Instrumenten einen klopfenden Groove zusammen, einen handgefertigten Live-Loop aus handgefertigten Live-Samples, keine Elektronik. Hat Hüfte, ist witzig und wahr und keine spießige Besserwisserei, dieser Stil- und Zeitsprung, und geht lässig ohne Wichtigtuerei vor sich. Wie Harpo Marx beim Klavierspielen.

Das Kaiser-Quartett, gegründet 2004 vom HL-Musikhochschulabsolventen Martin Bentz (Cello), mit Ingmar Süberkrüb (Viola) und den Violinisten Adam Zolynski und Jansen Folkers (Schlagzeuger des Abends: Joe Flory), mag sich an Genregrenzposten nicht aufhalten. Die hochkarätige Hamburger Band hat zuletzt mit Disco-Ikone Giorgio Moroder und Soul-/Jazz-Star Gregory Porter gearbeitet. Mit ihrem Motto „We want to amuse our audience“ ist die Band hinsichtlich Selbstverständnis wie gemacht als Partner für Super-Chilly, und vice versa. Personal, das die bürgerliche Kultur im Konzertsaal mit ihren eigenen Mitteln genussvoll bewusst unterwandert und gleichzeitig neue Wege öffnet. Gut für's SHMF.

Chilly Gonzales, Foto: (c) Olaf MalzahnChilly Gonzales, Foto: (c) Olaf Malzahn

Die letzte Zugabe ist eine wohltemperierte, berührende Coverversion des David-Bowie-Klassikers „Life On Mars“, instrumental, Chilly solo an Klavier und Schlauch-Melodica. Interpretation und Tribut zugleich, der feine Schlusssatz einer zündenden Veranstaltung.

Fotos: (c) Olaf Malzahn

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