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6. Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker mit einem sehr besonderen Programm

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Manch Konzertprogramm trägt einzig die Handschrift des Dirigenten, vor allem dann, wenn er als Gast vor einem Orchester steht, selbst eine ausgeprägte Vita hat und das Saisonprogramm keinem höheren Gedanken unterworfen wurde.

Wolfram Christ, langzeitig Solobratscher der Berliner Philharmoniker und nun zunehmend dirigierend, hatte für das sechste Konzert der Lübecker Philharmoniker (14. März 2016) zunächst einen vielleicht zu Unrecht Vergessenen auf dem Programmzettel. Es war eine „Fantasie“ in d-Moll für großes Orchester des in Salzburg geborenen Sigismund von Neukomm, ein Werk aus einer Gattung, die sehr wenig in Erscheinung trat. Seine Lebensdaten, 1778 geboren und 1858 gestorben, weisen ihn als späten Klassiker aus. Als seine Lehrer nennt er selbst Michael und Joseph Haydn und als sein Vorbild Mozart, dessen Sohn er unterrichtete. Doch das Werk wirkt heute eher hausbacken. Es finden sich ein paar schöne Themen, vorzüglich vorgestellt von den Holzbläsern des Orchesters, bewegt innerlich aber wenig. Das fand auch der Zeitgenosse Friedrich Rochlitz (1769–1842), Musikschriftsteller und selbst Komponist. Er lobte das Werk zwar, fand aber, Neukomm hänge „hin und wieder noch zu sehr am Einzelnen, grübelt allzu sehr, künstelt und putzt zuweilen gar zu sorglich.“

Wolfram Christ konnte die matte Wirkung trotz akkuraten Dirigierens und guter Stufung der Gruppen nicht verhindern. Anderes aus dieser Zeit, vor allem im sinfonischen Bereich, geht uns heute doch mehr in Geist und Herz. Das machte der Vergleich mit dem Schlussstück deutlich, der vierten Sinfonie Beethovens. Hier ergab sich ein lebhaftes und geschlossenes Klangbild, da Christ sich als sehr inspirierender Praktiker erwies. Präzise kamen die Einsätze und die Tempi waren vorzüglich gewählt. Das Orchester konnte in jedem Moment mit Spannung musizieren, auch die solistischen Partien mit Eigenleben füllen. Wieder fielen die Holzbläser auf, vor allem die Klarinette.

Etwas Besonderes war im Zentrum des Programms angesiedelt. Es war eine als „Streichersinfonie“ ausgegebene Fassung des Streichquintetts G-Dur op. 111 von Johannes Brahms. Die Bearbeitung stammt von dem schottischen Geiger Iain MacPhail. Er hatte schon manches für sein Stuttgarter Kammerorchester arrangiert, bei dem er lange Jahre spielte. Hier schließt sich der Kreis. Denn auch Wolfram Christ ist diesem Orchester als Solist und Dirigent verbunden, u. a. durch eine Einspielung von C. P. E. Bachs Hamburger Sinfonien. So brachte er also diese Adaptation eines Kammermusikwerkes vom Neckar an die Trave, wo gerade die Werke von Brahms besonders gepflegt werden. Die Lübecker Streicher schlugen sich tapfer. Sie versuchten gar nicht erst, das Intime, die filigran verästelten Stimmführungen zu verdeutlichen. Was aufblitzte war die Dynamik, der Fluss des Stückes, auch manche feinsinnig gestaltete Kantilene wie das Cello-Thema im ersten Satz. Christs Dirigat war handfest und praktikabel. Er ist ein Mann für das Machbare.

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Fotos: (c) Olaf Malzahn

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Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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