Hörglück zum Verschenken

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Weihnachten naht und damit bei manchen die Not, noch in letzter Minute ein passendes Geschenk zu finden. Vielleicht ist bei den folgenden sechs Neuerscheinungen des zurückliegenden Herbstes noch etwas für Sie dabei?

Beginnen wir mit

Passo Avanti „Finest Blend

Zurzeit gibt es in 3SAT eine Serie, in der Bands ein klassisches Oeuvre in ihrem eigenen Stil neu interpretieren dürfen. Das Quartett „Passo Avanti“, ergänzt durch Mario Korunic (Violine, Viola) könnte den Trailer eingespielt haben. Mit Finest Blend bürsten Sergey Didorenko (Violine), Alexander von Hagke (Klarinette, Bass-Klarinette, Flöte und Piccolo), Alex Jung (Gitarre) sowie Eugen Bazijan (Cello) bekannte Werke angenehm gegen den Strich, ohne ihnen die Seele zu rauben. Mal experimentieren sie, mal bleiben sie nah dran am Original und spielen in ihrer für das jeweilige Stück eigenwilligen wie ungewohnten Besetzung so schön, dass ich ob der Kürze der CD bedaure, nicht noch ein paar Zugaben der Vier zu erhalten. Die sogenannten alten Meister, Komponisten wie Bach, Brahms und Verdi, müssen sich nicht schämen für diese frechen wie fröhlichen Interpretationen: Sie waren allesamt musikalische Avantgardisten, experimentierfreudig und offen für Neues. Welche Musik sie wohl heute machen würden, beantwortet die süddeutsche 4-Männer-Truppe auf ihrer von der Kritik geschätzten Scheibe.

Passo Avanti: Finest Blend, Soulfood, September 2015

Weiter mit

Philipp Stauber „Sugar

Und damit zu gitarrenbetontem Jazz in der Tradition der 50er und 60er. Kein Wunder, dass der Chiemgauer Wes Montgomery, Kenny Burell oder Joe Pass als seine Vorbilder nennt, aber auch die Wiener Gitarristen Karl Ratzer und Kosta Lukacs, mit dem Stauber bis zu dessen Tod eine Freundschaft verband. Mit einer eingespielten, seit bald 20 Jahren existierenden Band bestehend aus Henning Sieverts (Bass), Bastian Jütte (Schlagzeug), Till Martin (Tenor-Saxophon) und als Gast Jan Eschke (Piano) hat er ein swingendes Album ohne Schnörkel eingespielt. Dabei ist er sich nicht zu schade, anderen wie dem für mich herausragenden Saxophonisten Martin den Vortritt zu lassen. Das ist alles handwerklich mehr als solide und bietet auch nach mehrmaligem Hören kleine neue Entdeckungen. Der mit einem ausführlichen Feature des US-Magazins JUST JAZZ GUITAR geehrte Stauber hat viele Klassiker neu arrangiert und vertont. Während ich beim absoluten Klassiker So What von Miles Davis erst nach mehrmaligem Zuhören Zugang fand (zu vertraut sind die Soli von Coltrane und Davis sowie die markante Intonation von Evans), wippte mein rechter Fuß zu den anderen Stücken schnell im Takt. Noch besser als auf dem Album sind Stauber und Band bestimmt live, und so hoffe ich, dass sie demnächst den Weißwurstäquator gen Norden überschreiten werden.

Philipp Stauber: Sugar, Soulfood, Oktober 2015

Vom Jazz zu einem, der unterschiedlichste Spielarten miteinander verbindet: Der Pianist und Multiinstrumentalist Martin Kälberer hat sich „ausgetobt“ in seiner neuesten Doppel-CD:

Kälberer „Suono

Ich hatte das Gefühl, er wollte einfach mal loslegen, das machen, was vielleicht schon lange in seinem Kopf gärte. Und so sagt er selbst: „Suono ist die Platte, die ich schon immer machen wollte. Insgesamt glaube ich, ich bin mir damit selbst wieder ein Stückchen nähergekommen.“ Eine CD reichte dafür nicht, es mussten zwei sein: Vielklang mit einer Unmenge an Schlagwerk, wobei es Kälberer vor allem metallische Klänge angetan hatten (Freunde Andy Narells werden ihre Freude haben) und Einklang mit Piano, Stimme und Effekten. Mir sagt Letztere mehr zu (bis auf die Interpretation Joni Mitchells Both Sides Now – das Original ist für mich nicht kopierbar), Kälberer lässt sich treiben und schafft große Bögen und weite Landschaften. Manchmal meine ich den Einfluss von Wolfgang Dauner (insbesondere dem vor 30 Jahren erschienenen Solo Piano) zu vernehmen, aber diese Orientierung kann nicht falsch sein. In Vielklang baut er rhythmische Klangteppiche bis -skulpturen und lotet die Tiefen der unterschiedlichsten Einflüsse aus, über das sich Melodien auf Singender Säge über Akkordeon, Vibrandoneon bis hin zum guten alten Fender Rhodes spinnen. Alles in allem eine vielseitig hör- wie nutzbare musikalische Sammlung für unterschiedlichste Gefühlslagen.

Kälberer: Suono, Soulfood, September 2015

Auch schwer in Schubladen zu fassen sind die KreuschBros., der Pianist Cornelius Claudio Kreusch und der Gitarrist Johannes Tonio Kreusch. Sie haben sich mit Jamey Haddad (Percussion) und Badi Assad (Gesang) zusammengetan, denn Musik verbindet, entschuldigen Sie diese Plattitüde, bekanntlich Welten:

KreuschBros. „Two Worlds One

Dann doch ‘ne Schublade: Das ist fast akustische Trance-Musik, die die beiden Brüder mit dem Percussionisten Stings aufgenommen haben, immer wieder bereichert und dann fast geprägt durch die ausdrucksstarke Stimme Badi Assads. Allein das brasilianische Portugiesisch ist schon Gesang, und wenn Assad dann ihre reichen lyrischen Texte zum Klingen bringen lässt, schmelzen so manche Herzen dahin. Klingt kitschig, aber ich hab's erlebt. Durch rhythmische und melodische Wiederholungen entstehen musikalische Kaskaden, die Bilder von weiten Landschaften hervorrufen. Musikalische Flüsse, die auch mal nebenbei oder beim Autofahren gehört werden können und doch immer wieder kleine Besonderheiten offenbaren. Der Geist der gesammelten Klänge entstand unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse des 11. Septembers, den die drei Musiker mit ansehen mussten. Seitdem trafen sie sich immer wieder, um Kommunikation in Musik umzusetzen. Weiter heißt es im Pressetext: „Die zeitliche Distanz war nötig, um das heutige Ergebnis erreichen zu können. Natürlich trennten sich die Wege der vier Musiker zwischenzeitlich auch immer wieder, zumindest räumlich, wohnen sie doch auf drei verschiedenen Kontinenten – der musikalische Weg verfolgte jedoch immer das gleiche Ziel: ein Sinnbild für eine zukünftige Welt, in der trotz aller Gegensätze Gemeinsamkeiten bewusst gesucht und gelebt werden. Die Botschaft ist so einfach wie essentiell: Musik verbindet!“ Die CD tritt den Beweis an.

KreuschBros.: Two Worlds One, Fine Music, Oktober 2015

Etwas klarer einzuordnen ist die folgende Produktion:

Klezmeyers „Emilias Lächeln

Schon der Name der Gruppe verrät es: Sie hat sich der Klezmermusik verschrieben. Franziska Orso an der Klarinette, Robert Keßler an der Gitarre und David Hagen am Bass kleben jedoch nicht am Klezmer, sondern verschmelzen diesen mit Flamenco, Tango, Jazz und arabischen Rhythmen. Schon seit 1997 spielen sie zusammen und haben mit Emilias Lächeln ihr mittlerweile viertes Studioalbum veröffentlicht. Alle drei sind exzellente MusikerInnen und fast noch bessere Komponisten; die meisten Stücke der CD stammen aus eigener Feder. Franziska Orso mag ich am liebsten in den tiefen Lagen, dann klingt der Ton ihrer Klarinette warm und reich. Manchmal wünschte ich von ihr etwas freiere Improvisation, diese liefert mir dann Robert Kessler, dessen klassischer Jazzgitarrenstil sich vor den großen Meistern nicht verstecken muss. David Hagen spielt den Bass, so wie es sein muss, als sichere Klammer und Grundlage für die Melodieinstrumente. Und wenn er sich mal in den Vordergrund bewegt, höre ich gerne zu. Die drei BerlinerInnen sind eine Empfehlung für alle Fans guter handgemachter akustischer Musik, nicht nur des Klezmer.

Klezmeyers: Emilias Lächeln, Soulfood, September 2015

Zuletzt zu einem, der eigentlich keine Werbung mehr nötig hat, aber so gut ist, dass ich nicht anders kann, sein jüngstes Werk anzupreisen:

Michael Wollny „Nachtfahrten

Wollny, früher Mitglied der Formation „em”, dem nach Stuart Nicholson von Jazzwise im Jahre 2010 führenden europäischen Klaviertrio, das – und jetzt folgt ein Superlativ, an dem einige zu kauen hatten – mit em live zu diesem Zeitpunkt das beste Jazz-Album der letzten 25 Jahre produziert hatte, hat nach ausführlichen Erkundungen diverser musikalischer Ländereien mit dem neuen Album Nachtfahrten wieder, um im Thema zu bleiben, Neuland betreten. Inspiriert von dem Buch Nachtmeerfahrten setzte der Franke, ein Freund des Dunklen, der Nacht und des Horrors das, was Schwarze Romantik genannt wird, in Töne um. Dafür wurde gar das Studio mit Stoffen verhängt, so dass „der derzeit aufregendste deutsche Jazzpianist“ (Die WELT) den nächtlich die Vernunft besiegenden, übersteigerten Affekten wie Angst und Freude, Wut und Trauer, Leidenschaft und Wahnsinn verheißungsvoll und beängstigend nahe kam. Der trotz seiner Erfolge und zahlreicher Auszeichnungen, darunter mehrere Echos, angenehm bescheiden gebliebene Musiker setzte dieses Mal mit dem Mittel der Reduktion auf Irritation; so bricht etwas ab, manches Mal fast weg, endet auch mal abrupt. Ich liebe es, wenn Alben rund sind, geschlossen aufhören, aber hier passt es, dass mit Track 14, dem Titelstück, das Album ein gar zu plötzliches, nicht gerade versöhnliches Ende findet. Davor bringt er kleine, mal geisterhafte, mal nachtätherische Splitter wie Schleier, meist – in dieser Vielzahl von Wollny nicht zu häufig gehört – melodiös dargeboten, während sein langjähriger Begleiter am Schlagzeug, Eric Schaefer, seinem Drumset nur einige zarte geräuschhafte Besenbewegungen entlockt und Bassist Christian Weber sparsam zupft. An dieser Stelle ist eventuell zu merken, dass das Album ursprünglich als Soloalbum konzipiert war, viel Raum wird den Begleitern nicht gegönnt (nicht einmal ein Bild auf dem Albumcover), und so kann ich es zwar nicht genau begründen, aber dennoch: Ich vermisse Eva Kruse, die frühere Bassistin von „em“. Das soll aber auch die einzige Mäkelei bleiben, eher würde ich am liebsten eine oder zwei Singleauskopplungen der Neon Nocturnes, von in der Dunkelheit leuchtenden Stillleben, eigenwilligen Klangbildern, wie sie Wollny nennt, empfehlen und die Jazz-Jukebox einer alten Spelunke bestücken, zu der vertonte Szenarien wie die von Twin Peaks, dem Bates-Hotel aus Psycho oder dem Tal der Schlösser in E.A. Poes Erzählung Metzengerstein hervorragend passen würden.

Michael Wollny: Nachtfahrten, Act (Edel), Oktober 2015

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