Haus von Shunri Nishizawa/Vietnam, Foto: Hiroyuki Oki/ Taschen

„Homes for our Time“
Das neue Wohnen – im Einklang mit der Natur

Holger KistenmacherVon

Das im Taschen-Verlag erschienene Groß-Buch „Homes for our Time“ zeigt moderne Wohnhaus-Architektur rund um den Globus von jungen aufstrebenden Talenten wie Shigeru Ban, Marcio Kogan, als auch schon bekanntere Namen aus der Zunft der innovativen Häusle-Bauer wie Aires Mateus, XuFu-Min, Vo Trang Nghia, Desai Chia und Shunri Nishizawa.

Es geht um zeitgenössisches Bauen im 21. Jahrhundert unter Berücksichtigung natürlicher Materialien, dem Einklang mit der umgebenden Natur, der klimatischen Anpassung an Lage und Funktion, sowie dem Bedürfnis der Bewohner an Offenheit und Privatheit.

Natürlich sind viele der gezeigten Häuser Wunsch-Träume eines Normal-Bürgers, die für die große Mehrheit von uns allen wohl nie zu erfüllen sind. Trotzdem macht es Spaß, die futuristischen Villen, bodenständigen Landhäuser, kreativen Strandhäuser und einsamen Waldhütten zu begutachten, denn vielleicht klappt es ja doch irgendwann mit dem Sechser im Lotto.

Zum Sehen und Staunen über die neue Art von Wohnhäusern bietet dieser aufwendige Architektur-Band (in Deutsch, Englisch und Französisch) sowohl Grundrisse, Infos über die ausführenden Architekten, die geografische Lage der Häuser, als auch hervorragende Fotos, die zum Träumen verführen. Dabei ist das vorliegende dicke Buch sicher nicht nur für andere Architekten als Anregung gedacht, sondern soll vielmehr auch wegweisend sein für die Zukunft, wenn es darum geht, modernes Bauen mit Ökologie und Ökonomie zu vereinbaren. Es geht weniger um klassische Raumaufteilung (Esszimmer, Wohnzimmer, Küche), sondern vielmehr um Energieeffizienz, Raumfunktion, Standort und Haustyp.

Haus von José González Gallegos und Maria José Aranguren Lopez (Aranguren & Gallegos/Spanien), Foto: Jesús Granada/ TaschenHaus von José González Gallegos und Maria José Aranguren Lopez (Aranguren & Gallegos/Spanien), Foto: Jesús Granada/ Taschen

Der Foto-Band zeigt wunderschöne Anwesen am Strand, mitten im Urwald, an rauen Küsten oder scheinbar unterirdisch aus Bergen hervorwachsend. Die Hausbeispiele stammen aus Europa, Australien und Neuseeland, von den USA über Mexiko bis Costa Rica und Ecuador, von China über Vietnam bis Indien.

Transparenz und Offenheit spielen eine große Rolle, wenn es um Standorte mit schöner Aussicht geht. Da geht schon einmal der Innenpool scheinbar in den entfernten stillen Ozean über. Es gibt funktionale Betonbauten auf Stelzen für einen Künstler (Fleivaer Refugium) auf einer windumtosten Insel an der Nordküste Norwegens, entworfen von Rintala, Eggertsson+Tyin. Schlichte Eleganz trifft auf funktionale Offenheit und nordischen Minimalismus.

Haus von Sami Rintala von Rintala Eggertsson/Norwegen, Foto: Pasi Aalto/ TaschenHaus von Sami Rintala von Rintala Eggertsson/Norwegen, Foto: Pasi Aalto/ Taschen

Im Gegensatz dazu steht der Entwurf des „Hidden Pavilion“ von Jose Luis Penelas aus der Nähe von Madrid. Aus viel Glas, Holz und Metall steht das Gebäude auf einer Lichtung im Wald und bietet ausgiebige Aussichten auf die umgebende Natur, für die kein Baum abgesägt werden musste.

„Das Haus der drei Ströme“ ist ein unkonventionelles, weitläufiges Anwesen, das auf sechs Ebenen und auf einem Kamm über zwei Schluchten thront und – weil es ohne Wände auszukommen scheint – im permanenten Dialog mit der Landschaft steht. Der Inder Kamal Malik hat das Ensemble für mehrere Generationen für seine Familie geschaffen. Der Name des Hauses beruht auf der Tatsache, dass verschiedene Bäche während der Monsunzeit bei Starkregen durch Treppen, Außengänge und unter Laufstegen schäumen, die den Gesamtkomplex in die Landschaft integrieren.

Haus von Vo Trong Nghia, Foto: Hiroyuki Oki/ TaschenHaus von Vo Trong Nghia, Foto: Hiroyuki Oki/ TaschenVöllig konträr kommt der Entwurf des Japaners Son Fujimoto daher, der einen verschachtelten Holzturm, den „Rental Space Tower“ gebaut hat, der das Prinzip von Mietwohnungen mit möglichst großen Privaträumen und kleinen Gemeinschaftsbereichen umkehrt. Bei ihm sind kollektive Räume wie Küchen, Bäder, Theater und Gärten großzügig geschnitten, während die privaten Rückzugsräume der Bewohner und Mieter eher klein ausfallen. Eine gewagte Holz-Konstruktion, die wie ein verspieltes Kinderhaus daherkommt. Typisch japanisch könnte man sagen, wenn man bedenkt, wie knapp der Raum für Bebauung in japanischen Städten ist.

Weil es in Ho Chi Minh City in Vietnam sehr wenig Grün gibt, hat der Architekt Vo Trong Nghia ein Wohnprojekt geschaffen, in dem die Dächer als Töpfe für Bäume und Gärten dienen. „Ein experimentelles Haus in einer tropischen Klimazone mit einer vielschichtigen Beziehung zwischen innen und außen“.

 Dies sind nur einige Beispiele aus dem über 450-seitigen Coffee-Table-Book von Philip Jodidio, die zeigen, wie Häuser zwischen Madrid, am Mekong oder in Mumbai versuchen, eine architektonische Antwort auf Fragen der Zukunft zu geben. So unterschiedlich die Formensprache der verschiedenen Architekten aus aller Welt auch sein mag, sie verfolgt jeweils das Ziel, eine Vision modernen Bauens im Einklang mit der Natur zu realisieren.

Philip Jodidio: Homes for our Time – Zeitgenössische Häuser aus aller Welt, Deutsch, Englisch, Französisch, Taschen-Verlag, November 2018, 456 Seiten, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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