Die Kunst der Selbsterkenntnis
Michael O`Neill "Über Yoga. Die Architektur des Friedens"

Holger KistenmacherVon

Fast jedes Sportstudio bietet Kurse an für gestresste Großstadtbürger. Sich biegen, Stretchen, Atmen und Meditieren gehört zum Life-Style einer modernen, aufgeschlossenen Gesellschaft. Yogazentren, Massenübungen auf den angesagten Plätzen der Metropolen oder Wettbewerbe im Internet und auf Facebook sind sexy und Trend. Doch die Ursprünge des Yoga haben mit Wellness oder Gymnastik wenig zu tun.

 „Das Wort Yoga entstammt dem Sanskrit und bedeutet Vereinigung. Es bezeichnet die Vereinigung des kleinen, individuellen Selbst mit dem umfassenden, allerhöchsten und göttlichen Selbst. Der Yogapfad ist ein Pfad der Vereinigung – des Einswerdens von Atem und Körper, von Geist und Muskeln, von Körper, Seele und Geist, letztlich von Schöpfung und Schöpfer“, schreibt Swami Chidanant Saraswatiji in seinem Vorwort zum großartigen Foto-Bildband über Yoga des US-Amerikaners Michael O`Neill, das jetzt vom Taschenverlag aufgelegt wurde.

Der amerikanische Fotograf hat sich mit Hilfe von Yoga und Meditation aus einer persönlichen Lebenskrise gerettet. Im Jahre 2000 konnte er nach einer Rückenoperation seinen rechten Arm nicht mehr bewegen, was für einen Fotografen natürlich das totale Desaster ist. Um seine Ängste und körperlichen Probleme in den Griff zu bekommen, begann er zu meditieren und sich mit den Achtsamkeitstheorien von Jon Kabat-Zinn auseinanderzusetzen. Ein Jahr später hatte sich sein Körper regeneriert und er war zum Yoga-Anhänger geworden. Nach der Überwindung seiner Lebenskrise machte er sich auf den Weg zu einer fotografischen Reise durch die USA und immer wieder auch Indien, um die Ursprünge des Yoga zu erforschen und in fast schon magischen Momenten abzulichten.

Yoga als Wissenschaft von der völligen Selbsterkenntnis hat seinen Ursprung im Himalaya. Von den Heiligen, Weisen und Rishis, die dort ihr Leben der Auflösung aller Grenzen zwischen sich und dem Unendlichen widmeten, wurde es medial empfangen, intuitiv erfasst, praktiziert und perfektioniert, um dann seinen Weg nach Indien zu nehmen, wo Yoga seit undenklichen Zeiten ausgeübt wird. Wobei allerdings die körperlichen Übungen, die Asanas oder auch Körperhaltungen, nur ein Aspekt der Lehre sind. Es gehören außerdem Atemübungen, aber auch Andacht und Verehrung, Akte des Dienens und das Streben nach Weisheit und Erkenntnis zu den notwendigen traditionellen Werten des indischen Yoga-Systems dazu. Diese Aspekte gehen in den Yoga-Ausübungen im Westen leider häufig verloren. Hier stehen meist das rein körperliche Training und die größtmögliche Biegsamkeit im Mittelpunkt. Dementsprechend gibt es Yoga-Bücher auch in Massen in unseren Buchregalen.

Stairway to Where?, HaridwarStairway to Where?, Haridwar

Aber nur wenige Fotografen schaffen es, den Anspruch zu realisieren, Yoga nicht nur als sportliche Übung zu vermitteln, sondern gleichzeitig eine sinnliche Erfahrung und Transformation zu ermöglichen, die als Inspirationsquelle für den Betrachter dienen. Michael O`Neill versucht diesen Spagat mit knapp 200 seiner Fotos, die im Laufe von zehn Jahren entstanden sind. Sein Ziel war, „ein Portfolio über Yogalehrer und Gurus“ zu verfassen. Herausgekommen ist dabei ein manchmal etwas seltsam zusammengestellter Mix aus Schwarz-Weiß- und Farbfotos, aus Portraits von Yogis und berühmten Lehrern des Yoga und der Meditation aus Indien, wie dem verstorbenen Erneuerer der altbuddhistischen Vipassana-Meditation S. N. Goenka, dem Dalai Lama oder dem großartigen Musiker Ravi Shankar sowie berühmten Lehrern und Anhängern des Yoga aus den USA, wie dem Musiker Sting oder Dona Karan. 

Zum einen dokumentiert er die schräg wirkenden Positionen von Sadhus, die mit ihrem Penis fast schon unglaubliche Stretchübungen vollführen, dann wiederum lässt er Niralamba Shirshasana einen freihändigen Kopfstand auf einem Gullydeckel mitten in New York vollführen. Archaische Traditionen treffen auf Moderne, inszenierte Fotoherrlichkeit stößt auf tief spirituelle Askese.

Jivamukti Yoga by the Manhattan Bridge, Brooklyn, New YorkJivamukti Yoga by the Manhattan Bridge, Brooklyn, New York

Wenn Michael O`Neill zum Beispiel die kalifornische Yogalehrerin Shiva Rea am El-Mirage-See mystisch und theatralisch in Szene setzt, fühlt man sich an Helge Timmerberg erinnert, der einst sein Buch mit Tiger fressen keine Yogis betitelte. Behängt mit einer Riesen-Kugel-Mala steht sie auf einem Bein im Wüstensand, während ein Tiger wie eine Schmusekatze zu ihren Füßen döst, derweil ein zweiter scheinbar zum tödlichen Angriff auf sie ansetzt. Daneben glänzt der Fotograf wiederum mit hoch intensiven dokumentarischen Aufnahmen der indischen Kumbh Mela, wo sich alle zwölf Jahre Millionen von Pilgern und Sadhus am Zusammenfluss von heiligem Ganges, Yamuna und dem unsichtbaren Saraswati nahe Allahabads treffen, um sich die Sünden ihres Lebens abzuwaschen.

Dieses Spannungsfeld, in dem sich das heutige Yoga zwischen West und Ost weiter entwickelt, wird sichtbar und soll auch nicht überdeckt werden. Strukturiert nach den Elementen Wasser, Erde, Feuer, Luft und Geist gelingt O`Neill ein faszinierender Bildband, von den Ursprüngen bis in die Jetztzeit. Mal sind seine Bilder Fenster zum Yoga, mal nur ein persönlicher Aspekt seiner Reise zum Yoga: „Der Weg war ein Fluss, und der Zweck war, im Wasser zu sein. Der Zweck war der Prozess an sich.“ Vielen Lesern und Betrachtern von Yoga. Die Architektur des Friedens hilft es sicherlich, den eigenen Weg zur Vereinigung von Körper und Geist, Materie und Bewusstsein zu finden. Und wenn nicht, fasziniert das wieder wunderbar zusammengestellte Bilder-Buch des Taschen-Verlags über alle Maßen und erfreut und erstaunt die Augen.

Michael O`Neill: Über Yoga. Die Architektur des Friedens, Taschen-Verlag, Köln 2015, 290 Seiten.

Fotostrecke

Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Happy Michael O’Neill with the first copies of his YOGA book. Om! Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Swami Ramdevji in padmasana (lotus pose) and Moumita Kar in natarajasana (dancing Shiva pose). Haridwar, November 4, 2007 Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - 13th and Hudson, niralamba shirshasana (handsfree headstand), Dharma Mittra. New York City, November 3, 2006 Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Donna Karan. Parrot Cay, Turks and Caicos, November 21, 2006 Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Bhagirathasana (pose of the sage Bhagiratha), Eddie Stern. Crosby Street, New York City, January 21, 2014 Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Rooted, kukkutasana (rooster pose), Jyoti Bhushan Mishra. Varanasi, February 23, 2009 Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Bhagirathasana (pose of the sage Bhagiratha), Eddie Stern. Crosby Street, New York City, January 21, 2014 Michael O`Neill: Über Yoga - Architektur des Friedens - Ganges Prayer, H. H. Swami Chidanand Saraswatiji. Rishikesh, March 4, 2006

Fotos: (c) Michael O'Neill / Taschen

Fotos: (c) Michael O'Neill / Taschen

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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