NordArt 2026 in Büdelsdorf
Die Weltkunstschau in der Kleinstadt um die Ecke

Wahre Kunst-Liebhaber nehmen es manchmal auf sich, auf Reisen zu gehen, um angesagte Ausstellungen, Biennalen oder Verkaufsmessen, wie die Art Basel, die Documenta oder die Venedig Biennale zu besuchen. Wer nicht so weit reisen, aber trotzdem internationale Gegenwartskunst auf Welt-Niveau sehen will, der fährt alljährlich in das beschauliche Büdelsdorf bei Rendsburg, mitten in Schleswig-Holstein.

Jeden Sommer verwandelt sich die historische Eisengießerei Carlshütte in einen Ort, wo industrielle Vergangenheit auf künstlerische Gegenwart trifft. Alljährlich findet in den rustikalen Fabrikhallen und dem wunderbaren riesigen Park mit Obstbäumen, Teich und Wagen-Remise eine international kuratierte Schau von moderner Kunst statt, die zu den größten Ausstellungen Europas gehört.

Diesmal hat das Kuratoren-Team aus Wolfgang Gramm, Inga Aru und Taso Gramm aus rund 3.000 Bewerbungen 203 Künstler*innen aus 50 Ländern ausgewählt, deren Arbeiten aus den Kunstfeldern Gemälde, Fotografien, Videos, Skulpturen und raumgreifenden Installationen bestehen. Dabei präsentieren die verschiedenen Künstler und Künstlerinnen ihre jeweils individuellen Perspektiven, thematisieren aber auch aktuelle politische und soziale Narrative, indem sie drängende globale Themen aufgreifen und dabei verdeutlichen, dass sie gemeinsam die Hoffnung auf eine bessere Welt für alle rund um den Globus nicht aufgeben.

Besondere Schwerpunktthemen der diesjährigen Schau sind der Fokus der NordArt 2026 auf das Baltikum unter dem Thema: Vilnius-Riga-Tallinn: „Notes from the Fringe“. Dabei werden Arbeiten von 22 Künstler*innen aus Litauen, Estland und Lettland präsentiert, die eine Region widerspiegeln, die von Fremdherrschaft, dem Streben nach Unabhängigkeit sowie Fragen der kulturellen Identität geprägt sind und dementsprechend eine besondere künstlerische Sensibilität entwickelt haben. Schönes individuelles Beispiel ist die liegende Skulptur von Egons Persevics aus Litauen, die „Legende der Karosta-Meerjungfrau“.

Egons Persevics: Legende der Karosta-MeerjungfrauEgons Persevics: Legende der Karosta-Meerjungfrau

Ein weiteres Spezial-Projekt wird gleich in der ersten Großen Halle gezeigt: „Landscape of Thoughts“ - großformatige Gegenwartskunst aus China. Da treffen Birken-Installationen auf Edelstahl-Felsen von Wang ZHAN. Oder eine seltsame Skulptur, die mit Borsten behaart ist von Wu Gaozhong: "Fremder in der Nacht", während ein gigantischer in Scheiben zersägter Metall-Baum an der Decke hängt und ein riesiges Gemälde über die gesamte Breitseite der Halle gehängt ist. Wie so häufig imponieren viele chinesische Kunstwerke durch ihre gigantischen Ausmaße.

Als weiteres spezielles Gastland wird diesmal die Mongolei vorgestellt: 14 Künstler und Künstlerinnen dieses fernen Graslandes zeigen Werke unter dem Titel: „Between Wind and Spirit - Tracks in Space“. Ein Beispiel dieser sehr eigenständigen spirituellen Kunst stammt zum Beispiel von Lkhajav: Eine Musik-Installation aus traditionellen mongolischen Musikinstrumenten: „Spirit Calling“.

Bernd Reiter: Ironie des SchicksalsBernd Reiter: Ironie des Schicksals

Ein absoluter Hingucker und sehr zentral ausgestellt ist die Multimedia-Installation vom deutschen Künstler Bernd Reiter: „Ironie des Schicksals“. Während dem einen Betrachter das Herz blutet aufgrund der aktuellen Kriegsproblematik in der Ukraine, die auf unzähligen Video-Screens gezeigt werden, trauert eine andere Besucherin den beiden wunderbaren alten luxuriösen Oldtimer-Limousinen nach, auf die der Künstler ein MiG-Kampf-Flugzeug hat abstürzen lassen. Diese politisch äußerst aufgeladene Arbeit setzt sich mit den Folgen globaler Machtkonflikte auseinander. Symbole der amerikanischen Finanz- und Wirtschaftsmacht werden von der bedrohlichen Präsenz der russischen Militärmacht förmlich zermalmt. Dazu laufen in Video-Schleifen aktuelle Szenen von Auftritten von Wladimir Putin und Kriegsgeschehnisse von verschiedenen Schauplätzen wie der Ukraine.



Daneben bevölkern wie immer unzählige kleine Pavillons mit Malerei und Fotografie - surreal, fantastisch, poetisch oder voller Humor - die große Halle, die wiederum durch diverse Wassergräben strukturiert ist. Besonders schön ist die begehbare Spiegel-Pyramide von Oh Soonmi aus Südkorea. Mir persönlich haben aber auch die ironischen Fotoarbeiten von der Deutsch-Russin Helga Stentzel gefallen, die im letzten Jahr den Publikumspreis erhielt. Aber auch die filigrane blaue Papier-Arbeit des Japaners Yasunari Kozuka, der aus unzähligen kleinen, bedruckten Quadraten eine große poetische Wand-Arbeit präsentiert: „Blumenstrauß“. Herrlich in der künstlerischen Ausführung sind auch die Gemälde von alten Menschen, die Manuela Grupe aus Deutschland geschaffen hat, die einen wunderbar ironischen Blick zum Beispiel auf die „Kaninchenfreunde e.V.“ wirft. Etwas negativ auffällig ist aber im Jahr 2026, dass es so einige große Freiflächen gibt, die ansonsten auch mit vielfältigster Kunst bespielt waren?!



Nach dem ausführlichen Rundgang durch die 22.000 Quadratmeter großen Ausstellungshallen der herrlich verrosteten Industrie-Anlage ist der Kopf schon ordentlich gefüllt mit Kunst aller Sparten und Länder. Also tut eine erfrischende Pause im durch hohe Hecken wie ein Labyrinth geschützten Café im angrenzenden Skulpturenpark Not, um sich bei leckerem selbst gebackenen Kuchen und Kaffee über das bereits Gesehene auszutauschen. Denn auch der 80.000 Quadratmeter große Park mit den unzähligen großen und kleinen Skulpturen, die dort sowohl permanent als auch durch neu dazu gekommene Kunstwerke präsentiert werden, will auch noch auf einem ausführlichen Spaziergang zwischen Obstbäumen und herrlichem Teich mit Brücken und schönen Sitzgelegenheiten besichtigt werden. Außerdem lockt auch noch die ehemalige Wagen-Remise, wo dieses Jahr künstlerische Arbeiten unter dem Titel „Silsila“ von Künstlerinnen aus Zentral-Asien präsentiert werden. Dort gibt es überwiegend textile Arbeiten, Malerei und Videos aus Kasachstan, Usbekistan und Kirgiesien.

Dieser wunderbare Kunstausflug ist noch bis zum 4. Oktober 2026 möglich. Die Ausstellung ist jeweils Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr zu besichtigen. Tages-Tickets kosten je nach Tag zwischen 20 (in der Woche) und 23 Euro (am Wochenende). www.nordart.de


Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Freischaffender Journalist seit gut 30 Jahren, studierter Realschullehrer, psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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