Lotte Laserstein, Ich und mein Modell, 1929/30, Foto: (c) Lotte Laserstein, Ich und mein Modell, 1929/30

Kunsthalle zu Kiel
Verschollen und wiederentdeckt: Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht

Von

Die Kunsthalle zu Kiel präsentiert bis zum 19. Januar 2020 die Malerin Lotte Laserstein, deren umfangreiches Œuvre zu den großen Wiederentdeckungen der letzten Jahre gehört.

Rund vierzig Gemälde, Zeichnungen und Fotografien aus der Zeit der Weimarer Republik zeigen den künstlerischen Werdegang dieser ungewöhnlichen Frau. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg verblasst ihr Ruhm, in der Kunstszene gerät sie in Vergessenheit. Erst durch die Schau im „Verborgenen Museum“ 2003 in Berlin erfährt sie eine erneute Würdigung. Wer war Lotte Laserstein?

Vier Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gelingt Lotte Laserstein im Jahr 1937 die Flucht nach Schweden. Als „Dreivierteljüdin“ von den Nazis diffamiert, gebrandmarkt und vom offiziellen Kunstleben ausgeschlossen, sollte sie bis zu ihrem Tod 1993 in Kalmar/Schweden leben. Geboren wird sie 1898 als Tochter des wohlhabenden Apothekers Hugo Laserstein und seiner Frau Meta, geb. Birnbaum in einer ostpreußischen Kleinstadt.

Lotte Laserstein, Selbstporträt mit Katze, 1928, Foto: (c) Leicester Arts and Museums Service / Bridgeman Images © VG Bild-Kunst, Bonn 2019Lotte Laserstein, Selbstporträt mit Katze, 1928, Foto: (c) Leicester Arts and Museums Service / Bridgeman Images © VG Bild-Kunst, Bonn 2019War noch im Kaiserreich Frauen der Besuch einer Akademie in Deutschland untersagt, studiert sie nach dem Ersten Weltkrieg als eine der ersten Frauen an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin bei Erich Wolfsfeld, dessen Meisterschülerin sie werden sollte. Aber wie schafft Laserstein eine Karriere als Malerin in einer patriarchalischen Gesellschaft und einer von Männern dominierten Kunstszene?

Mit Talent und Ehrgeiz: Sie betreibt ein eigenes Atelier, leitet eine private Malschule, beteiligt sich erfolgreich an Wettbewerben und Ausstellungen und wird Mitglied im Verein der Berliner Künstlerinnen. Die renommierte Galerie „Fritz Gurlitt“ - spezialisiert auf zeitgenössische Kunst - zeigt bereits 1931 ihre Werke in einer Einzelausstellung.

Thematisch und motivisch stehen ihre Arbeiten im Stil der Neuen Sachlichkeit. Ihr Malstil ist unterkühlt, sachlich-nüchtern, aber nie gesellschaftlich karikierend, wie zum Beispiel bei George Grosz. Mit akribischer Genauigkeit beobachtet und malt sie ihr Umfeld. Ihre Gemälde erinnern an den Realismus des 19. Jahrhunderts und an die Kunst der Alten Meister. Ikonographische Bildformeln und malerische Traditionen werden von ihr zwar adaptiert, allerdings neu interpretiert und in einen zeitgenössischen Kontext gesetzt.

Lotte Laserstein, Am Motorrad, 1929, Foto: (c) Deutsches Historisches Museum / A. Psille © VG Bild-Kunst, Bonn 2019Lotte Laserstein, Am Motorrad, 1929, Foto: (c) Deutsches Historisches Museum / A. Psille © VG Bild-Kunst, Bonn 2019Sie malt in gedeckten, häufig erdfarbenen Tönen das pochende Leben der Berliner Großstadt: modische Flaneure, herausgeputzten Frauen und Dirnen im Café, den technischen Fortschritt. Sie malt den pulsierenden Zeitgeist der 1920er Jahre, den Glauben an die Modernisierung der Gesellschaft. Der Traum von Unabhängigkeit und Geschwindigkeit kommt in „Der Motorradfahrer“ von 1929 hervorragend zum Ausdruck. Sie portraitiert darin einen selbstbewussten jungen Mann in typischer Lederbekleidung vor seinem Motorrad Marke „NSU 251 R“ posierend - Motorräder erobern in der Weimarer Republik zunehmend das Straßenbild. Da sie vorwiegend Frauen porträtiert hat, ist das Gemälde eins der wenigen männlichen Porträts der Berliner Jahre.

Zu Lasersteins Hauptwerk gehört „Abend über Potsdam“, das sich stilistisch am christlichen Abendmahl orientiert und heute zur Sammlung der Nationalgalerie Berlin gehört. Die großformatige Holztafel aus dem Jahr 1930 zeigt einen bildparallel aufgebauten Tisch mit weißem Tischtuch auf einer Dachterrasse, um den sich fünf Personen – zwei Männer, drei Frauen – und ein liegender Hund gruppieren. Im Hintergrund erkennt der Betrachter das topografisch genaue Panorama der Stadt Potsdam. Auf den ersten Blick vermittelt die Dachgartengesellschaft den Eindruck einer abendlichen Idylle. Doch der Schein trügt. Es herrscht Weltuntergangsstimmung! Die Personen verharren mit leerem Blick in ahnungsvoller Melancholie und grüblerischem Sinnieren. Ist die bedrückte Stimmung eine Vorahnung auf den aufkeimenden Antisemitismus im Deutschen Reich? Oder ist es die Weltwirtschaftskrise, welche die jungen Leute schockiert?

In zahlreichen Selbstbildnissen und Porträts hinterfragt die Malerin immer wieder das Idealbild der modernen Frau, vor allen Dingen in den Darstellungen der Schauspielerin und Sängerin Traute Rose, die für die Malerin den Typ der „Neuen Frau“ verkörpert: Kurzhaarschnitt und athletischer Körper, androgyne Erscheinung, maskuline Kleidung und emanzipiertes Auftreten.

Lotte Laserstein, In meinem Atelier, 1928, Foto: (c) Lotte-LasersteinArchiv/ Krausse, Berlin © VG BildKunst, Bonn 2019Lotte Laserstein, In meinem Atelier, 1928, Foto: (c) Lotte-LasersteinArchiv/ Krausse, Berlin © VG BildKunst, Bonn 2019

So auch in dem Bild „In meinem Atelier“ von 1928, wo das Modell als schlafende Venus à la Tizian sich auf dem Bett rekelt und die Künstlerin als androgyner, sportlich-maskuliner Typ mit kurzem Bubikopf an der Staffelei sitzt. Laserstein zeigt hier selbstbewusste, eigenständige Frauen, die sich für den Beruf und gegen die Ehe entschieden haben. In zahlreichen Bildern wird Rose als sportbegeisterte Frau porträtiert, so als „Tennisspielerin“ von 1929. Mit eindringlicher Intensität, ähnlich dem aufkommenden Fotojournalismus, charakterisiert Laserstein die Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen, die sich zwischen Distanz und Nähe, zwischen Sachlichkeit und Sensibilität bewegen.

Sie hat Erfolg. Ihr unverwechselbarer Malstil macht sie in der Kunstszene der Weimarer Republik bekannt. Kunstkritiker prophezeien ihr eine glänzende Karriere. „Lotte Laserstein – diesen Namen wird man sich merken müssen. Die Künstlerin gehört zu den allerbesten der jungen Maler Generation, ihr glanzvoller Aufstieg wird zu verfolgen bleiben!“, heißt es 1929 noch im Berliner Tageblatt.

Lotte Laserstein, Mutter und Kind, ca. 1926, vor März 1927, Foto: (c) Sönke Ehlert / © VG Bild-Kunst, Bonn 2019Lotte Laserstein, Mutter und Kind, ca. 1926, vor März 1927, Foto: (c) Sönke Ehlert / © VG Bild-Kunst, Bonn 2019Es sollte jedoch anders kommen. Die Nazis erklären sie aufgrund ihrer jüdischen Großeltern zur „Dreivierteljüdin“, obwohl sie christlich getauft wurde. Ihre Malschule wird geschlossen, ihre Ausstellungen verboten. Sie gerät auf den Index. Es ist das „Aus“ ihrer Karriere als Malerin.
 
In dieser prekären Lebens- und Arbeitssituation nutzt die Malerin eine Einladung der Stockholmer Galerie Moderne zur Flucht. Im Winter desselben Jahres verlässt sie Deutschland mit einem Teil ihrer Werke. Nach Deutschland kehrte sie auch nach dem Krieg nicht zurück. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an das Land: Ihre Mutter kommt 1943 im KZ Ravensbrück ums Leben, ihre Schwester Käte kann die Kriegsjahre nur in einem Berliner Versteck überleben. Die jüdische Gemeinde in Stockholm unterstützt die junge Frau und arrangiert eine Scheinehe mit dem jüdischen Kaufmann Sven Marcus, die ihr die schwedische Staatsbürgerschaft und ein uneingeschränktes Bleiberecht ermöglichen. Der Neubeginn im Exil gestaltet sich als schwierig. Zwar etabliert sie sich mit Porträts und Landschaftsbildern, aber an ihre Berliner Erfolge kann Lotte Laserstein nicht mehr anknüpfen.

„Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“ ist eine interessante Ausstellung, die Kunstfreunde nicht versäumen sollten. Zu sehen in der Kunsthalle zu Kiel. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr. Montag geschlossen.

Kommentar schreiben
Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.