Valeska Gert zum 125. Geburtstag
„Ich will ich selbst sein.“

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„Ich würde nie einen Geliebten heiraten, ich heirate nur Freunde“, bekennt die 83-jährige Valeska Gert 1975 in der ersten deutschen Talkshow „Je später der Abend“.

Pinkfarbener Anzug und dazu farblich abgestimmter Lippenstift, schwarze Augenbrauenbalken im weiß geschminkten Gesicht, blauer Lidschatten, schwarze Haare. Ein farbenfroher Gnom versetzt das Publikum mit seiner ironischen Schlagfertigkeit in Begeisterung. Es gab dann über die Jahre relativ wenige Erinnerungen an die Grotesktänzerin, Kabarettistin, Schauspielerin, Autorin, Sängerin, Leiterin von Nachtclubs in Berlin, Greenwich Village (New York) und dem berühmten „Ziegenstall“ auf Sylt. Immerhin gibt es an der FU Berlin eine Valeska-Gert-Gastprofessur.

Der GEDOK Schleswig-Holstein ist für die dreiteilige Hommage an diese außergewöhnliche Künstlerin zu danken: für eine Tanz-Theater-Matinee am 17. September im Hansemuseum, eine Ausstellung „Valeska Gert im Bild“ im Salon Utopia von Bernd Bornemann und den Dokumentarfilm von Volker Schlöndorff „Nur zum Spaß – nur zum Spiel. Kaleidoskop Valeska Gert“ im Kommunalen Kino.

Volker Schlöndorff: Nur zum Spaß – nur zum Spiel, Foto: (c) DIF/Sammlung Volker SchlöndorffVolker Schlöndorff: Nur zum Spaß – nur zum Spiel, Foto: (c) DIF/Sammlung Volker Schlöndorff

In der Tanz-Theater-Matinee schlüpfte Marion Hinz als Sprecherin in die Rolle der Valeska Gert, ohne der Gefahr zu erliegen, sie nachahmen zu wollen. Sie zeichnete in gelungener Schwerpunktsetzung das Leben der Künstlerin jüdischer Abstammung nach, der es schon in jungen Jahren nicht an Selbstbewusstsein mangelte: „Ich bin berauscht von mir. Ich konnte meine Zuschauer anziehen und abstoßen, ganz wie ich es wollte.“ Der Bogen spannte sich von Kindheitserinnerungen über die Jahre der Emigration bis zur Rückkehr nach Deutschland 1947 und ihren Tod 1978.

Tanz, Musik, Laut und Sprache, dadaistisch angehaucht, gingen in den Darbietungen von Ruth Speidel-Voss, Gunda Gravemann-Kamper und Angelika Neumann (Choreografie Krisztina Horvath) ganz im Sinne Valeska Gerts eine Synthese ein. „Ich will Menschengestalten tanzen. Ich wollte das Unerhörte tanzen.“ Die Kostüme der Tänzerinnen lehnten sich an die an, die Valeska Gert tatsächlich in ihren Performances getragen hat. Die musikalischen Beiträge (Martina Tegtmeyer, Akkordeon) wie die Couplets vom „Glühwürmchen Idyll“ bis zum „Barbara-Song“ aus Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ zeichneten den jeweiligen Zeitgeist nach.

 Der Stimme Valeska Gerts durch Bandeinspielungen lauschen zu können, war ein besonderes Erlebnis. Imke Looft und Margrit Cuwie stellten unter Beweis, dass man auch mit operngeschulten Stimmen „Raus mit den Männern!“ (Friedrich Hollaender) fordern oder „Von Emil seine unanständje Lust“ singend erzählen kann, wenn auch nicht so „rotzfrech“, wie es Claire Waldorff zu Gebote stand. Anrührend das abschließende Schlummerlied (Text: Valeska Gert; Musik: Saskia Schmidt-Enders, die die Matinee am Klavier begleitete), gesungen von Margrit Cuwie, die hierfür genau den richtigen Ton traf. Der Text „Ich hab die tollsten Tänze vorgeführt“ stammte von Christiane Retzlaff, die mit Valeska Gert auf Sylt zusammengearbeitet hatte und bei der Veranstaltung anwesend war.

Von dem Bühnenbild – der Begriff passt im Grunde nicht für die kleine Ausstellung an der Rückwand des Saales – bleibt das großformatige Porträt Valeska Gerts in Erinnerung: Ein Auge richtet sich auf den Betrachter, das andere eher verschattet nach innen: „Ich will ich selbst sein.“ Das Publikum war begeistert.

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