Rigoletto, A. Enkhbat | Graf Ceprano, M. Yoo

In Kiel zu bewundern
Ein „Rigoletto“ der großen Gefühle

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Kiels Inszenierung von Guiseppe Verdis Rigoletto (Premiere: 9. Oktober 2016) reizt die Sinne, das Auge vor allem mit viel Rot. Wenn sich die strenge Wand im ersten Akt zum Interieur des herzoglichen Palastes aufklappt und die Hofgesellschaft Mantuas erscheint, prachtvoll die Damen im gleichen strahlenden Rot, die Herren in weiten Mänteln mit langer Schleppe in einem dunkleren, changierenden Ton, darunter rotmetallisch glänzend die Brustpanzer, dann macht schon die Ausstattung klar, dass es um Leidenschaft, um Liebe und Tod geht.

Selbst Sparafucile, der Mörder, und seine Schwester Maddalena sind rot gekleidet. Und auch Rigoletto passt ins Bild. Er ist ein papageno-hafter, flattriger Geselle. Schmutzige Rots kennzeichnen ihn und ein Helm mit langer, spitzer Nase und mächtigen Federn. Sein Kopfschmuck ist wie der der Höflinge pompös und theatralisch wirksam. Da haben sich die Maskenbildnerei und Schneiderei mächtig ins Zeug gelegt.

Eine Gegensphäre wird klar abgegrenzt. Blautöne kennzeichnen den rachedurstigen Grafen Monterrone, der schon zur Introduktion auf der Bühne erscheint, den durch Goldstickerei herausgehobenen Herzog und sein Objekt der Begierde, Rigolettos Tochter Gilda. Sie allein darf ein schlichtes Kleid tragen, das ihren mädchenhaften Status unterstreicht. Wenn sie im väterlichen Haus erstmals auftritt, geschieht das vor der roten Kaskade eines Tarnvorhangs. Daraus tritt Giovanna wie mit einer riesigen Schleppe versehen hervor, Gildas Gouvernante und Kupplerin.

Maddalena, Tatia JibladzeMaddalena, Tatia Jibladze

Eindringlich deuten Kostüme und Ausstattung auf alte, drastische Theaterpraktiken hin, auf ein Gestalten in pathetischen Gefühlen. Erfunden hat sie Giuseppe Palella. Die plakative Wirkung wird unterstützt durch Domenico Franchis bewegliche Bühnenbauten, die sich wie Schaufenster öffnen und Einblick in eine Innenwelt gewähren. Alles dient der lebendigen und klaren Regie von Fabio Ceresa, 1981 geboren. Er machte seine Erfahrungen als Assistent an der Mailänder Scala und gewann in diesem Jahr den International Opera Award als Jungregisseur. Auch Ceresa nutzt das Bildkräftige. Er gibt Rigelotto eine Truhe in die Hand, die vieldeutig durch die Szenen bewegt wird und den Schluss, den Tod der Gilda, fassbarer macht, als er im ursprünglichen Libretto wirkt. Ein anderes Symbol sind die Leitern, sinnreich auf Zwischendimensionen verweisend. Sie dienen dem Herzog, vor allem Maddalena, die in dieser Inszenierung ihren Nimbus als bloße Mordkomplizin verliert.

Rigoletto, Amartuvshin Enkhbat | StatisterieRigoletto, Amartuvshin Enkhbat | Statisterie

Das ist großes Gefühlstheater, das sich Kiel mit dem italienischen Team ins Haus geholt hat. Es konnte ihrem Nationalkomponisten einen bestechenden Hintergrund für seine Melodienseligkeit gestalten, für seinen schmelzenden Wohllaut und die aufklingenden dramatischen Gefühle. Schon zu Beginn wird das deutlich in den glanzvollen Chorpartien. Damen wollte der Maestro nicht beschäftigen. Ein paar davon wurden zu ansehnlichen Statistinnen. Die Herren dagegen, einstudiert von Lam Tran Dinh, zeigten sich von ihrer besten Seite, geschickt agierend und singend in der plausiblen Choreografie Mattia Agatiellos, des vierten Italieners im Team.

Das Akustische war dem Optischen äquivalent. Mit Amartuvshin Enkhbat in der Titelpartie gastierte ein junger Sänger von großer Stimmkraft und mit wandlungsfähigem Timbre. Intensiv machte er die zerrissene Bühnenfigur lebendig, überheblich als Hofnarr, angsterfüllt als Verfluchter, bösartig und zugleich verletzt durch den Spott der Hofgesellschaft. Ein sorgenvoller, rührend unbeholfener Vater ist er, maßlos aber, wenn er zum Mord anstiftet. Wunderbar, wie Hye Jung Lee als Gilda da mithält, die Wirkung der Vaterrolle sogar steigert. Sensibel zeichnete sie den jugendlichen Charme dieser Figur, gab ihren Koloraturen Wärme und seelische Tiefe. Die Duette zwischen ihr und dem Vater, Momente großer Innigkeit, gehörten zum Eindrucksvollsten dieser Inszenierung.

Marullo, Dominic Große | Herren des OpernchorsMarullo, Dominic Große | Herren des Opernchors

Yoonki Baek, wie die Gilda-Sängerin Ensemblemitglied in Kiel, konnte als Herzog von Mantua nicht ganz mithalten. Sein eher lyrischer Stimmklang verfehlte den sexuell getriebenen Potentaten, den auch die Inszenierung eher als mitfühlenden Helden interpretierte. Das aber nahm dem Bravourstück dieser Oper, dem La donna è mobile, den zynischen Schmelz.

Auch das zeichnet ein Theater aus, dass es die Nebenpartien gut besetzt. Dazu gehörten vor allem das Geschwisterpaar Sparafucile und Maddalena, gesungen von Kemal Yaşar und Tatia Jibladze, sowie Myunghun Yoo als Graf Ceprano, Dominic Große als Edelmann Marullo und Fred Hoffmann als Borsa. Sehr sorgsam begleitete das Orchester unter Georg Fritsch, ganz selten mit kleinen Differenzen zwischen Bühne und Orchester. Was mehr zählte, war eine spürbares Mitdenken im dramatischen Geschehen, wodurch eine packende Einheit zwischen Bühne und Musik entstand.

Weiter Aufführungen in diesem Jahr: 20.10., 22.10., 29.10., 06.11., 12.11. und 13.12.
www.theater-kiel.de

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Fotos: Olaf Struck

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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