Frommer Verwalter des Ablasshandels − ein Dominikanermönch. Die Kalksandstein-Skulptur (Ende 14. Jahrhundert) eröffnet die Lübecker Schau

Ausstellung zum Reformationsjahr im Europäischen Hansemuseum
„Wäre eine Welt ohne Religionen eine friedlichere Welt?“

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Lübeck – Geld und Glaube? Darüber spricht man nicht oder zumindest nicht oft. Zwar gehört es zur protestantischen Grundausrüstung, dass der Petersdom mit den Ablässen armer Sünder finanziert wurde. Dass weit über den Prestigebau hinaus knallhartes wirtschaftliches Kalkül hinter Glaubenskonflikten stecken, hat sich aber im Allgemeinwissen über Religion und Geschichte nicht verankert.

Fast am Ende des Reformationsjahres haben nun das Europäische Hansemuseum und der Hamburger Historiker Tillmann Bendikowski die Hüllen vor dem komplexen Thema fallen lassen. „Geld. Macht. Glaube. Reformation und wirtschaftliches Leben“ heißt eine Sonderausstellung im Beichthaus. Die Doppeldeutigkeit des Titels ist pure Absicht und die Erkenntnis, dass es zum Thema Glaubenskampf noch Spannendes zu sagen gibt, staunenswert.

Tillmann Bendikowski, Kurator von 'Geld. Macht. Glaube'Tillmann Bendikowski, Kurator von 'Geld. Macht. Glaube'

Bendikowski schätzt die Deutlichkeit. Deshalb hat er zur Erläuterung seiner Ausstellung einen Hammer, einen Holzkasten und eine Münze mitgebracht. Der Hammer soll Luthers Thesenanschlag symbolisieren, Münze und Kasten – na klar – der Vers von der Seele, die in den Himmel springt, sobald die (Ablass-)Münze im Kasten klingt. Am Ablasshandel entzündete sich die lutherische Reformation, für Luther habe der schlichtweg den Tatbestand des Betrugs erfüllt, sagt Bendikowski, der nun aber möchte, dass nicht das vermeintliche Hämmern an der Schlosskirchentür zu Wittenberg im Gedächtnis hafte, sondern die klingende Münze. Denn darum geht es, sagt er, „um wahnsinnig viel Geld“.

„Sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum …“ Im Beichthaus murmelt es paternosternd auf Latein. Die hohe Ausstellungsarchitektur scheint eben und eben in den historischen Raum zu passen, aber besser kann ein Ort nicht sein für dieses Thema. Das Beichthaus ist Bestandteil des ehemaligen Dominikanerklosters und gehörte damit zu einem Orden, der den von Martin Luther so heftig attackierten Ablasshandel in Händen hielt. „Ganz sicher haben auch diese Mauern leise Gespräche über den Ablasshandel gehört“, sagt Bendikowski. Die Kalksandstein-Skulptur eines Dominikanermönchs (14. Jahrhundert) aus dem St. Annen-Museum stimmt den Besucher ein.

DominikanermönchDominikanermönchHimmel, Hölle und der da noch junge Wartesaal namens Fegefeuer, durch den man nach dem unmittelbar zu erwartenden Jüngsten Gericht in die Seligkeit gelangt – der Kurator umreißt die vorreformatorische Welt als eine streng geordnete: Wo man nicht auf ora et labora vertraute, respektive der klingenden Münze wegen nicht vertrauen sollte, versprach der Ablassbrief einen möglichst kurzen Aufenthalt im Fegefeuer. Ein Faksimile-Exemplar, dessen Original zu den Schätzen des hansestädtischen Archivs zählt, bereichert die Schau. Es ist ausgestellt am 28. Oktober 1469 für alle Gläubigen, die in der Sänger-Kapelle zu St. Marien gute Werke verrichten. Gute Werke = gutes Geld. Die Ausstellung lebt von Schautafeln. Dass sie eigentlich textlastig ist, tritt angesichts reichhaltiger Bebilderung und einer Gliederung, an der sich Schulbücher ein Beispiel nehmen mögen, in den Hintergrund. Beispielhaft ist auch die Aufbereitung eines vielfach verrufenen Themas: Wirtschaftsgeschichte. Das kann man mit von Fachchinesisch verseuchten Bilanzen machen. Bendikowski macht es mit Menschen, Persönlichkeiten der europäischen Reformationen, Geschichten von Flüchtlingen und Fluchtbewegungen und handfesten Beispielen.

Vergoldete MonstranzVergoldete MonstranzEine zu ihrem Glück nur vergoldete Monstranz (aus Kupfer) erinnert daran, wie die Schätze der katholischen Kirche in den reformierten Teilen Europas zum Zankapfel wurden – und im ab 1530 reformierten Lübeck zur Finanzierung eines Kaperkrieges kurzerhand eingeschmolzen wurden. Ein Kartenspiel aus Emden erzählt von der Flucht der Salzburger Lutheraner, deren Glaube die Existenz der benachbarten katholischen Bildschnitzer bedroht hatte, weil solche Arbeiten in den reformierten Gottesdiensten nicht gefragt waren. Glaubensflüchtlinge zogen hunderttausendfach durch Europa. Emden wurde mit zugewanderten Calvinisten zum wirtschaftlichen Hotspot.

Die Reformation bringt den Buchdruck zum Blühen und den Bienenwachshandel, ein Basisgeschäft der Hanse, zum Einbruch, weil reformierte Altäre dramatisch weniger hell strahlen als katholische. Zum Teil mannshoch seien die Kerzen aus teurem Bienenwachs gewesen, ist zu lesen und allein in St. Marien flackerte das teure Gut auf 40 Altären. Wen wundert es, wenn Hansekaufleute, die den größten Teil der Nachfrage bedienten, wenig begeistert sind vom Wandel zur protestantischen Schlichtheit.

„Alle, die mit der katholischen Kirche Handel treiben, sind von der Reformation betroffen“, sagt Bendikowski und meint neben unmittelbar wirtschaftlichen auch mittelbar ethische Unruheherde: „Darf ich, ein Protestant, mit Katholiken Handel treiben? Komme ich mit einem Gesetz, mit Gott in Konflikt?“ Sogar die Zeit zerbricht an der konfessionellen Grenze: Den Protestanten ist der Gregorianische Kalender, der 1582 unter Papst Gregor VIII. den immer ungenauer werdenden Julianischen ablöst, ein rotes, weil katholisch initiiertes Tuch, sie bleiben bei der alten Zeitrechnung und sind ihren religiösen Rivalen erst um zehn, dann um elf Tage hinterher. Erst im Jahr 1700 rauft man sich zusammen, weil das Leben, vor allem das wirtschaftliche, nach Simplifizierung schreit.

Blick in die AusstellungBlick in die Ausstellung

Mit einer Goldwaage verdeutlicht die Lübecker Ausstellung das Alltagsgeschäft eines europäischen Kaufmanns: Auf die habe dieser die Belange seines Alltags legen müssen, sagt Bendikowski und: „Er war der erste, der den Fuß in der Tür zur praktischen Lösung hat.“ Mit „Toleranz“ ist eine Station der Schau überschrieben: Die ist unabdingbar für erfolgreiche Geschäfte. Friedrich der Große und Voltaire kommen zu Wort. Und am Ende der Besucher selbst: an einem Pult, an dem er Karten stempeln kann, und am Touchscreen, wo er mit Fragen der Gegenwart konfrontiert wird: „Was meinen Sie? Kann der Handel dem Frieden zwischen den Religionen dienen, wie Voltaire meint?“ Und: „Wäre eine Welt ohne Religionen eine friedlichere Welt?“ Man nimmt diese Fragen mit – nach Hause oder auch in die Dauerausstellung, die mit dieser Sonderschau neue Facetten zeigt. Neu ist am Ende auch der Blick auf die zu erwerbenden Devotionalien zum Reformations-Jahr: Luther-Bücher, Luther-Nudeln, Luther-Entchen, Luther-Socken.

GELD. MACHT. GLAUBE – Reformation und wirtschaftliches Leben - Zu sehen bis zum 26. November im Beichthaus des Europäischen Hansemuseums. Ein Begleitbuch zur Ausstellung kostet 13,80 Euro. www.hansemuseum.eu

Fotos: (c) Olaf Malzahn

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