Emil Possehl, Foto: Possehlarchiv Lübeck

Emil Possehl
Nationalist und Mäzen

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Wir wissen wenig über Emil Possehl (1850-1919). Viele Materialien seines persönlichen und beruflichen Lebens sind Opfer des Weltkriegs geworden. Auf Anregung des Willy-Brandt-Hauses, der Dietrich-Szameit-Stiftung und der Gemeinnützigen war der Lüneburger Historiker Dirk Stegmann nach Lübeck gekommen, um über Emil Possehl zu referieren. Der Saal war brechend voll, es gab ein erkennbar großes Interesse. Man möchte gern mehr wissen. Aber: Ein Hinweis auf das Fehlen verlässlicher Quellen war ein Leitmotiv des Vortrags.

Emil Possehl wurde 1850 in Lübeck geboren und starb in Lübeck 1919. Er war insbesondere aktiv im Bereich Kohle, Stahl und Verkehr, er baute ein Weltimperium auf. Und er betätigte sich politisch. Er gehörte den meisten damalig maßgeblichen rechtsradikalen Parteien und Vereinen an. Es gab kaum einen „Ismus“, dem er nicht seine Kraft gewidmet hätte: Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Patriotismus, Patriarchalismus, Militarismus. Den Friedensschluss nannte er den „Judenfrieden“. Die letzten Jahre seines Lebens verliefen überraschend. Er, dessen Ehe ohne Kinder blieb, vermachte sein Vermögen in der Form einer Stiftung der Hansestadt Lübeck, die noch heute vielfach davon profitiert. Die Kunsthalle St. Annen und das Europäische Hansemuseum sind weithin sichtbare Folgen des Vermächtnisses Emil Possehls. Ein Rechtsradikaler und ein Humanist – wie passt das zusammen?

Leider gab es keine Antwort. Und wenn nicht doch noch irgendwann einmal entscheidende Dokumente gefunden werden, wird es wohl auch keine Antwort auf diese Fragen geben. Der Krieg hat seine Arbeit umfänglich getan. Das ist nicht dem Referenten anzulasten. Allerdings hätte er seinen Blick gern weiten dürfen: ins Umfeld, auf die Firmengeschichte der Possehls in der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands und der Welt. Welche Politik z. B. haben die Nachfolger in den Jahrzehnten bis 1945 und danach verfolgt? Hat sich die „rechtsradikale“ Einstellung Emil Possehls in der späteren Firmenpolitik abgebildet?

Engholm, der Moderator des Gesprächs, wies darauf hin, dass die Wirtschaftselite nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs stark dazu beigetragen habe, die Entwicklung Deutschlands zur Demokratie zu verhindern. Und zu dieser Elite gehörte aktiv Emil Possehl. Seine Nachfolger auch?

Unter solchen Umständen wurde von der Sozialdemokratie in den 150 Jahren ihres Bestehens in der Tat viel verlangt. Unterschwellig klang an: vielleicht zu viel. Das Niedermachen von Liberalismus und Sozialdemokratie hatte Folgen. Eine Demokratie zu erkämpfen, sei schwer: Staatsformen fallen nicht vom Himmel. In Deutschland habe eine Aufklärung gefehlt, so lautete Engholms Formel. Grundsätzlich gehöre zur Politik allerdings nicht das schwarz-weiße Denken, sie lebe mit den Grautönen. Das gelte auch für die Bewertung Emil Possehls.

Der Vortrag über Possehl gehört in die Reihe „Das Politische im Denken bedeutender Lübecker“. Immer deutlicher wird, dass die Auswahl der Personen die Bandbreite der Gesellschaft spiegelt. Viele Lübecker freuen sich schon auf den nächsten „bedeutenden Lübecker Bürger“. Bisher sind es 9 gewesen.

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