Konzept Kunsttankstelle
Wo? Wie? Wann? Wer?

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Wo? – Ein Situationsbericht: Gelegen ist das Grundstück Wallstraße 3-5 in 23560 Lübeck. Eine prominente Adresse in direkter Nachbarschaft zum Holstentor. Flankiert von den Salzspeichern an der Trave, nimmt es sich zurückhaltend und bescheiden neben deren fünf spitzen Dächern aus. Das Areal reicht von der Trave in der Sichtachse bis zur Holstentorhalle: ein zentraler Acker Alt-Lübecks, umgeben von der Skyline der sieben Kirchtürme. Es markiert den Mittelpunkt zwischen dem sogenannten Gewerkschaftshaus und der Musikhochschule.

Der detailinteressierte Stadtflaneur muss das Holstentor, das Markenzeichen Lübecks, links liegen lassen und in die Wallstraße rechts einbiegen. Durch parkende Autos vor weiß gestrichenen, jetzt abblätternden Garagentüren, an Graffitis vorbei, eine dahinvegetierende Tankstelle registrierend, die eher in einem alten Western ihren Platz hätte, erreicht der Interessierte das in Augenschein zu nehmende Ambiente. Jedoch lässt sich ein hartgesottener Stadtcowboy nicht abweisen: „Street love“ neben aufgeblähten Buchstaben im Graffiti-Look steht an einer Garagentür zu lesen und amüsiert ermunternd und irritierend. Modische Willkommenskultur auch hier, aber im öffentlichen Kunststil als „street-art“.

Die südliche Begrenzungsmauer zeigt eine stark farbige Bemalung als Werbefläche, davor eine gepflegte Spielfläche des Lübecker Boule Clubs. An die still vor sich hin verfallende Tankstelle aus dem Jahr 1936 (eine der ältesten, noch erhaltenen Tankstellen am Ort) schließt sich ein Garagenhof an (früher Fa. Schulze & Oltmanns).

Die Natur fordert ihr Recht, wilde Gräser und robuste Büsche bedecken Boden und Gebäude. Eine ehemalige Fahrzeughalle dominiert als Großraum. Ein Lenin-Bild prägt eine graue Wand und scheint, über einen Riss gehängt, diese Hauswand auch noch zu halten: Kein „Good-bye, Lenin!“ Ein Glasdach wird zum Oberlicht und öffnet über einen krönenden, zehnarmigen Leuchter – ohne Kerzen – zum Himmel. Das Gebäude verbindet den Hof mit der grünen Wiesenidylle an der Trave. Relikte einer früheren Werft köcheln nostalgisch „maritime Wirtschaft“ auf und lassen Erinnerungen an moderne Installationen aufkommen. Eine alte Winde ist noch zu betätigen, kann Schiffe an Land holen und sie auch in den Fluss setzen. Der Blick geht an einer alten Weide vorbei über die im Sonnenlicht glitzernde, städtische Flusslandschaft hin zum Gebäude der Musikhochschule. Ein Uferweg könnte zum Spaziergang einladen.

Ringsum Stille, ein angenehmer Ort. Darüber ist die berühmte Skyline im Blick abrufbar aufgelistet. Eine Situation zwischen Hafen am Fluss, zwischen Shabby-Chic-Kollektion und Industrie-Design, alles mit Gebrauchsspuren, mit Verfallsdatum. Der Rostcharme der Industriearchitektur, der historische Augenblick in der Geschichte des Vergehens hat seinen Überzeugungswert.

Mit der Sanierung der Tankstelle wäre ein typisches Zeugnis von Industriearchitektur der 30er Jahre vor dem Verfall zu retten, ein Prozess des Vergehens zu stoppen. Aber, es ginge auch der Charme der augenblicklichen Situation verloren. Das wäre eine Sache! Dies nicht in einem Gewerbegebiet eines Vorortes der Stadt, sondern in einem touristisch-strategisch spannenden Gebiet. Jedoch geht die Planung weiter.

Wie? Wann? Wer? – „Das lebendige Atelier“

Noch ruht Kunst − wie sie auch immer definiert werden wird − in übervollen Tanks und wartet auf offene Zapfsäulen. Wie könnte der Weg zu einer Kunsttankstelle verlaufen? Mehrere Konzepte und Veranstaltungen versuchen die Realisierung einer neuen Nutzung, um einen Abriss des historischen Industrie-Ensembles zu verhindern und einen aktuellen Ausbau zu erreichen. Kein Neubau also, sondern Rettung des Alten. Inhaltliches Ziel einer Kunsttankstelle ist „Das lebendige Atelier“. Vierzehn Ateliers für verschiedene Kunstrichtungen sollen aus den vorhandenen Garagen umgeformt bzw. gebaut werden, sodass die kreativen Gedanken als Treibstoff fließen können und Raum zur Herstellung und Präsentation haben. Gedacht wird an viele Kunstsparten und kreative Betätigungen wie Bildhauerei, Malerei, Grafik, Fotografie, Kunsthandwerk, Design, Performance, Literatur, Theater, aktuelle Medien usw. Diese sollten in ihren Entgrenzungen, Überschreitungen und pluralistischen Neusetzungen ein Experimentierfeld haben.

 

Die Ateliers sollten einsehbar und auch zeitweise für Besucher zugänglich sein. Die braunen Holztüren werden aufgearbeitet und dahinter Glastüren eingebaut. Die vierzehn Ateliers entstehen aus den neunzehn Garagen im Innenhof und den weiteren siebzehn Garagen im Tankstellengebäude. Durch raffinierte Zusammensetzung werden variable Raumgrößen erreicht. Aus der Halle, die eine Fläche von 114 qm hat, entsteht ein Galerie- und Ausstellungs- bzw. Veranstaltungsraum. Zu diesem Zweck wird der Raum Trave-seitig um 3,60 m erweitert. Ein Galerie-Café sorgt für die Bewirtung. Natürlich sind die anfallenden Sanierungen der nötigen Infrastruktur wie Strom, Heizkörper, Wasseranschlüsse usw. eingeplant. Das Gebäude und Gelände sollten stadtplanerisch die Stadtkultur aufwerten und das Außengelände miteinbeziehen, sodass das Areal zwischen Gewerkschaftshaus und Salzspeicher ein attraktiver Treffpunkt wird.

Wer ergreift die Initiative?

Im Februar 2015 entschied die Lübecker Bürgerschaft, dass der Kunstverein Defacto-Art in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung das bzw. die Gebäude als einen Atelier- und Galeriestandort umgestalten und entwickeln sollte. Über den Stand der Planungen und der Umwandlung zur Kunsttankstelle Defacto-Art informiert das Konzept vom 26. Februar 2016, das der Verein herausgegeben hat. Er bemüht sich auch um die Durchführung.

Peter Fischer ist 1. Vorsitzender des Vereins Defacto-Art e. V. und Dr. Detlef Radenbuch 1. Vorsitzender des Fördervereins Kunsttankstelle Defacto-Art. Sie – besser, der Verein – sind keine Eigentümer, sondern Nutzer des Geländes. Es ist ihnen „an Hand gegeben“, so heißt es. Nun gilt es, das „Konzept zu realisieren und das leidliche Geldproblem zu organisieren“. Die Ateliernutzer werden eine geringe Miete zahlen, sodass sich der Kunstbetrieb am Leben erhält und sich dreht. Hinzu kommt, dass im nördlichen Gebäudeflügel ein Empfangsbereich geschaffen werden soll, der auch als Geschäfts- und Verkaufsraum dient. Hier soll es Informationen für Gäste und den Verkauf von Kunsterzeugnissen und Werbematerial geben.

Peter Fischer sieht die Kunsttankstelle auch als eine Möglichkeit, die Kombination von Ateliers und Galerie erneut in Lübeck zu aktivieren. Durch den Wegfall des Gedok-Hauses im Glashüttenweg und das Nichtmehrbespielen des Burgklosters als Ausstellungsort ist in Lübeck eine Lücke entstanden: Die Räume im Balauerfohr, wo die Defacto-Art Galerie ihren Wirkungsbereich heute hat, reichen nicht mehr aus. Neben der Lübecker Essigfabrik, neben Gastrollen in anderen Ausstellungsinstitutionen wie in Industriehallen, Kirchen usw. „vervollständigt eine Kunsttankstelle den Kulturgürtel der Stadt von der Musikhochschule über das Holstentor und die Salzspeicher bis zur MuK um eine weitere Perle. Diese kommt nicht nur dem Verein Defacto-Art, sondern anderen Kunstvereinen, nicht organisierten Künstlern und der Öffentlichkeit zu Gute“ (Konzept vom 26.02.2016).

Gebunden ist das Konzept an die historischen Gegebenheiten der vorhandenen Gebäude. Es gibt einen Bebauungsplan: Kühne und raffinierte Neubauten sind von Studenten der Fachhochschule entworfen und ausgestellt worden, sie ruhen als Ideenskizzen bis auf Weiteres. Für die zeitliche Planung werden ungefähr drei Jahre angesetzt. In drei Bauabschnitten sollte die Fertigstellung erfolgen: 1. Bauabschnitt: Sicherung der Gebäude und Ausbau der Ateliers inkl. Hausanschlüsse und Energieversorgung. 2. Bauabschnitt: Ausbau der Galerie mit Erweiterung. 3. Bauabschnitt: Einrichtung des Cafés und Außenanlagen. Während der dreijährigen Umbauphase wird das Interesse für die Besucher z. B. durch „Versteigerungen von Kunstobjekten“ aktiviert. Zur „Museumsnacht“ soll das Gelände beleuchtet sein, auch zum „Tag des offenen Ateliers“ werden die Garagentore und Türen geöffnet. Der Besucher, das Publikum, sollte an der Entwicklung teilhaben.

(Siehe im Internet: www.defacto-art.de/kunsttankstelle)

Fazit

 Wie steht es mit dem Stellenwert der Kunsttankstelle im lokalen Kunst- und Kulturkosmos? Die Lage überzeugt als geographisch herausragend in der Stadt. In fast biedermeierlicher Bescheidenheit dazu stehen die Gebäude und das Gelände zum außergewöhnlichen Ort. Das Raffinement Industriekultur des Alltags bleibt überzeugend: Wer in Lübeck erinnert sich nicht an diese Tankstelle? Aber trotz des Charmes des Dahingammelns wirkt sie augenblicklich auf viele Besucher wie ein ungepflegter Schandfleck.

Die faszinierenden Impressionen des alternden Sich-Umwandelns eines Gebäude-Ensembles werden wohl gestoppt werden müssen: Aufräumen, Fegen, Harken sind anstehende Aktivitäten, natürlich unter biologisch-dynamischen Aspekten und unter Aufsicht. Das Ambiente ist im bzw. am Kern der Stadt, um den sich die Stadt zu drehen scheint. Gern als eine Perle in der Kette kultureller Standorte bezeichnet, kann die Wallstraße 3-5 auch zu einem Ruhepol für Strategien der Stadtentdeckung werden. Dann wäre sie die stabilisierende Mitte eines Kettenkarussells − eine Stadt-Zapf-Säule −, die die Möglichkeiten von kultur- und kunststiftenden Institutionen wie Museen, Vereinen, Kirchen, Industriegebäuden, Ensembles aufleuchten lässt, zur Erkundung animiert, sich dreht und alles in Bewegung hält. Von Stadtflaneuren, Kulturtouristen auf einem Ufer-Wanderweg entdeckt, zur kreativen Teilnahme in Ateliers aufgefordert, ist es obendrein noch „Tourismus-kompatibel“, damit Neuland für einen pluralistischen Kunstkosmos in der Stadt, ein Info-Point künstlerischer Art: ein lebendiges Atelier.

Fotos: Roswitha Siewert

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