Roman Brogli-Sacher, Foto: (c) Holger Braack

Die Lübecker Philharmoniker zelebrieren Beethovens „Neunte“
Mit Schwung und Feuer ins Neue Jahr

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Das Neue Jahr mit Ludwig van Beethovens „Neunter“ zu beginnen, ist traditionell nicht nur in Lübeck das erste kulturelle Großereignis. Denn diese Sinfonie lockt mit ihrem anspruchsvollen und reizvollen Klanggeschehen.

Und sie passt mit ihrem idealistischen Hintergrund, den Schillers Ode „An die Freude“ malt, so recht zum Jahresbeginn, an dem noch alle guten Vorsätze unverbraucht sind, auch bei ungeduldigen Hörern. Sie müssen immerhin auf das gefühlsmächtige, alles umfassende und Millionen von Europäern zur Hymne gewordene Finale fast 50 Minuten warten.

In Lübeck war in diesem Jahr die „Neunte“ zudem erstmals wieder im renovierten, akustisch aufgeputzten Saal der Musik- und Kongresshalle zu erleben. Das mochte ein zusätzlicher Anreiz für viele gewesen sein, ein nahezu volles Haus beschert haben und als hoffnungsvoller Start ein kulturell aktives Jahr versprechen. Reizvoll war zudem, als Dirigenten Roman Brogli-Sacher an seiner alten Wirkstelle wieder zu erleben, jetzt Chefdirigent des Jiangsu Symphony Orchestra in Chinas 10 Millionen Stadt Nanjing. Von 2000 an bis 2015 stand er als Chef vor dem Lübecker Orchester, davon zwölf Jahre als Generalmusikdirektor und sieben Jahre zusätzlich noch als Operndirektor. Er kannte also die Lübecker Philharmoniker und sie ihn, so dass eine gute Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gegeben war. Auch mit einigen der Gesangssolisten und den Chören war es nicht die erste Zusammenarbeit, selbst bei dieser Komposition nicht.

Roman Brogli-Sacher, 2013, Foto: (c) Olaf MalzahnRoman Brogli-Sacher, 2013, Foto: (c) Olaf Malzahn

„Feuertrunken!“ war das Konzert angekündigt, ein Motto ebenso naiv wie plakativ. Es assoziierte eher die Silvesterknallerei als die Freude, mit der Schiller ein elysisches Heiligtum betreten wollte und von der das Programmheft „Schattierungen“ versprach. Es zitierte „Kritische Betrachtungen“, die Hector Berlioz, Beethovens Komponisten-Kollege, einst gemacht hatte. Etwas von der Freude hatte sich auch Dirigent Brogli-Sacher zu Eigen gemacht. Auswendig beherrschte er die differenzierte Partitur und schien mit den drei ersten Sätzen auf die suggestive Wirkung des Finales vorbereiten zu wollen. Forsch forderte er das Können des Orchesters heraus, gab inspirierende Ansätze, ohne sie aber zu verfolgen, ließ die Musiker im Tempo und in der Lautstärke schwelgen, aber weniger im Melodischen und im Klang.

Das bekam dem dramatischen ersten Satz noch recht gut, auch dem dämonisch motorischen zweiten, machte den dritten, die spannungsvolle Vorbereitung auf das furiose Finale, aber zu einsträngig. Das vorwärtsdrängende Finale dagegen hatte Schwung und war Dank einer beeindruckenden Leistung der zwei lebhaft sich einsetzenden Chöre zu dem brillanten Finale fähig, das der Dirigent sich in seinem Plan vorgestellt haben mochte. Den Theaterchor hatte Jan-Michael Krüger einstudiert, die Lübecker Singakademie Gabriele Pott. Dabei fiel auf, dass die Frauen- und Männerstimmen diesmal ausgeglichener klangen als bei früheren gemeinsamen Auftritten.

Bei den Solisten zeigte sich reizvoll die in Schillers Ode weltumfassende Verbundenheit aller Menschen. Der Schweizer Brogli-Sacher dirigierte ein Gesangsquartett mit der argentinischen Sopranistin Carla Filipcic Holm, der aus Polen stammenden Mezzosopranistin Wioletta Hebrowska, dem deutschen Tenor Daniel Jenz, der für den erkrankten Tschechen Juraj Hollý eingesprungen war, und mit dem aus Südkorea stammenden Bass Johan Hyunbong Choi. Auch sie traten, abgesehen von dem Bass, nicht erstmals bei diesem Neujahrsereignis zusammen auf. Premiere war, dass sie diesmal seitwärts neben dem Chor, aber hinter dem Orchester platziert wurden. Das machte sonderbarerweise der Bassstimme zu schaffen. Klar und standhaft hob sich noch seine Schelte ab, „nicht diese Töne“ anzustimmen. Seine erste Oden-Strophe hatte es dagegen schwer, sich ebenso fest und wohltönend vom Orchesterklang abzuheben. Den wunderbar klangvollen und gut harmonierenden Frauenstimmen und dem forschen, strahlkräftigen Tenor gelang es besser, sich im Solo und im Zusammenklang zu behaupten.

Roman Brogli-Sacher, 2013, Foto: (c) Olaf MalzahnRoman Brogli-Sacher, 2013, Foto: (c) Olaf Malzahn

Der Erfolg beim Publikum war groß und der Beifall für dieses erste Musikereignis kräftig und lang.

Es ist noch von dem Nachher zu berichten. Einst war es Gepflogenheit, das Konzert am Neujahrstag als einen Empfang zu gestalten, mit dem die Kultur sich bei dem Reigen der Empfänge an die Spitze stellte und bei dem Vertreter verschiedener Einrichtungen ihre Sicht darlegten. Rudimente sind geblieben. Wer mochte, konnte sich an einem Glas Sekt festhalten und im Foyer noch ein paar Worten lauschen. Christian Schwandt sprach sie, geschäftsführender Direktor des Theaters und damit kraft Amtes dazu ausersehen, wie oft schon das Theater zu repräsentieren. Aber in diesem Jahr fehlten ihm offensichtlich neue Leitlinien, die er mit „Schwung und Feuer“ und mit Witz verkünden konnte, wie man es schon erlebt hatte. Stattdessen verwies er wieder einmal auf die Erfolge des Hauses, auf die Auszeichnungen, die aufzuzählen er nicht müde wird, auf die gute Auslastung an der Trave trotz der fehlenden Zuschüsse, die an der Elbe und anderswo parat stehen. Für seinen Stolz fand er die Formel, dass Lübeck „nicht die reichste, aber die profilierteste“ Stadt sei.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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