Foto: Rafael Payare

Elbphilharmoniker mit einem aparten Programm
Ungarisches in Varianten

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Das war nichts Alltägliches, was die Elbphilharmoniker bei ihrem vierten Konzertabend in der MuK (8. Dezember 2017) boten.

Alle Beiträge waren durch das Motto „Ungarn – verklärt und verkannt“ verbunden, darunter auch Johannes Brahms‘ „Violinkonzert“. Wie Beethovens Werk für das gleiche Instrument, im letzten Konzert vor einem Monat im Programm, stellt es nicht den Solisten in den Vordergrund, sondern verbindet dessen Part auf geniale Weise mit dem des Orchesters. Aber nicht das führte zur Aufnahme in dieses Programm, sondern eine Besonderheit im dritten Satz, dem Rondo-Finale. Brahms wartet dort bekanntlich mit Anklängen „an einen dezidiert ungarischen Tonfall“ (Robert Pascall) auf. Früh war Brahms auf Reisen, bei denen er den ungarischen Geiger Eduard Reményi begleitete, mit dem osteuropäischen Idiom in Berührung gekommen und war nachhaltig begeistert davon. Die „Ungarischen Tänze“ sind wohl das berühmteste Zeugnis dafür, und eben der dritte Satz des Violinkonzertes, an dessen Entstehen ein anderer Geigenvirtuose der Romantik nicht zu unterschätzenden Anteil hatte. Es war Joseph Joachim, der sich das Konzert von seinem Hamburger Freund erbeten hatte.

Foto: Gil Shaham, (c) Luke RatrayFoto: Gil Shaham, (c) Luke RatrayAber dieses komplexe Werk ist nicht eben ein Einspielstück, zu dem es an diesem Abend wurde. Dabei war der Amerikaner Gil Shaham ein Virtuose, der sein Instrument, eine Stradivari, wunderbar zum Klingen bringen konnte, der auch niemals sich vom Orchester zudecken ließ. Dennoch war seine Interpretation mehr dadurch geprägt, dass er eher für sein Instrumentalspiel begeisterte, als dass er ein persönliches Verständnis von Brahms anbot. Sehr häufig wandte er sich dem Dirigenten Rafael Payare zu, der Shahams Rubati und Lautstärken präzise auffing und an das Orchester weitergab. Sehr häufig wandte der Solist sich auch dem Orchester direkt zu, versuchte seinen Enthusiasmus auf die NDR-Musiker zu übertragen, was aber wenig gelang. So hatte man bei diesem Zusammenspiel nicht den Eindruck großer Geschlossenheit. Erst der wirkungsvolle Schlusssatz überzeugte in seiner befreiten Virtuosität. Eine Bach-Zugabe gab es - wie könnte es anders nach Brahms sein? – für den großen Beifall.

Notdürftig eher war der rote Faden zum zweiten Teil des Programms gesponnen, zu György Ligeti (1923-2006) und Béla Bartók (1881-1945), beide in Ungarn geboren. Ist Bartók neben Schönberg, Strawinsky und Hindemith einer der vier Großmeister der Klassischen Moderne, ist Ligeti dem bereits entwachsen. Er entwickelte in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit anderen zusammen eine Neue Musik, deren universelle Klangwelt bis heute von exemplarischer Dichte ist. Der Titel zu Ligetis „Lontano" bedeutet in etwa „in der Ferne“, fängt den Klangeindruck des Verschwommen, scheinbar Unkonturierten ein. Diese besondere Klangwelt, die durch den jungen Venezolaner Rafael Payare, Assistent bei Claudio Abbado und Daniel Barenboim, sehr exakt aufgebaut wurde, vermittelte sich spannend. Ligetis Werk beginnt sehr leise mit Flöte und einem Violoncello. Daraus entwickelt sich ein Klangstrom mit zumeist sehr kleinen Tonschritten, oft im Kanon einsetzend. Auf eine eigene Weise schwebend nimmt das die Hörenden mit, wird eindeutiger, in Klangebenen gegliedert, bis es über ein Crescendo zum Verlöschen geführt wird.

Ganz anders dann die hochexpressive Musik Bartóks, ein Panoptikum krasser, exzessiver Klangbilder. Sie ist eine Konzertfassung seiner Pantomime „Der wunderbare Mandarin“ (1926/27), ist dazu noch musikalisch ganz spezifisch mit dem musikalischen Reichtum seiner Heimat verbunden. Die unterschiedlichen Themen und Melodien formen plastisch das ausschweifende, eher vulgäre Geschehen nach, kulminierend in der tänzerisch-rasanten Stretta, mit dem der Mandarin in den Tod treibt. Rafael Payares präzises, zugleich ungemein mitreißendes Dirigieren animierte das Orchester zu einer heftig bejubelten Wiedergabe.

Diese Kompositionen waren offensichtlich nicht das, was ein normales Publikum anlockt. So sah man an diesem Abend leere Sitze und nach der Pause einige Besucher verschwinden. Wer aber geblieben war, erlebte ein dankenswert inspirierendes Konzert, bei dem allerdings ungenierte Huster die Konzentration störten.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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