Dirigent Paavo Järvi

Beethovens „Violinkonzert“ und Schostakowitschs „Leningrader“
Musikalische Zeitdokumente im dritten Konzert der Elbphilharmoniker

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Beethovens „Violinkonzert“, geschätzt heute als ein ganz großer Beitrag zu seiner Gattung, konnte sich nur langsam durchsetzen.

Das Besondere wurde erst weit nach der Wiener Uraufführung 1806 erkannt und positiv bewertet – heute kaum vorstellbar. Nach wie vor nimmt ihr klassischer Ausdruck gefangen, tat es auch im dritten Konzert der Elbphilharmoniker (MuK Lübeck, 11. November 2017), in einer bewundernswerten Wiedergabe, bei der sich Partner trafen, deren Auffassung sich ergänzte.

Als Dirigent stand Paavo Järvi auf dem Pult und inspirierte das Orchester in einer Weise, die den Elbphilharmonikern offensichtlich lag. Der Este, noch Chef beim NHK in Tokio, zugleich künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen, hatte eine sehr ruhige, doch bestimmende Art. Seine Gestaltung wirkte durchdacht, niemals pathetisch oder aufgesetzt, war im intensiven Miteinander aufmerksam, aber niemals unterkühlt. Und die Musiker folgten mit selten gehörter Brillanz und innerer Teilnahme.

Und auch Frank Peter Zimmermann als Solist ist ein überzeugender, absolut souveräner Interpret, der seine Stellung als „Artist in Residence“ beim Orchester damit sichtbar machte, dass er den Part der Ersten Violinen nahezu durchgängig mitspielte. Er steigerte so hörbar den intensiven Kontakt zum Orchester und vertiefte gleichzeitig Beethovens Absicht, das Soloinstrument nicht als Prima Donna zu behandeln, sondern ihm eine enge Verbindung zum Orchester zu geben. Immer wieder wandte er sich zudem dem Dirigenten zu, wurde damit Mittler der Interpretation durch den Dirigenten. Der packte im ersten Satz frisch zu, betonte das „Allegro“ in der Tempovorschrift „Allegro ma non troppo“. Dadurch wirkten die Paukenschläge drängender, auch erregender als in manch anderer Interpretation. So wurde besser verständlich, was in das Werk hineininterpretiert wird, dass es Kriegerisches widerspiegelt, die Zeit der Belagerung Wiens durch die Franzosen.

Dirigent Paavo JärviDirigent Paavo Järvi

Damit spannte sich ein Bogen zu dem zweiten Stück des Abends, zu Dmitrij Schostakowitschs siebter Sinfonie, die weit direkter und expressiver sich artikuliert. Das gibt der zunächst etwas merkwürdig erscheinenden Zusammenstellung einen inneren Sinn. Zu einem großen Teil 1941 im belagerten Leningrad entstanden, wollte der Komponist ein akustisches Mahnmal gegen brutale Macht setzen. Auch diesem Werk war beschieden, zunächst gründlich verkannt zu werden. Der Missbrauch als Propagandawerk in der Stalin-Ära ist nur ein Aspekt. Auch in späteren Zeiten wurde es selten aufgeführt, weil es allein als Werk kommunistischer Ideologie verstanden wurde, als ein Werk, das durch seine Länge sich zudem schwer vermitteln würde.

Davon konnte in dieser Aufführung keine Rede sein. Das Lübecker Publikum war über die mehr als eineinhalb Stunden gebannt, schon im ersten Satz mit dem klaren Bezug zu Krieg und existentieller Bedrohung. Es schildert in drastischer Manier das Heranrollen einer Militärmaschinerie. Dass es die Hitlers war, macht der Komponist durch ein Thema deutlich, das auch in den Folgesätzen immer wieder melodisch eingewoben wird. Es ist das verzerrte Zitat von Lehárs sekttrunkenem „Da geh ich zu Maxim“, ein markantes Symbol für den eitlen Machthaber, dessen Lieblingsoperette die „Lustige Witwe“ war. Es ist zugleich Ausdruck der sträflichen Verkennung der Lage durch das deutsche Militär, das mal eben Leningrad glaubte einnehmen zu können. Schostakowitsch nutzt dazu Ravels Bolero als Abbild, dessen erotisch explosiver Gestus von Järvi mit dem Orchester atemnehmend eingehalten wird. Die Spannung hielt durch alle Sätze, bis hin zum Finale. Auch ihm gab Järvi eine tiefe Deutung. Oft wird darin eine Hymne auf den Sieg Stalins über Hitler gesehen. Die in einem Durakkord kulminierende Schlusssteigerung verführt dazu. Järvi aber zeigt das Simple solch einer Deutung. Grandios und zugleich schmerzhaft lässt er die sich wiederholende Mollpassage davor sich ausbreiten und stiehlt dem Dur den erlösenden Gestus.

Selten hat man solch einen Beifall gehört.

Fotos: Paavo Järvi 2013 (c) Quincena Musical

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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