Thomas Hengelbrock und das Elbphilharmonie Orchester, 2016, Foto: (c) Olaf Malzahn

Zweites NDR-Konzert
Vom Pathos zur Stille – Mahlers „Neunte“

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Eine gefühlte Ewigkeit dauerte es, bis der Applaus losbrach. Die Musiker des Elbphilharmonie Orchesters hatten Gustav Mahlers Neunte Sinfonie in die Stille geführt und das Lübecker Publikum tief beeindruckt.

Doch die Noten vor ihnen, die sie unter Thomas Hengelbrocks Leitung in konzentrierter Art zum Tönen gebracht hatten, gehörten wohl in der Vorstellung des Komponisten noch nicht zu seinem Vermächtnis. Er, der 1910 im Jahre der Fertigstellung gerade 50 Jahre war, plante mehr. Ein zehntes Werk wollte der Meister des Monumentalen noch schaffen, das aber nur Fragment blieb. Der Tod kam schneller.

So gilt die Neunte als sein „Abschiedsgesang“, auch als sein „Lebenslied“. Beide Begriffe bilden dann auch die Überschrift zu Stefan Schickhaus‘ Programmheftartikel, der sie in diesem Sinne ausdeutet. Viele Verweise auf Zeitgenossen Mahlers und Interpreten helfen. Am Rand findet sich ein Satz des Komponisten Dieter Schnebel: „Wer beim späten Mahler sich an Themen verliert, ihnen nachzuhören versucht, dem wird die Musik zum Irrgarten.“ In dem wollte Hengelbrock sich offenbar auch nicht verlaufen. Er führte die Musiker von Beginn an so, dass sie eigenverantwortlich ihre Themen zu meistern hatten, hatte selbst aber die bewegte Form im Sinn, die Vorstellung eines Gewebes, das polyphon war, aber im Sinne eines Nebeneinander von Gleichwertigem. Das führte im ersten Satz zu dem Eindruck von Sprödigkeit und Kühle, von Klarheit des Aufbaus zwar, aber von einer Interpretation, die das Empfinden hintanstellte.

Thomas Hengelbrock und das Elbphilharmonie Orchester, 2016, Foto: (c) Olaf MalzahnThomas Hengelbrock und das Elbphilharmonie Orchester, 2016, Foto: (c) Olaf Malzahn

Die Partitur gibt jedoch in diesem „Andante comodo“ sehr emotionale Spielanweisungen. „Morendo“ steht da, „misterioso“, „schattenhaft“ oder „molto appassionato“. Das Horn wird aufgefordert, „zurückhaltend zart“ zu singen, ein „Allegro risoluto“ soll dagegen „mit Wut“ vorgetragen werden. Eine besonders ausdrucksvolle Stelle ist ein „schwerer Kondukt“ im Piano. Er könnte mit seinen harten Paukenschlägen und dissonanten Fanfaren zum bedrohlich gespenstischen Leichenzug werden, während der ganze Satz „schwebend“ endet. Von diesen Expressionen vermittelte sich in Hengelbrocks kühler Auffassung eher wenig.

Im zweiten Satz bewunderte der Zuhörer wieder die Instrumentalisten, die das Groteske von Ländler und Walzer ins Ästhetische verwandelten. Das, was zu hören war, war eine vergeistigte Auseinandersetzung mit dem Derben, sein Widerhall, aber nicht sein Ebenbild. Das gilt ähnlich für den dritten Satz, „Rondo-Burleske“ überschrieben und „sehr trotzig“ darzustellen. Erst im vierten Satz, einem „Adagio“, das in großen Teilen eine wunderbare Streichermusik ist, setzte sich doch noch etwas von der Sensualität Mahlers durch, von seiner ungeheuren Klangmagie. Die Streicher schienen sich auf ihre Klangkultur besonnen zu haben, mischten sich aufregend schön und rund mit den Bläsern, vor allem mit Fagott und Horn. Nach einigen schmerzhaften Steigerungen überwältigte der Schluss dann mit seinem vierfachen Piano „ersterbend“.

Die lange Ruhe nach dem letzten, kaum noch wahrnehmbaren Ton zeigte, dass der Genius von Mahler sich zu erkennen gab.

Fotos: (c) Olaf Malzahn

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