Foto: (c) Peng!

Das Quartett trioPLUS mit doppeltem Sologeflüster
trioPLUS und Jazzlegende Conny Bauer in St. Petri

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag St. Petri. Als Zugezogene hatte ich das Privileg, meine Präferenzen unter den vielen Lübecker Kirchen ganz frei, beschwingt und unbeeinflusst von Erinnerungen verteilen zu können. Jede der Kirchen hat ihre ganz eigene Persönlichkeit, aber St. Petri hat mich mit seiner weißen leeren Fülle auf Anhieb erobert.

Beim Eintreten lasse ich jedes Mal die Weite des Außen hinter mir und erwarte, dass sich die Mauern um mich fügen, und jedes Mal öffnet sich stattdessen der weiße Horizont, und während ich das Schwirren der Taue und das Flappen der Segel höre, werden die Kuppeln zum Himmel. Ich mag aber nicht nur St. Petri, ich mag auch Musik. Was könnte es daher Schöneres für mich geben als Musik in St. Petri. Am 22. September 2017 war es mit dem trioPLUS und Conny Bauer als Gast wieder soweit.

Peter Ortmann, Conny Bauer und Florian Galow, Foto: (c) Peng!Peter Ortmann, Conny Bauer und Florian Galow, Foto: (c) Peng!

Das Lübecker trioPLUS mit Peter Ortmann (Klavier), Florian Galow (Kontrabass) und Oliver Sonntag (Perkussion) führt auch dieses Jahr die Veranstaltungsreihe „trioPLUS trifft europäische Jazzlegenden“ fort und hatte für diesen Abend Conny Bauer mit seiner warm strahlenden Posaune als Gastsolist geladen. Das Trio-Quartett hatte uns Zuhörern im Programm enigmatisch „Instant Composing“ Teil 1 und 2 angekündigt. Es war also alles möglich – und es wurde alles möglich.

Mit dieser Filmmusik für nie gefilmte Filme, mit dieser Traummusik für seit Urbeginn der Zeit geträumte Träume begaben wir uns alle zusammen auf eine abenteuerliche Reise. Mit dem wunderbar aufgebauten Wechsel aus Soli und Duetten, die zu drei und vier Stimmen anwuchsen, als Kompass konnten wir uns zurücklehnen und die Augen schließen.

Und während Conny Bauer die Posaune ansetzte und sich mit zarten Tönen langsam zu uns und in die Höhe tastete, wallte der Klang wie morgendlicher Dunst weich über die Fliesen und hüllte uns in Wärme, bis plötzlich ein Ruf aus der Posaune hervorbrach, der sich aber sofort wieder zu Geflüster zurückzog, bis in die tiefe Stille, die sich jedoch umgehend mit Notenwolken füllte. Mit seiner vielstimmig singenden Posaune, auf die wie ein Zwilling der von den Gewölben herabperlende Nachhall leise antwortete, erzählte uns Conny Bauer zusammen mit dem trioPLUS die Geschichte der Musik, nein der Welt, und mit kleinen scharf angeblasenen Noten ließ er unter den Kirchendecken winzige knisternde Papiertüten aus Tönen platzen. 

Conny Bauer, Foto: Peng!Conny Bauer, Foto: Peng!

Die Musiker entführten uns in Steppen und Wüsten, durch nasse Sümpfe und in schwindelnde Höhen. Die von Florian Galow zu Beginn aus dem Bogen gezauberten leichten Schritte durch weiche Wiesengründe wurden immer mehr zum scharfen Takt und gingen in Donnerschläge seines Kontrabasses über, die das Tempo unerbittlich hochschraubten. Doch bevor uns der Atem ausging, wurde der Schritt wieder langsamer, bis Oliver Sonntag mit unregelmäßig präzisem Schlag Gewitterwolken aus den Trommeln aufsteigen ließ, während der Gesang der Landschaft in der Posaune tönte. Peter Florian Galow, Foto: Peng!Florian Galow, Foto: Peng!Ortmann am Klavier, einst den Spiegel als Doppel, hatte hier die Kirche als Mitspieler, die ihre Stimme im Echo erhob, mit dem Klavier den Rhythmus tanzte, bis Schlagzeug und Bass einfielen, die Schritte beschleunigten und uns in irrer Fahrt, aber mit fester Hand sicher durch die wie mit donnernden Hufen fliehende Antilopenherde an Tönen geleiteten. Und wie die Ruhe nach dem Sturm beruhigte das Solo am Kontrabass unsere klopfenden Herzen, als der Bogen zarte Zwiesprache mit den Saiten hielt, so als wolle er seiner Geliebten an einem schwermütig drückenden Sommerabend sorgsam gehütete Geheimnisse entlocken. Aus dem Solo wurde ein Duett, eine dritte Stimme fiel ein und zum Quartett gewachsen zogen die Töne, die kurz zuvor noch durch sanfte Sehnsucht geführt hatten, plötzlich die Nerven wieder stramm und verknäulten sich in der Luft.

Oliver Sonntag, Foto: Peng!Oliver Sonntag, Foto: Peng!Oliver Sonntag tranchierte mit den Stöcken seine Felle, während Peter Ortmann das Klavier von Erdenjagden zu Sommertönen führte, bis er in Jagd innehielt, während Kontrabass und Perkussionblocks uns in weichere, feuchtere Gebiete entführten. Uns umwehten Klänge wie Schneegestöber, während Florian Galow Stille am Hals seines Kontrabasses fand. Aus der scheinbaren Ruhe startete Conny Bauer seinen Posaunengesang wie einen Hubschrauber. Das Klavier wickelte die Klänge der Posaune in Seidenpapier, umhüllte sie, bis sie sich befreien wollten und wie Hummeln, die dem anschmiegsamen Griff der tiefen Blume zu entfliehen suchen, wild und wilder summend das Papier abstreifen wollten, laut und lauter brummend, bis ihnen der Wind der Becken zu Hilfe kam, das Seidenpapier der Klaviertasten knisterte, schloss sich, öffnete sich wieder, bekam Risse, zersprang und ließ die Posaune mit schillerndem Jubel ihren Triumph ausrufen.

Doch schon nahm uns Oliver Sonntag mit auf den Kriegspfad, trieb uns an und gönnte uns keine Ruhe, bis er uns mit den feinsten der feinen Trommelwirbel in die Unendlichkeit entließ. Und schon übernahm wieder Florian Galow Peter Ortmann, Foto: Peng!Peter Ortmann, Foto: Peng!am Kontrabass. Sein Tapping klang wie Stimmenflehen aus einer fernen Telefonleitung, und bald schon wurde er von den leichten Schritten der Vogelfüße auf den Trommeln herausgelockt und in einen harten Rhythmus der Realität gezwungen. Während das Klavier uns mit schnellen Läufen auf der Reise durch die Straßen des Lebens begleitete, kochte Oliver Sonntag mit den Besen an seinem Schlagzeug und bereitete die feinsten Tonspeisen zu. Doch da fielen wieder Kontrabass und Posaune mit dumpfen Schritt, laut vor sich hinstammelnd, ein, aber auch sie fanden im Gehen der Töne die Freude am Laufen, und ihr Takt wurde beschwingt.

Nun sank Oliver Sonntag vor seinem Floortom auf die Knie, streichelte und beruhigte das Instrument, als wollte er ihm versichern, dass ihm nichts Schlimmes geschehen würde, was vielleicht auch nötig war, denn aus dem Streicheln wurde ein lobendes Klopfen, bis erste Ohrfeigen auf den glitzernden Sternenkorpus fielen und der Rhythmus frenetisch wurde. Und während Florian Galow vergaß, dass sein Kontrabass Saiten hat, und über das Holz strich, als wollte er es zum Funkenschlagen zwingen, erzählte Peter Ortmann am Klavier Geschichten, die niemand nacherzählen kann, die wir aber alle mit den Ohren gesehen hatten.

Ja, und wenn dann das Schiffshorn in Conny Bauers Posaune das Ende einspielt und noch längst, nachdem es verstummt ist, seine Echogefährten aus dem Kirchengewölbe zurückgrüßen, dann wird das Schiff unserer Reise zum schnellen Marsch der Lokomotiven der Welt, und wir alle stehen müde, verschwitzt, aber glücklich, wie wirkliche Weltreisende, an den Fenstern und blicken erfüllt auf den zurückgelegten Weg.

Foto: Peng!Foto: Peng!

Vielen Dank an unsere Reiseführer vom trioPLUS und an ihren Gast Conny Bauer, die uns mit so viel Fingerspitzengefühl, so viel Temperament und gleichzeitig so viel Sanftmut durch alle Länder, Landschaften und Launen der Welt geleitet haben!

Mit Freude und Spannung erwarten wir jetzt das nächste Konzert mit trioPLUS und Gast Rüdiger Carl am 20. Oktober.

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