Schleswig-Holstein Festival Chor sang im Bahnhof Kiel
MitSingBahnhof

Gerda VorkampVon

Verschlafen. Zu dumm! Katzenwäsche, kleines Frühstück, kaum Proviant gepackt und ab zum Bahnhof. Kleine Kämpfe mit Fahrrad, Fahrkartenautomat, Fernreisenden. Zum Glück entspannende Zugfahrt nach Kiel und zu früh da. Zeit für einen Kakao ... Und hier soll gleich gesungen werden? Wo genau? Es ist noch nichts zu sehen.

Doch: Eine kleine Kamera wird auf ein Stativ montiert und ausgerichtet auf die relativ kleine Fläche zwischen Info-Stand und Waffel-Stübchen. Eine größere Kamera und Puschel-Mikrophone nähern sich von der gegenüberliegenden Seite und, tatsächlich, hier und da tauchen ein paar Menschen in grauen T-Shirts auf, rücklings bedruckt mit Gold Kehle [sic! Der Bindestrich wird noch vor dem Genetiv das Zeitliche segnen.], Schleswig-Holstein Festivalchor [sic! Glückwunsch zum Mut für diese inoffizielle Schreibweise!] sowie dem Namen des Hemd-Sponsors, angeblich der Lutschpastille schlechthin für sangesfreudige Stimmbänder. Nein, keine Schleichwerbung an dieser Stelle. Die T-Shirts verschwinden auch wieder, stattdessen erklingen vereinzelte Töne des soeben hereinkutschierten Flügels, der von einer Hebebühne flankiert wird. Ansonsten: erst mal nichts.

Es rotten sich aber doch mehr und mehr Menschen in der Bahnhofshalle zusammen, ein Beamter bittet um freie Bahn [ha!] für bepackte Räder und Rollstuhlfahrende, 12 Uhr naht. Eine Dame verteilt mal eben noch kleine, aufwändig, aber sehr übersichtlich gestaltete Broschüren mit Liedtexten, Informationen über den Chor und seinen Dirigenten Nicolas Fink sowie mit Werbung für das SHMF-Abschlusskonzert am Sonntag. Neun Lieder stehen auf dem Programm, eine bunte Mischung mit (leider nur) zwei Ausschnitten aus Orffs „Carmina Burana“, zwei „Mendelssöhnen“, zwei Volksliedern, dem „Abendlied“ von Rheinberger, einem Saint-Saëns und für alle Fußballfans „You’ll never walk alone“ von Hammerstein/Rodgers. Und das alles hier im Getümmel? Die mittlerweile auf gut 200 Schau- und Hörlustige angewachsene Menge blickt erwartungsvoll in die Runde bzw. ins wie durch Zauberhand in der Mitte offen gelassene, noch leere Rund. Fremde kommen miteinander ins Gespräch über das Wie, Was und Warum dieser leicht bizarren Konzertidee. Rechts und links wird gemunkelt, der Chor stehe in Reih und Glied draußen vor der Tür, bereit zum Auftritt – bitte eine Gasse bilden! Das klappt erstaunlich gut. Die grauen T-Shirts kommen in großer Zahl zurück und postieren sich in klassischer Choraufstellung. Der Dirigent in Jeans und ebenfalls grauem Shirt betritt die Hebebühne mit Notenpult und Tablet (das er gar nicht braucht) und wird geliftet – und dabei als kleiner, aber wirkungsvoller Gag für ein paar Sekunden komplett eingenebelt.

Und los geht’s ohne Ansage oder sonstige Umschweife, im Bahnhof erschallt das erste Lied, non-chalant von oben dirigiert und unten klavierbegleitet, wohltönend inmitten aller nun zu Nebengeräuschen degradierten Klänge wie Zug-An- bzw. eher Absagen und den hier und da gnaddeligen Bemerkungen einiger weniger Reisender, die befürchten, ihren Anschluss zu verpassen. Der Chor weiß sich zu behaupten, hier wird auf hohem Niveau gesungen. Das schlägt auch etliche Menschen aus völlig anderen Kulturen kurzzeitig in Bann. Wer kann und mag, singt das ein oder andere mit, spätestens als „Dat du min Leevsten büst“ an der Reihe ist. Viel zu schnell verklingen die neun Stücke; statt einer Stunde, wie angekündigt, wird gerade mal eine halbe gefüllt. Großer Applaus, eine Zugabe, und alles trollt sich mit zufriedenen Gesichtern im Handumdrehen, als wäre im Bahnhof Kiel gar nichts weiter geschehen. Das Ganze trägt Flashmob-Charakter – eine gut gelungene, mit Spaß an der Freude durchgeführte Aktion, die beschwingt durch den weiteren Tag trägt und mich sogar auf dem Rad von Kiel zurück nach Lübeck. Was für ein wundersamer und wunderbarer Tag!

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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