Anderson East, Foto: (c) Joshua Black

Anderson East „Encore“
Mit Reibeisen, Power und Charme

Jennifer BalthasarVon

Die Stimme rau, kratzig und durchdringend, die Instrumente taktgebend mit klar gesetzten Akzenten. Es ist eine moderne Mischung aus R&B, Soul und Roots Rock, die Anderson East und seine Band auf „Encore“ zum Besten geben.

East ist ein Kind der Südstaaten, stammt aus Athens, Alabama, lebt heute in Nashville, Tennessee. Schlank, blond und hellhäutig ist er, wird dieses Jahr 30. Dabei klingt er oft wie ein lebenserprobter Farbiger, der im Laufe seiner Karriere unzählige verrauchte Bars gerockt hat. „Encore“ ist sein viertes Album. Die beiden ersten Platten hatte der studierte Toningenieur noch selbst produziert, zunächst unter seinem bürgerlichen Namen Mike Anderson und mit wechselnden Musikstilen zwischen Country, Rock und Soul, auf der Suche nach der eigenen musikalischen Heimat. Mit seinem dritten Album „Delilah“, das 2015 beim Warner-Label Elektra Records erschien, erreichte East schließlich die Charts und wurde von der US-Presse für seinen innovativen Retro-Ansatz gelobt. Noch größere Popularität erlangte er einige Monate später, als seine Beziehung zu Country-Star Miranda Lambert bekannt wurde.

Anderson East, Foto: (c) Joshua BlackAnderson East, Foto: (c) Joshua Black

Wenn East über Liebe und Sehnsucht singt, könne man die Landschaft der Südstaaten und deren Seele in seiner Stimme hören, heißt es. Mit Power, Witz und Charme reiße er sein Publikum mit, verwandele seine Konzerte in Tanzpartys. Diese Atmosphäre spiegelt auch das Album „Encore“ wider. Schnelle, lebhafte Titel verleiten zum Mitwippen, während die gefühlvollen Balladen Easts Reibeisenstimme schmeicheln. Ihr Klang erinnert an James Brown, an Hits wie „It’s a Man’s, Man’s, Man’s World“ und „I Got You (I Feel Good)“, aber auch an Ray Charles, Van Morrison, Donny Hathaway und an Joe Cockers whiskeygegerbten Sound. Tatsächlich analysiert East die Arbeiten seiner Kollegen genau, achtet auf jede Nuance in deren Stimme, untersucht wie sie bestimmte gesangliche Effekte erzeugen. Deshalb könne er auch beim Autofahren keine Musik hören, sagte er einmal. Er würde sonst 40 Meilen in die falsche Richtung fahren, so eingenommen sei er von deren Werk.

Der stärkste Titel auf Easts neuem Album ist der bereits als Single veröffentlichte Hit „All On My Mind“, den der Sänger gemeinsam mit dem britischen Singer-Songwriter Ed Sheeran schrieb. Voller Inbrunst und mit rauchig-kraftvoller Stimme preist East darin die perfekte Frau an seiner Seite und vereint Temperament und Sinnlichkeit zu einem rockig-flotten Soul-Pop. Ruhiger klingt „King For a Day“, eine charmante, eingängige Ballade mit Country-Blues-Einschlag. Ihre Botschaft: Liebe lohnt sich immer, selbst wenn die Umstände aussichtslos erscheinen. Zu den Highlights gehören auch der einfühlsame Ohrwurm „This Too Shall Last“ und die akzentuiert-stimmungsvolle Ballade „House Is a Building“.

Alles in allem ist Easts Album abwechslungsreich. Das gilt sowohl für Stil und Stimmung als auch für Songqualität und musikalische Umsetzung. Leider kommt East nicht ohne Trivialitäten aus. Trotz charakteristisch kratziger Stimme präsentiert sich „If You Keep Leaving Me“ als swingende Klischee-Ballade mit vorhersehbaren Akkordfolgen und abgegriffenen Textfloskeln. Ted Hawkins’ einfach gestrickten Gitarrensong „Sorry You’re Sick“ arrangieren East und sein Team in einen lautstarken, rhythmusdominierten Schlager, während das Willie Nelson-Cover „Somebody Pick Up My Pieces“ mit elektronisch erzeugten backing vocals überladen scheint. Easts Gesang wirkt bei aller Begeisterung für seine Musik manchmal zu exzentrisch und forciert, vor allem im Finale von „Surrender“. Dabei lautet Easts Motto eigentlich: „Keep it simple.“

Gute Unterhaltung bietet die CD „Encore“ auf alle Fälle. Und das sei die Hauptsache bei dieser Art von Musik, so East. Eine ehrliche, unterhaltsame Show, ohne stylisches Outfit, nur mit T-Shirt und Band, ohne Drumherum. Eine Show, die Spaß und Emotionen rüberbringt. Mitreißend ist der coole Südstaaten-Sound aus dem 21. Jahrhundert durchaus. Der Funke springt über, auch wenn man kein Anhänger der Americana-Bewegung ist. Die Leidenschaft in der Stimme, die Energie, Leichtigkeit und Ungezwungenheit der Performance erinnern an Zeiten, als das Musikbusiness noch nicht so oberflächlich und konfektioniert war, als kommerzielle Musik noch lebendig sein durfte.

 2018 geht Anderson East mit seiner Band auf große Welttour. Die bisher bestätigten Deutschlandtermine sind 26.01. Berlin (Musik & Frieden), 27.01. Hamburg (Nochtspeicher) und 28.01. Worpswede (Music Hall).

Anderson East: Encore, Elektra Records/WEA International (Warner Music), 12. Januar 2018, Amazon

Jennifer Balthasar
Jennifer Balthasar
Publizistin M.A., Magisterstudium der Publizistik, Psychologie und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Freiberuflich tätig in den Bereichen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation. Ihre Schwerpunkte bei „unser Lübeck“ sind moderne Klaviermusik, Alte Musik, Weltmusik und Crossovers sowie klassischer und moderner Tanz.
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