Niklas David und Alexander Wiemer van Veen (Audiac), Foto: (c) David Koenigsmann

Audiac "So Waltz"

Rolf JägerVon

Audiac, das sind Alexander Wiemer van Veen und Niklas David. Ihre Musik ist weniger leicht zu benennen. Ihr Debütalbum 2003, "Thank You For Not Discussing The Outside World", mag bis heute neben "Massive Attack" und "Portishead" fest in den Trip-Hop-Top 20 bei rateyourmusic.com stehen, überschreitet die Genregrenzen aber deutlich.

Auf "So Waltz" nun, dem zweiten Album, 14 Jahre nach dem Debüt (!), überführt sich die „faulste Band der Welt“ (so Faust-Gründungsmitglied und Audiac-Producer Hans Joachim Irmler) in ein auf irritierend unzuverlässige Weise homogenes, dynamisch vielschichtiges Klangbild, das sich einmal mehr der Vorhersehbarkeit entzieht.

Kraftvoll, schwelgerisch, karg, sinnlich, kühl, leicht surrealistisch und widersprüchlich, funktioniert die Musik wie aus sich selbst heraus. Schmerz, Verlangen, Cohen, Scott Walker, Björk. 50 Jahre Elektronik. Gut abgehangenes Chanson. Jazz, Klassik. Nacheinander, ineinander, umeinander. Alles auf einmal. So gut wie gar nichts. Und beides kaum. Was? Ja.

Niklas David (Hamburg) komponiert die singulären Melodien und Soundschichten aus halbakustischen Samples, Klavier und generationsübergreifender Electronica. Sänger und Texter Wiemer van Veen erläutert: „Oft habe ich zu Hause in Tübingen mit der Gitarre einen Song eingesungen, Niklas aber stets nur die Gesangsmelodie geschickt – und er baute dann ganz andere Melodien, völlig neue Klangwelten um meinen Gesang herum. Die wiederum habe ich musikalisch kommentiert. Und so schickten wir Musik-Files hin und her – über ein Jahrzehnt lang.“

Die Live-Umsetzung solcher mit mikroskopischer Akribie realisierter Musik mag unwahrscheinlich erscheinen, ist dennoch möglich; der Auftritt bei wolkenkuckucksheim.tv im SoliZentrum hier in HL vor ein paar Wochen zeigte das. Ein Drahtseilakt aus Disziplin und Selbstentgrenzung, High-Tech und emotionaler Hingabe. Auf der Grundlage der Klaviertracks, die vom Computer kommen, spielt David die Effekte, Akzente, Samples und das elektronische Tastenwerk live. Mit der akzentuiert schütteren Perkussion der exzellenten Schlagzeugerin Anja Füsti wachsen Songscapes mit dezidierten Stimmungsschwankungen und dem Bruch als Verbundstoff. Ein atmender, pochender Klangapparat, in dem Wiemer van Veen mit Faible für große Bögen und einer Stimme, die sie tragen kann, zwischen Crooner-Schmelz, hellhäutigem Soul und kühl/ner Emotionalität Ausdruck findet.

 "So Waltz" ist ein intim wirkender musikalischer Gesamtentwurf mit durchaus existenziellem Gestus, der in keinem Moment zur Nabelschau gerät. Und also polarisiert. Hat man sich der dunkel flimmernden Schönheit der Audiac-Musik erst hingegeben, ist es schwer, sich ihr wieder zu entziehen. www.audiac.net

Audiac: So Waltz, Klangbad74, Oktober 2017, Amazon

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